https://www.faz.net/-gqz-vx04

Leo Baeck : Der Hirte der Verfolgten

  • -Aktualisiert am

Die herausragende patriarchalische Gestalt des deutschen Judentums: Leo Baeck (1873 - 1956) Bild: picture-alliance/ dpa

An diesem Dienstag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel der Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden verliehen. Wer war der Mann, nach dem dieser Preis benannt ist? Von Arno Lustiger.

          Leo Baeck wurde am 23. Mai 1873 in Lissa in der ehemals polnischen Provinz Posen geboren. Nach Studien am Breslauer Rabbinerseminar, an den Universitäten in Breslau und in Berlin wie auch an der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ in Berlin wurde er 1895 Rabbiner in Oppeln. Von 1907 bis 1912 amtierte er in Düsseldorf und ab 1912 in Berlin.

          Als der Erste Weltkrieg ausbrach, folgten Tausende Juden dem Aufruf, der lautete: „Alle Deutschen müssen ihre Pflicht tun, aber die deutschen Juden müssen mehr als ihre Pflicht tun.“ 100 000 Juden dienten im Heer und in der Luftwaffe, 80 000 von ihnen an der Front, 12 000 sind gefallen. Der einundvierzigjährige Familienvater Baeck eilte als einer der ersten Freiwilligen zu den Fahnen und diente bis 1918 als Feldgeistlicher an allen Fronten des Krieges. Mit seinen Amtsbrüdern leitete er Gottesdienste an der Front, betreute Verwundete, gestaltete Trauerfeiern für die Gefallenen und umsorgte mit Hilfe jüdischer Organisationen und der kaiserlichen Armee viele notleidende Juden in den besetzten Ostgebieten. Welch ein Unterschied zur brutalen deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg! Baeck war vermutlich der einzige berittene Feldrabbiner der Geschichte; der hervorragende Reiter konnte zu Pferde auch entlegene Frontabschnitte erreichen.

          Bekanntester Vertreter des liberalen Judentums

          Nach dem Krieg wurde Leo Baeck zum bekanntesten Vertreter des liberalen deutschen Judentums und übernahm neben dem Rabbinat in Berlin repräsentative Ämter in jüdischen Organisationen. Zugleich war er Professor an seiner Alma Mater, der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“.

          1898 hatte der deutsche Rabbinerverband seinen Protest gegen die Abhaltung des ersten Zionistenkongresses 1897 in München bestätigt, weil für Juden der Zionismus mit ihrem deutschen Patriotismus unvereinbar war. Theodor Herzl musste den Kongress verärgert nach Basel verlegen. 92 „Protestrabbiner“ stimmten in der Generalversammlung in Berlin für und nur zwei gegen den Protest; einer von ihnen war der fünfundzwanzigjährige Leo Baeck. Später war er Präsidiumsmitglied des Palästina-Hilfswerks „Keren Hayessod“ und der „Jewish Agency“, der vom Völkerbund bestimmten jüdischen Selbstverwaltung in Palästina. 1926 begründete er mit Albert Einstein, dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, dem Reichstagspräsidenten Paul Löbe und anderen das „Deutsche Pro-Palästina Komitee“ in Berlin. Nach dem Kriege teilte er die Meinung von Martin Buber von der Notwendigkeit einer Verständigung mit den Arabern. 1947 hielt er sich zwei Monate lang in Palästina auf. 1948 begrüßte der Nichtzionist Baeck die Staatsgründung Israels.

          Schon 1948 streckte er die Hand aus

          1901 erschien das Buch des bedeutenden Kirchenhistorikers Adolf Harnack „Das Wesen des Christentums“, das eine Verunglimpfung des Judentums darstellte. Er behauptete, dass die Juden von Gott verlassen worden wären. Das Alte Testament habe von der ersten bis zur letzten Seite nicht das Geringste mit den Juden zu tun. Unrechtmäßig hätten die Juden es sich angeeignet und als ihr alleiniges Eigentum beansprucht. Das Christentum habe sich aus dem Schutt der jüdischen Religion entfaltet.

