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De Maizières Kulturbegriff : Wenn Leitgedanken kranken

Wie entscheidend ist die Burka-Frage? Bild: AFP

Bundesinnenminister de Maizière hat die Debatte um eine Leitkultur neu entfacht. Warum hält er den Slogan „Wir sind nicht Burka“ für dringlich? Was uns ausmacht, ist jenseits der Verfassung schwer festzulegen.

          Debatten über eine deutsche „Leitkultur“ sind unergiebig. Nicht, weil man keine langen Diskussionen darüber führen könnte, was „uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet“, wie Thomas de Maizière gerade formuliert hat. Sondern gerade umgekehrt; weil alle diese Begriffe – wir, das Innerste, zusammenhalten, ausmachen, unterscheiden – so unklar sind, dass jeder aus ihnen herausholt, was zuvor in sie hineingetragen wurde. Jedem fällt irgendetwas zu „Identität“ ein, und so sieht die Diskussion dann auch aus.

          Nehmen wir nur den Begriff der „Kultur“ selbst. Einerseits soll sie etwas Gewachsenes sein, ungeschrieben, aus Gewohnheiten bestehend. Andererseits soll zu ihr aufgefordert werden. „Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“ (de Maizière). Wenn es Jugendliche derzeit weniger oft tun, sondern sich gegenseitig abklatschen oder die Handrücken aneinanderstoßen oder Küsschen geben, weicht das von der Leitkultur ab? Oder würde es das erst, wenn man versuchte, dem Innenminister „five“ zu geben? Die geschlechtshalber einer Frau oder einem Mann verweigerte Hand ist wieder etwas anderes. Braucht es hier den Begriff der Leitkultur, um das Unterlassen des Unterlassens für wünschenswert zu halten? Oder marginalisiert sich selbsttätig, wer andere durch demonstrative Gesten provozieren will?

          Halten uns Begrüßungsrituale zusammen?

          Moral sanktioniert durch Befremden und Vorbehalte in der weiteren Kommunikation. Die Entscheidung darüber, wann, wie und zu welchen Graden sie das tut, lässt sich nicht im Sinne eines Leitmodells zentralisieren, ohne selbst fundamentalistisch zu werden. Als Ersatz dafür kann man die Sitten natürlich auch seinerseits demonstrativ hochhalten, was dann allerdings auch für andere stark in Mitleidenschaft gezogene Höflichkeitsformen gelten könnte. Außerdem: Wenn die Regel ungeschrieben ist und Ausnahmen kennt, hilft es dann, sie aufzuschreiben und etwas als Kultur der Begrüßung festzuhalten, wenn es an dieser Stelle eigentlich um die angeblich religiöse Vorstellung geht, Frauen seien unrein, jedwede Berührung von ihnen gefährlich? Dass es Muslime gibt, die das Händegeben aus Respekt unterlassen, gerät dabei ebenso aus dem Blick wie die Sexualisierung des alltäglichen Umgangs durch andere. Wäre sie das Thema, müssten die Grenzen der Leitkultur allerdings auch ganz anders gezogen werden und verliefen quer zu Herkunftsunterscheidungen.

          Halten uns denn Begrüßungsrituale überhaupt im Innersten zusammen? Es ist ersichtlich, dass verhüllte Gesichter keine Aufforderung zur Interaktion sind und auch Gesten, die sofort klarstellen wollen, dass der Unterschied von Frau und Mann alle weiteren Unterschiede dominiert, keine Einladung zum offenen Gespräch darstellen. Die Anzahl der Burka-Trägerinnen in Deutschland belässt das Problem derzeit quantitativ weit unterhalb der Ebene, auf der andere nur eingeschränkt Kommunikationswillige im öffentlichen Raum ertragen werden. Weshalb der Innenminister es für sinnvoll hält, einen Slogan wie „Wir sind nicht Burka“ zu prägen, wo „wir“ doch viel dringlicher ganz anderes nicht sein sollten, ist irritierend.

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          Nur ein Beispiel: Der deutsche Staat lässt allwöchentlich Sonderzüge angetrunkener Fußballfans durch schwerbewaffnete Polizei-Einheiten begleiten. Träger von Leitkultur im Sinne des staatsbürgerlichen Miteinanders einer nichtfeindseligen Haltung zu anderen wird man sie nur zögerlich nennen. „Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken“, schreibt de Maizière völlig zutreffend. Dort, wo der Sinn beispielsweise von schulischer Erziehung, medizinischer Versorgung und behördlicher Wohlfahrtspflege durch Verhüllung in Frage gestellt wird, leuchtet es darum ein, von moralischem Befremden zu Regeldurchsetzung überzugehen. Aber im Alltag ist es für uns auch von Bedeutung, ob wir bei Gesprächspartnern in ein betrunkenes Gesicht blicken, ohne dass bislang Kulturausschluss für die weniger nüchternen droht.

          Ist Religion der entscheidende Kitt unserer Gesellschaft?

