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Leo Baeck : Der Hirte der Verfolgten

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Die herausragende patriarchalische Gestalt des deutschen Judentums: Leo Baeck (1873 - 1956) Bild: picture-alliance/ dpa

An diesem Dienstag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel der Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden verliehen. Wer war der Mann, nach dem dieser Preis benannt ist? Von Arno Lustiger.

          Leo Baeck wurde am 23. Mai 1873 in Lissa in der ehemals polnischen Provinz Posen geboren. Nach Studien am Breslauer Rabbinerseminar, an den Universitäten in Breslau und in Berlin wie auch an der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ in Berlin wurde er 1895 Rabbiner in Oppeln. Von 1907 bis 1912 amtierte er in Düsseldorf und ab 1912 in Berlin.

          Als der Erste Weltkrieg ausbrach, folgten Tausende Juden dem Aufruf, der lautete: „Alle Deutschen müssen ihre Pflicht tun, aber die deutschen Juden müssen mehr als ihre Pflicht tun.“ 100 000 Juden dienten im Heer und in der Luftwaffe, 80 000 von ihnen an der Front, 12 000 sind gefallen. Der einundvierzigjährige Familienvater Baeck eilte als einer der ersten Freiwilligen zu den Fahnen und diente bis 1918 als Feldgeistlicher an allen Fronten des Krieges. Mit seinen Amtsbrüdern leitete er Gottesdienste an der Front, betreute Verwundete, gestaltete Trauerfeiern für die Gefallenen und umsorgte mit Hilfe jüdischer Organisationen und der kaiserlichen Armee viele notleidende Juden in den besetzten Ostgebieten. Welch ein Unterschied zur brutalen deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg! Baeck war vermutlich der einzige berittene Feldrabbiner der Geschichte; der hervorragende Reiter konnte zu Pferde auch entlegene Frontabschnitte erreichen.

          Bekanntester Vertreter des liberalen Judentums

          Nach dem Krieg wurde Leo Baeck zum bekanntesten Vertreter des liberalen deutschen Judentums und übernahm neben dem Rabbinat in Berlin repräsentative Ämter in jüdischen Organisationen. Zugleich war er Professor an seiner Alma Mater, der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“.

          1898 hatte der deutsche Rabbinerverband seinen Protest gegen die Abhaltung des ersten Zionistenkongresses 1897 in München bestätigt, weil für Juden der Zionismus mit ihrem deutschen Patriotismus unvereinbar war. Theodor Herzl musste den Kongress verärgert nach Basel verlegen. 92 „Protestrabbiner“ stimmten in der Generalversammlung in Berlin für und nur zwei gegen den Protest; einer von ihnen war der fünfundzwanzigjährige Leo Baeck. Später war er Präsidiumsmitglied des Palästina-Hilfswerks „Keren Hayessod“ und der „Jewish Agency“, der vom Völkerbund bestimmten jüdischen Selbstverwaltung in Palästina. 1926 begründete er mit Albert Einstein, dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, dem Reichstagspräsidenten Paul Löbe und anderen das „Deutsche Pro-Palästina Komitee“ in Berlin. Nach dem Kriege teilte er die Meinung von Martin Buber von der Notwendigkeit einer Verständigung mit den Arabern. 1947 hielt er sich zwei Monate lang in Palästina auf. 1948 begrüßte der Nichtzionist Baeck die Staatsgründung Israels.

          Schon 1948 streckte er die Hand aus

          1901 erschien das Buch des bedeutenden Kirchenhistorikers Adolf Harnack „Das Wesen des Christentums“, das eine Verunglimpfung des Judentums darstellte. Er behauptete, dass die Juden von Gott verlassen worden wären. Das Alte Testament habe von der ersten bis zur letzten Seite nicht das Geringste mit den Juden zu tun. Unrechtmäßig hätten die Juden es sich angeeignet und als ihr alleiniges Eigentum beansprucht. Das Christentum habe sich aus dem Schutt der jüdischen Religion entfaltet.

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