          Der religionswissenschaftlich gebildete Baeck antwortete zunächst mit einer Rezension; 1905 erschien seine Streitschrift gegen Harnack: „Das Wesen des Judentums“. Baeck widerlegte alle antijüdischen Thesen und Theorien Harnacks, und zwar ohne jegliche Kritik an Jesus; im Gegenteil, für ihn verkörperte dieser, was im Judentum das Reinste und Wertvollste ist. Zugleich forderte Baeck die Christen zu einem Dialog auf, der jedoch von den Kirchen lange Zeit verweigert wurde. Erst allmählich, nach dem Holocaust, besinnen sich die Christen auf ihre jüdischen Wurzeln. Einen besonderen Beitrag hierzu leistete mein Cousin, der Pariser Kardinal Lustiger. Aber schon im Oktober 1948 streckte Baeck seine Hand zur Verständigung aus, als er an der Tagung „Kirche und Judentum“ in Darmstadt unter Vorsitz von Martin Niemöller teilnahm.

          Materielle, moralische und geistige Hilfe

          1933 wurde Leo Baeck zum Präsidenten der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ gewählt. Als Dachorganisation der jüdischen Verbände leistete sie materielle, moralische und geistige Hilfe für die von schwersten antisemitischen Verfolgungen bedrängten deutschen Juden. Die Mitarbeiter der Reichsvertretung standen vor der Aufgabe, ungeachtet des Naziterrros, der Entrechtung und Ausplünderung der Juden, sich um die Wohlfahrtseinrichtungen, Schulen mit dem Ziel der Berufsumschichtung, Auswanderung und Bildung zu kümmern, wozu eine große Zahl von Mitarbeitern mit einem entsprechenden Personaletat notwendig war.

          Kurz nach Erlass der Nürnberger Gesetze verfasste Leo Baeck einen Aufruf, der in allen deutschen Synagogen am 6. Oktober 1935 am Vorabend des Jom-Kippur-Versöhnungsfestes vor dem heiligen Gebet „Kol Nidre“ verlesen werden sollte. Im Text heißt es unter anderem: „Wir stehen vor unserem Gott. Mit derselben Kraft, mit der wir unsere Sünden bekennen, die Sünden des Einzelnen und die der Gesamtheit, sprechen wir es mit dem Gefühl des Abscheus aus, dass wir die Lüge, die sich gegen uns wendet, die Verleumdung, die sich gegen unsere Religion und ihre Zeugnisse kehrt, tief unter unseren Füßen sehen. Wir bekennen uns zu unserem Glauben und zu unserer Zukunft. Trauer und Schmerz erfüllen uns. Schweigend, durch Augenblicke des Schweigens vor unserem Gott, wollen wir dem, was unsere Seele erfüllt, Ausdruck geben. Eindringlicher als alle Worte es vermochten, wird diese schweigende Andacht sprechen.“

          So direkt, laut und öffentlich hatte niemand protestiert

          Dieser Aufruf beweist den Mut des Verfassers, denn in den zwölf Jahren des NS-Regimes hat niemand gewagt, so direkt, laut und öffentlich einen Protest auszudrücken. Auf Befehl der Gestapo wurde den Rabbinern in ganz Deutschland durch Telegramme das Verlesen des Aufrufs verboten. Leo Baeck wurde verhaftet und nach einigen Tagen entlassen, wobei er sich weigerte, die unkoschere Gefängniskost zu essen.

          Ab 1939 entzogen die Behörden allen jüdischen Einrichtungen die Selbständigkeit und schufen als Ersatz die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, die von der Gestapo kontrolliert wurde. Diese Organisation kümmerte sich um die noch sporadisch mögliche Auswanderung, um das Schulwesen und vor allem um die jüdische Wohlfahrtspflege, ohne welche die verarmten, in den sogenannten „Judenhäusern“ Zusammengepferchten noch vor der Deportation verhungert wären.

          Zentrale Figur eines passiven Widerstandes

          Baeck blieb an der Spitze auch dieser Organisation und lehnte Angebote zur Emigration ab. Er war die zentrale Figur eines passiven, jedoch spirituell aktiven Widerstandes, denn er war fest davon überzeugt, dass das Regime eines Tages zusammenbrechen würde: „Dieses System muss untergehen, weil es auf Lügen aufgebaut ist.“ Bis 1942 wurde Baeck fünfmal verhaftet. Er verlor vier Schwestern, zwei Brüder und viele enge Freunde und Mitarbeiter. Trotzdem brachte ihm diese Position nach dem Kriege viele Vorwürfe ein, meist von Menschen, die das Glück hatten, durch zum Teil legale Emigration, den Holocaust im sicheren Amerika oder anderswo auszusitzen.