          Das führt zu einem weiteren Punkt auf de Maizières Liste der Leitkulturelemente, zum Leistungsgedanken. Er habe „unser Land stark gemacht“. Man kann diesen Gedanken der modernen Gesellschaft überhaupt zuordnen. Berufliche Arbeit, Wohlstandsvermehrung und die meritokratische Begründung von Karrieren sind nationenübergreifende Merkmale. Was dabei oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass dies auch für den Verbrauchsgedanken gilt, der sich seltener zum Element von Leitkultur geadelt sieht. Und das, obwohl die Leistungen in Sport, Wirtschaft, Politik, die de Maizière anführt, ins Leere gingen und gar nicht verstanden werden könnten, wenn es kein mehr oder weniger passives Publikum gäbe, das sie als zahlende Zuschauer, Käufer, Wohlfahrtsbegünstigte abnimmt. Der blinde Fleck von Max Webers Buch über die protestantische Wirtschaftsethik, den Kapitalismus aus Askese hervorgehen zu lassen, ohne anzugeben, welche komplementäre Haltung nötig ist, um seine Produkte abzunehmen, wiederholt sich in der einseitigen Feier der Leistung. Sie wird nicht schlüssiger durch den Befund, nur wer etwas leiste, könne sich dann auch Konsum leisten. Denn investiert („geleistet“) wird nur, wo Konsum erwartet wird, weswegen man genauso gut sagen könnte: „Der Konsumgedanke hat unser Land stark gemacht.“ Oder soll „Leitkultur Leistung“ heißen, dass zu Deutschland schon aus Mentalitätsgründen ein Außenhandelsüberschuss gehört?

          Er hat jedenfalls nicht Verfassungsrang, was ihn von anderen Motiven auf der Liste de Maizières unterscheidet: Minderheitenschutz, Gewaltmonopol, institutionalisierter Kompromiss, weltanschauliche Neutralität eines Staates, der Kirchensteuern eintreibt. Dass die Religion hierzulande „Kitt der Gesellschaft“ sei, mag man je nach eigener Religiosität teilen oder als eine unvollständige Beschreibung empfinden. Mit demselben Recht kann man sagen, dass die Arbeitsteilung Kitt der Gesellschaft ist, weil man einfach auf sehr viele andere angewiesen ist, wenn man spezialisierten Tätigkeiten nachgeht und vom Meisten in der Welt nicht so viel versteht wie andere Spezialisten. Oder eben der Rechtsstaat, der die Konflikte in einer derart aus Unterschieden und Ungleichheiten bestehenden Gesellschaft bearbeitet.

          Es muss mit Individualität gerechnet werden

          Zuletzt ein Wort zu „Bach und Goethe“, die Thomas de Maizière stellvertretend dafür nennt, dass zur Leitkultur auch die Kultur gehöre. Das lenkt den Blick nicht nur auf die konkreten Umrisse des „Wir“, dem hier leitkulturelle Lebensgewohnheiten zugeschrieben werden. Es erinnert auch daran, dass es offenbar Exponenten einer nationalen Leitkultur geben soll, „die uns von anderen unterscheidet“, die selbst davon gar nichts wussten. Die Ansicht, es gebe, recht besehen, nur noch Weltliteratur, hat jedenfalls Goethe vertreten. Dass uns die Italiensehnsucht oder die Romantik oder die Innerlichkeit oder der Ernst oder die Musikalität kulturell definieren, führt auf allerliebsten Smalltalk. Der macht dann leicht sowohl Mozart wie Schubert zu Deutschen, muss Lord Byron, Stendhal oder Victor Hugo mindestens einen Doppelpass ausstellen und ist umgekehrt stets in Gefahr, jene, die wie Friedrich Nietzsche daran litten, dass die deutsche Leitkultur alles tat; nur niemand anleiten, als illegale Einheimische zu bezeichnen.

          Thomas de Maizière hat im einschränkenden Teil seines Leitkultur-Textes Recht. Dem Sinn von Bildung wie von Mentalitäten widerspricht es, sie anzuordnen. Indifferenz ist erlaubt, die Einheimischen wie die Zugewanderten praktizieren sie gegenüber vielen Elementen der angeblichen Leitkultur. Dass die anderen Goethe kennen sollten, diente seit jeher der Behauptung, man selbst kenne ihn (was immer das konkret bedeuten würde). In der Frage, was uns ausmacht, wird jenseits der Verfassung und ihrer allgemeinen Festlegungen darum schwer Konsens zu erreichen sein, denn es muss mit Individualität gerechnet werden. Selbst das von de Maizière empfohlene Vorleben der eigenen Leitkultur wird darum den Einheimischen unterschiedlich leichtfallen, und sie werden Unterschiedliches darunter verstehen. Warum es Probleme machen sollte, wenn beispielsweise Syrer hier so leben würden wie Italiener in Dänemark oder Chinesen in Australien, ist darum nicht ersichtlich. Damit ist nicht behauptet, dass sie es tun. Sondern dass es keine Frage der Kultur und der mangelnden Habitusangleichung ist, wenn es Probleme bereitet, dass sie es nicht tun.

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