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Feministisches Magazin „Lenny“ : Empowerment statt Nervensägerei

  • -Aktualisiert am

Lena Dunham ist eine der beiden Gründerinnen des feministischen Magazins „Lenny“. Bild: NATHAN BAJAR/The New York Times/

Mit dem Newsletter „Lenny“ haben die „Girls“-Produzentinnen Lena Dunham und Jenni Konner Vorarbeit für die #MeToo-Debatte geleistet. Jetzt wollen sie den Feminismus monetarisieren.

          Neulich bei den Golden Globes sprach die Schauspielerin Frances McDormand von der „tektonischen Verschiebung in der Machtstruktur unserer Industrie“. Die Verschiebung bedeutete, dass ab sofort jeder Übergriff auf Frauen ausgesprochen werde. Und aufgrund ihrer Rede zu diesem Thema sah man Oprah Winfrey in Hollywood schon als mögliche Präsidentin der Vereinigten Staaten.

          Angesichts all dieser Verschiebungen, angesichts des Auftauchens neuer Retter und Protagonisten an der feministischen Entertainment-Front hat man das Gefühl, so ungefähr müsste es sich in den ersten oder den letzten Tagen der Französischen Revolution angefühlt haben: Eine seltsame, volatile, nicht ganz einschätzbare Energie bahnte sich einen Weg. Und zwar in Richtung Mainstream und Masse. Nicht mehr eine Schauspielerin sprach am Mikrofon über Feminismus, sondern alle. Ganz Instagram und die Frauen bei den Golden Globes trugen, bis auf ein paar ungeschickte Ausnahmen, schwarz. Und man hielt sich damit an die Idee der Aktivisten-Gruppe „Time’s up“. Damit, und das kann man durchaus ohne Untertreibung sagen, hätte in Hollywood vor ein paar Jahren niemand gerechnet.

          In den Jahren vor dem Weinstein-Skandal aber haben „Girls“-Produzentin Jenni Konner und „Girls“-Autorin und -Macherin Lena Dunham diesem gar nicht einfachen Moment in der Entertainment-Geschichte vorgearbeitet. Und zwar mit „Lenny“, einem feministischen „Fun-Newsletter“. Dunham und Konner haben vor zwei Jahren einen digitalen Ort geschaffen, an dem frischer, direkter, vor allem widersprüchlicher über diese Idee namens „Frau“ philosophiert wird.

          Jennifer Lawrence erzählte gleich in den ersten „Lenny“-Tagen ausführlich von den drastischen Honorarunterschieden zwischen Männern und Frauen in Hollywood. Gwyneth Paltrow outete sich sehr früh als „Lenny“-Fan. Bei „Lenny“ ging es schnell um wichtige Details. So sprach Dunham mit Hillary Clinton und diskutierte ausführlich deren „Cold shoulder“-Kleid, das mit den nackten Schultern aus den neunziger Jahren.

          Die erste digitale Detox-Phase

          „Lenny“ machte von Anfang an Spaß. Feminismus ohne ein schlechtes Gefühl im Abgang, weil er nicht als nervensägende Kritik, sondern als „empowerment“ verstanden wurde – und das funktionierte auf einer rein digitalen Plattform so viel besser als auf Papier.

          Nach zwei Jahren „Lenny“ aber durchläuft Jenni Konner derzeit ihre erste digitale Detox-Phase. „Ich bleibe von Instagram und Twitter weg, lese nur noch. Diese Woche ,I Hate the Internet‘ und ,Crazy Rich Asians‘ und jeden Tag die ganze ,New York Times‘“, sagt Konner, was zur Folge hat, dass sie mit niemandem „über all die Artikel sprechen kann, die mich interessieren. Gestern nervte ich meine Freunde mit diesem Muskeltrainingtext aus der ,New York Times‘, aber niemand hat ihn gelesen, keine Zeit.“

          Konners regelmäßige Ausflüge in diese Detox-Welt passen zu „Lenny“, denn die Seite ist nicht besonders „newsy“, wie man so schön sagt. „Ich sehe uns eher als eine literarische Form der ,New York Times‘“, erklärt Konner in ihrer gedehnten Los-Angeles-Sprache. Dennoch: „Lenny“ scheint statt eines aggressiven News-Denkens über wahrsagerische Kräfte zu verfügen. So schrieb eine Autorin genau eine Woche vor dem Weinstein-Skandal ihre eigene Geschichte zum Thema „Harassment“. „Das war Zufall, sie wusste nicht, dass eine Woche später diese Bombe platzen würde“, sagt Konner.

          „Lenny“ spielt nicht nach journalistischen Regeln

          Was genau aber kann so ein Newsletter? Und was soll er, wenn er keine Lust auf ein „newsy“-Dasein hat? Er festigt eine Marke, einen Offline-Namen, wenn er online ein Zweitleben beginnt. Zunächst. „Lenny“ ist der Ort, an dem Lena Dunham ihre Internetpräsenz neben der Fernsehkarriere verankerte. Für ihre Millennial-Generation ist das unverzichtbar. „Der Newsletter war eine von Lenas 400 Millionen Ideen am Tag. Und das ist noch konservativ geschätzt“, behauptet Konner. „Lena hat eine Menge zu sagen. Doch dann hatten wir bei ,Lenny‘ sehr schnell sehr viele Stimmen versammelt und merkten, es ging längst um eine neue Art von Community.“

          „Lenny“ funktioniert also, weil die Seite nicht mehr nach journalistischen Regeln spielt, sondern sich auf persönliche „Social Media“-taugliche Geschichten konzentriert. Die Distanz zu einem Thema gibt es nicht mehr, das ist bei „Lenny“ ein Vorteil. Und passt zum Parteiprogramm. „Lenny“, sagt Konner, ist „connected, empowered, inspired and fucking funny.“

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