          Zwischen 1933 und 1941 konnten von den 550 000 deutschen Juden etwa 200 000 auswandern, davon 60 000 nach Palästina. Hierzu waren Verbindungen zu Konsulatsbeamten und Mittel für Schmiergelder sowie Gebühren bei der Visabeschaffung, für den Unterhalt, Transport und Schiffspassagen notwendig. Es war eine gigantische Aufgabe und eine Gratwanderung zwischen Rettungsversuchen und ungewollter, erzwungener Verstrickung, die für Tausende von Juden über Leben oder Tod entschied. Die Kontakte und Mitarbeit von deutschen Beamten waren dabei unumgänglich und selbstverständlich.

          Anfeindungen von Arendt, Bettelheim und Hilberg

          All das hinderte zum Beispiel Hannah Arendt nicht, in der englischsprachigen Ausgabe ihres Buches „Eichmann in Jerusalem“ Leo Baeck mit dem Wort vom „the Fuehrer of the German Jews“ zu verunglimpfen, womit sie ihn semantisch in die Nähe Hitlers und seiner Schergen stellte. Dieses Schandwort hatte sie in der ersten Ausgabe von Raul Hilbergs „The Destruction of the European Jews“ von 1961 gefunden. Sie schrieb: „Die Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihres eigenen Volkes ist zweifellos das dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte.“ Anschließend zitierte sie Hilberg, der den todgeweihten Juden Europas Mitschuld an ihrer Ermordung andichtete, indem er zum Beispiel schrieb: „Die Juden stürzten sich in ihr Unglück . . . Der Holocaust war kein Zufall.“

          In seinem ansonsten verdienstvollen Werk über die Vernichtung der europäischen Juden schrieb Hilberg unter dem Titel „Reichsvereinigung 1939“: „Die Sicherheitspolizei wurde ermächtigt, die Reichsvereinigung der Juden mit weiteren Aufgaben zu betrauen. Diese ,weiteren Aufgaben' sollten den jüdischen Verwaltungsapparat in ein Werkzeug für die Vernichtung der jüdischen Gemeinde verwandeln. Die Reichsvereinigung mit ihren Gemeinden und Landesverbänden sollte zum Erfüllungsgehilfen der deutschen Vernichtungsmaschinerie werden.“

          Damit unterstellt er, dass Baeck schon 1939 das wissen musste, was damals noch niemand in der Welt, vielleicht außer Hitler selbst, ahnen konnte, nämlich, dass wenige Jahre später Millionen von Menschen fabrikmäßig getötet werden sollten. An diesen Behauptungen von Arendt, Bettelheim und Hilberg, der auch den jüdischen Widerstand negierte oder bestenfalls bagatellisierte, gab es nur in Deutschland keine Kritik.

          Die Welt vor Hitler warnen

          Über die Kontakte Baecks mit dem zivilen deutschen Widerstand ist wenig bekannt. Hier spielte Robert Bosch in Stuttgart, Chef des gleichnamigen Weltkonzerns, eine wichtige Rolle. Er war ein geschworener Feind der Nationalsozialisten, beschäftigte verbotenerweise jahrelang jüdische Mitarbeiter und verhalf Hunderten von Juden durch großzügige Geldzuwendungen zur Rettung durch Emigration. Nur noch Ernst Leitz in Wetzlar hat sich unter den deutschen Industriellen ähnlich verhalten. Bosch beschäftigte Carl Goerdeler, das Haupt des zivilen Widerstandes, als offiziellen Berater, er deckte und finanzierte Goerdelers zahlreiche Auslandsreisen, die dem Zwecke dienten, die Welt vor Hitler zu warnen. Hierbei wirkte als engster Vertrauter von Bosch der 1883 geborene Direktor seiner Werke, Hans Walz.

