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De Maizières Kulturbegriff : Wenn Leitgedanken kranken

Wie entscheidend ist die Burka-Frage? Bild: AFP

Bundesinnenminister de Maizière hat die Debatte um eine Leitkultur neu entfacht. Warum hält er den Slogan „Wir sind nicht Burka“ für dringlich? Was uns ausmacht, ist jenseits der Verfassung schwer festzulegen.

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          Debatten über eine deutsche „Leitkultur“ sind unergiebig. Nicht, weil man keine langen Diskussionen darüber führen könnte, was „uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet“, wie Thomas de Maizière gerade formuliert hat. Sondern gerade umgekehrt; weil alle diese Begriffe – wir, das Innerste, zusammenhalten, ausmachen, unterscheiden – so unklar sind, dass jeder aus ihnen herausholt, was zuvor in sie hineingetragen wurde. Jedem fällt irgendetwas zu „Identität“ ein, und so sieht die Diskussion dann auch aus.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Nehmen wir nur den Begriff der „Kultur“ selbst. Einerseits soll sie etwas Gewachsenes sein, ungeschrieben, aus Gewohnheiten bestehend. Andererseits soll zu ihr aufgefordert werden. „Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“ (de Maizière). Wenn es Jugendliche derzeit weniger oft tun, sondern sich gegenseitig abklatschen oder die Handrücken aneinanderstoßen oder Küsschen geben, weicht das von der Leitkultur ab? Oder würde es das erst, wenn man versuchte, dem Innenminister „five“ zu geben? Die geschlechtshalber einer Frau oder einem Mann verweigerte Hand ist wieder etwas anderes. Braucht es hier den Begriff der Leitkultur, um das Unterlassen des Unterlassens für wünschenswert zu halten? Oder marginalisiert sich selbsttätig, wer andere durch demonstrative Gesten provozieren will?

          Halten uns Begrüßungsrituale zusammen?

          Moral sanktioniert durch Befremden und Vorbehalte in der weiteren Kommunikation. Die Entscheidung darüber, wann, wie und zu welchen Graden sie das tut, lässt sich nicht im Sinne eines Leitmodells zentralisieren, ohne selbst fundamentalistisch zu werden. Als Ersatz dafür kann man die Sitten natürlich auch seinerseits demonstrativ hochhalten, was dann allerdings auch für andere stark in Mitleidenschaft gezogene Höflichkeitsformen gelten könnte. Außerdem: Wenn die Regel ungeschrieben ist und Ausnahmen kennt, hilft es dann, sie aufzuschreiben und etwas als Kultur der Begrüßung festzuhalten, wenn es an dieser Stelle eigentlich um die angeblich religiöse Vorstellung geht, Frauen seien unrein, jedwede Berührung von ihnen gefährlich? Dass es Muslime gibt, die das Händegeben aus Respekt unterlassen, gerät dabei ebenso aus dem Blick wie die Sexualisierung des alltäglichen Umgangs durch andere. Wäre sie das Thema, müssten die Grenzen der Leitkultur allerdings auch ganz anders gezogen werden und verliefen quer zu Herkunftsunterscheidungen.

          Halten uns denn Begrüßungsrituale überhaupt im Innersten zusammen? Es ist ersichtlich, dass verhüllte Gesichter keine Aufforderung zur Interaktion sind und auch Gesten, die sofort klarstellen wollen, dass der Unterschied von Frau und Mann alle weiteren Unterschiede dominiert, keine Einladung zum offenen Gespräch darstellen. Die Anzahl der Burka-Trägerinnen in Deutschland belässt das Problem derzeit quantitativ weit unterhalb der Ebene, auf der andere nur eingeschränkt Kommunikationswillige im öffentlichen Raum ertragen werden. Weshalb der Innenminister es für sinnvoll hält, einen Slogan wie „Wir sind nicht Burka“ zu prägen, wo „wir“ doch viel dringlicher ganz anderes nicht sein sollten, ist irritierend.

          Nur ein Beispiel: Der deutsche Staat lässt allwöchentlich Sonderzüge angetrunkener Fußballfans durch schwerbewaffnete Polizei-Einheiten begleiten. Träger von Leitkultur im Sinne des staatsbürgerlichen Miteinanders einer nichtfeindseligen Haltung zu anderen wird man sie nur zögerlich nennen. „Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken“, schreibt de Maizière völlig zutreffend. Dort, wo der Sinn beispielsweise von schulischer Erziehung, medizinischer Versorgung und behördlicher Wohlfahrtspflege durch Verhüllung in Frage gestellt wird, leuchtet es darum ein, von moralischem Befremden zu Regeldurchsetzung überzugehen. Aber im Alltag ist es für uns auch von Bedeutung, ob wir bei Gesprächspartnern in ein betrunkenes Gesicht blicken, ohne dass bislang Kulturausschluss für die weniger nüchternen droht.

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