          Er war es, der ständigen Kontakt mit Baeck hielt und über geheime Auslandskonten des Bosch-Konzerns beträchtliche Mittel für die Auswanderung von Juden bereitstellte. Walz war auf der Kabinettsliste Goerdelers als Reichsverkehrsminister vorgesehen. Nach dem Kriege hat er ein umfangreiches Dokument über diese Ereignisse erstellt. 1966 wurde er für seine Verdienste zum Ehrenvorsitzenden des Boschkonzerns auf Lebenszeit ernannt.

          1600 Seiten in nur fünf Monaten?

          Im Mai 1942 erteilte SS-Sturmbannführer Friedrich Suhr, Jurist im berüchtigten Judenreferat IV B von Eichmann, Leo Israel Baeck den Befehl, eine Studie unter der Mithilfe von Rabbiner Leopold Lucas zu verfassen: „Die Entwicklung der Rechtsstellung der Juden in Europa, vornehmlich in Deutschland“. Das 1600 Seiten starke Manuskript wurde im Oktober 1942 dem Auftraggeber überreicht. Es ist meines Erachtens auszuschließen, dass diese gut recherchierte, mit einem wissenschaftlichen Apparat versehene Arbeit innerhalb von nur fünf Monaten geschrieben werden konnte. Vermutlich basierte das Manuskript auf einem Werk, an welchem Baeck seit 1933 arbeitete, und zwar im Auftrage des deutschen Widerstandes.

          Diese Behauptung Baecks kann zwar wegen fehlender Dokumente nicht bestätigt, aber auch nicht widerlegt werden. In einem Aufsatz im Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Jüdischen Museum „Leo Baeck. Aus dem Stamme von Rabbinern“ in Frankfurt im Jahre 2001, beschrieb Hermann Simon die Entstehung des Werks, was eine kurze, aufgeregte Diskussion auslöste. Es war ein Mini-Historikerstreit.

          Warum erwähnte Baeck nach dem Kriege den Gestapo-Auftrag nicht, warum gab er nur den deutschen Widerstand als Auftraggeber an? Viele Überlebende wurden nach dem Kriege von „Wegschauern“ und Emigranten mit dem Generalverdacht konfrontiert, dass sie ihr Überleben der Kollaboration verdankten. Baeck hatte gute Gründe, über das Geschehen während des Holocaust zu schweigen. Die Behauptungen von Hannah Arendt und Raul Hilberg rechtfertigen postum seine Motive.

          Als Theresienstadt befreit wurde, bleib Baeck

          Baeck wurde verhaftet, er traf mit dem Transport 1/87 am 28. Januar 1943 in Theresienstadt ein und bekam die Häftlingsnummer 187 984. Vorher musste er einen „Heimeinkaufvertrag“ unterschreiben und RM 15 200 für das Privileg bezahlen, in dieser Hölle vegetieren zu dürfen. Es gelang ihm, eine von vier Kopien des erwähnten Manuskripts, als Toilettenpapier camoufliert, ins Lager zu schmuggeln und bis zum Kriegsende zu verwahren. Baeck wurde in Theresienstadt absichtlich einer „schlechten“ Arbeitskolonne zugeteilt und musste Müllkarren durch die Straßen des Lagers ziehen. Später durfte er Vorträge halten. Am 6. August 1944 hielt er den fünfhundertsten Vortrag.

          Am 8. Mai 1945 wurde das Lager befreit, aber Baeck blieb, um den vielen Kranken und Sterbenden beizustehen. Erst am 30. Juni 1945 reiste er zu seiner Tochter und ihrer Familie nach London. Bald wurde er Präsident des „Council of Jews from Germany“ und der liberalen „Weltunion für progressives Judentum“. Schon im Dezember 1945 besuchte er seine Freunde und Verehrer in den Vereinigten Staaten. Später, von 1948 bis 1953 war Baeck Professor am „Hebrew Union College“ in Cincinnati. In einem Interview in der New Yorker Exilzeitung „Aufbau“ sagte er: „Die Geschichte des deutschen Judentums ist definitiv zu Ende. Die Uhr kann nicht zurückgestellt werden . . . Die Rückkehr nach Deutschland? Ich sehe für Juden keinerlei Möglichkeit hierzu. Zwischen dem deutschen Judentum und der Epoche 1933 bis 1945 steht zu viel. So viel Mord, Raub, Plünderung, so viel Blut, Tränen, Gräber können nicht ausgelöscht werden.“

          „Einem Volk kann nur Gott vergeben

          Wie sah das jüdische Leben in Deutschland damals aus? 1947/1948 lebten in Deutschland etwa 230 000 Juden, die meisten von ihnen mit gepackten Koffern in Lagern für „Displaced Persons“. Es war eine Art Asyl bis zur ersehnten Auswanderung. 1948 gab es eine große Emigrationswelle, es blieben nur wenige tausend deutsche Juden und ehemalige DPs. Die jüdischen Weltorganisationen erklärten damals einen virtuellen Bannfluch; es sollte kein jüdisches Leben mehr in Deutschland geben; alle Büros dieser Organisationen wurden geschlossen.

          Leo Baeck hat seine Meinung über die jüdische Existenz von 1945 später revidiert, als er, den Boykott gegen die Juden ignorierend, am 29. September 1948 zu einem siebenwöchigen Besuch in Deutschland eintraf. Er wollte den Juden hier Mut zum Wiederaufbau ihrer Gemeinden zusprechen. Beim offiziellen Bankett in Hamburg wurde er von Hendrik van Dam, Karl Katz und Norbert Wollheim willkommen geheißen, der ihn auf den meisten Reisen anschließend begleitete. Auch Ralph Giordano war zugegen. Ernst Lowenthal begrüßte ihn mit den Worten: „Sie waren und sind der Fürst in unserer Mitte, der Inbegriff des deutschen Judentums.“ Am nächsten Tag besuchte Baeck das DP-Lager in Bergen-Belsen, wo er vom Vorsitzenden des ZK der Juden der britischen Zone, meinem Bendziner Landsmann Josef Rosensaft, begrüßt wurde. Dieser hat mich zum Bankett zu Ehren von Baeck im „Rundhaus“ des Lagers eingeladen. Anschließend besuchte Baeck fast alle jüdischen Gemeinden, leitete Gottesdienste, auch an den hohen Feiertagen, hielt Vorlesungen und gab Pressekonferenzen.

          Am 13. Oktober 1948 besuchte Baeck auch Frankfurt, wo er in der Pressekonferenz erklärte: „Denen, die mir Böses getan haben, vergebe ich. Aber einem Volk kann nur Gott vergeben.“ Er erklärte auch, dass Wiedergutmachung keine Frage des Geldes, sondern eine des Rechts sei. Auf Geld kann man verzichten, aber nicht auf das Recht. „Wenn ich auf das Recht verzichte, verzichte ich auf mich selbst.“

          Vermächtnis des deutschen Judentums erforschen

          Mehrmals während seines Besuches betonte er, dass es zwar keine Kollektivschuld gebe, aber eine gemeinsame Verantwortung. Oft erinnerte er an Menschen, die den Juden in ihrer schlimmsten Zeit, ihr Leben riskierend, geholfen hatten. Mehrere Institutionen, Schulen, Logen, Synagogen und Gemeindezentren auf der ganzen Welt tragen den Namen Leo Baeck. Die wichtigste ist das „Leo Baeck Institute“ LBI, mit Forschungs- und Archivzentren in Jerusalem, London, New York, einer Dependance in Berlin, dem Förderverein in Frankfurt und dem „Wissenschaftlichen Beirat“ in München.

          1955 kamen in der Wohnung von Martin Buber in Jerusalem einige Vertreter der deutschen Juden zusammen und gründeten das LBI, dessen Aufgabe es war, das Vermächtnis des vernichteten deutschen Judentums zu erforschen und für die Nachwelt zu bewahren. Jedem der drei Zentren wurden spezifische Aufgaben anvertraut. Das LBI London gibt seit 1956 das berühmte „Year Book“ heraus. Die bisher erschienenen 50 Ausgaben enthalten auf rund 25 000 Seiten etwa tausend Aufsätze auf höchstem wissenschaftlichen Niveau. Die fortlaufende Bibliographie zur Geschichte der deutschen Juden enthält über 46 000 Titel. Somit sind die deutschen Juden die am besten erforschte Gemeinschaft der Welt.

          Ein weiser Nathan unserer Zeit

          Das LBI-Zentrum in New York ist im Besitz der größten Sammlung von Dokumenten und Materialien zur deutsch-jüdischen Geschichte weltweit, mit einer Bibliothek von über 65 000 Bänden und etwa 750 deutsch-jüdischen Zeitschriften. Die Kunstsammlung des LBI besteht aus etwa 4000 Gemälden und Objekten, das Archiv umfasst 1000 laufende Meter Akten, darunter eine Sammlung von rund 9000 Dokumenten von Einzelpersonen, Familien, Organisationen und jüdischen Gemeinden. Die Bildersammlung enthält fast 30 000 Fotos, die meist digitalisiert sind. Im Jahre 2001 wurde eine Dependance des LBI New York im Jüdischen Museum in Berlin eröffnet, die unzählige Dokumente, oft als Mikrofilm kopiert, Studenten und Forschern der deutsch-jüdischen Geschichte zur Verfügung stellt. Das LBI Jerusalem ist Herausgeber eines jährlich erscheinenden Almanachs.

          Leo Baeck war die herausragende patriarchalische Gestalt des deutschen Judentums und Zeuge des schrecklichen Jahrhunderts mit seinen Kriegen, Revolutionen, Massenmorden, Verfolgungen und Vertreibungen. Er verkörperte Toleranz und gegenseitigen Respekt zwischen Menschen jeglicher Herkunft; er war ein weiser Nathan unserer Zeit. Sein Biograph Leonard Baker nannte ihn den „Hirten der Verfolgten“.

          Sein Name sollte nie vergessen werden

          Als Leo Baeck am 2. November 1956 in London starb, lud der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Jüdische Gemeinde in Frankfurt am 19. Dezember 1956 zu einer Gedenkstunde in der Westend-Synagoge ein. Die Festrede hielt der ehemalige Rabbiner der Liberalen Gemeinde Frankfurts, Dr. Georg Salzberger, der sein Freund und wie Baeck auch Feldrabbiner war. Als Vorstandsmitglied der gastgebenden Gemeinde nahm ich an der Feier teil. Der Bericht hierüber im Frankfurter Gemeindeblatt hatte den Titel „Sein Name wird nie vergessen werden“.

          Stimmt das? Eher nein, denn der Ruhm Leo Baecks in der deutschen Öffentlichkeit verblasst. Die jährliche Verleihung des Preises, der seinen Namen trägt, wäre eine gute Gelegenheit, sich mit dem geistigen Erbe dieser wichtigsten Gestalt des deutschen Judentums zu befassen.

          Weitere Themen

          Was war sein Leben?

          Arzt Ferdinand Sauerbruch : Was war sein Leben?

          Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch gilt bis heute als einer der bedeutendsten deutschen Mediziner. Die Serie „Charité“ thematisiert nun sein Verhältnis zum NS-Regime. Weniger bekannt ist die Tragik seiner letzten Jahre.

          Goldener Bär für „Synonymes“ Video-Seite öffnen

          Israelischer Film : Goldener Bär für „Synonymes“

          Der israelische Regisseur Nadav Lapid ist von der Berlinale-Jury für seinen Film „Synonymes“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Deutschland wurden am Samstagabend in Berlin auch zwei deutsche Regisseurinnen ausgezeichnet.

          Topmeldungen

          IS-Kämpfer im irakischen Mosul (Archivbild aus dem Juni 2014)

          Die Rücknahme von IS-Kämpfern : Zurück zum Rechtsstaat

          Im Umgang mit IS-Kämpfern kann Deutschland ein Zeichen setzen. Nicht als Vaterland von Verrätern, sondern als Verfechter der Werte der freien Welt. Dazu zählt die Unschuldsvermutung – aber auch, dass jede Tat verfolgt und angemessen bestraft werden muss. Ein Kommentar.

          Framing-Manual der ARD : Es ist Irrsinn, aber es hat System

          Wer keinen Rundfunkbeitrag zahlt, ist „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“: Warum die ARD jetzt semantische Gehirnwäsche übt.

          Russland und Europa : Pipeline-Grüße aus München

          Nach ihrem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz feiert die russische Staatspresse Angela Merkel. Sie widersetze sich „illegalen“ Versuchen der Amerikaner, das Gaspipelineprojekt Nord Stream 2 noch zu verhindern, heißt es in Moskau.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.