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Leitkultur-Debatte : Integriert euch selber!

Welche Werte verlangen wir von Zuwanderern? Schönheitssalon in Teheran. Bild: Hossein Fatemi/PANOS/VISUM

Kommen die Flüchtlinge wirklich aus einer ganz anderen, fremden Kultur? Und muss man sie tatsächlich zwingen, sich zu integrieren? Oder ist das ganze Gerede nur engherzig und borniert?

          Der Clash der Kulturen kann sich überall ereignen, mitten in Brandenburg zum Beispiel, auf einer Sommerparty nördlich von Berlin, wo man, wie man das als Bayer so tut, in der Schlange ansteht für ein Bier, und unerwartet legt sich eine Hand auf die Schulter, und dann hört man eine Stimme, im harten Berliner Dialekt:

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Du bist aus Bayern, hab’ ich gehört?“

          „Hmm. Na und?“

          „Ich war da kürzlich für ein paar Monate, ich hatte einen Job.“

          „Aha.“

          „Mensch, das ist ja eine ganz andere Kultur!“

          „Ach was.“

          „Ja, Mann, das Essen schmeckt. Die Leute sind freundlich. Ein ganz anderes Leben ist das! Eine ganz andere Kultur!“

          Ja, hätte man da gesagt, wenn das alles nicht so freundlich gemeint gewesen wäre, ja, mir geht es genauso, nur umgekehrt. Ich finde euer Essen ungenießbar, die Umgangsformen sind unterentwickelt; und gerade bei den Männern, wenn die schnell und mit hoher, aufgeregter Stimme sprechen, verstehe ich kein Wort.

          Ganz Europa ist von kulturellen Gräben durchzogen

          Was ja schon deshalb kein Wunder ist, weil zwischen Brandenburg und Bayern gleich mehrere kulturelle Grenzen verlaufen. Es gibt die feine Linie, welche die protestantischen von den katholischen Gegenden trennt, es gibt tiefe kulturelle Gräben zwischen jenen Regionen, in denen die Römer waren, und jenen, in denen sie nicht waren, es gibt eine immer noch erkennbare Grenze zwischen dem alten Siedlungsgebiet westlich der Elbe und dem kolonisierten Land jenseits davon, und insofern muss man sich nicht wundern, wenn Bayern und Brandenburger einander immer wieder als Fremde begegnen.

          Trotzdem können sie sich einigen, auf Begriffe und Gesetze, lesen dieselben Bücher, schauen sich dieselben Fernsehserien an – und wenn man, weil auf dem Feld der Kultur ja allseits mehr von Europa als von Deutschland geredet wird, das Verhältnis der Deutschen zu Franzosen oder Engländern betrachtet, sieht man deutlich, dass auch hier die Differenzen nicht verschwunden sind. Nur dass wir jene Unterschiede, welche noch vor hundert Jahren Thomas Mann dazu inspirierten, die unversöhnliche Gegnerschaft zwischen westlicher Zivilisation und deutscher Kultur zu postulieren, heute, da wir einander womöglich besser kennengelernt haben, als eigentliche Attraktion betrachten. Wer Frankreich liebt, liebt es, weil es anders ist. Und so ist dieses ganze Europa von kulturellen Gräben durchzogen, zwischen Osten und Westen, lateinischer und griechischer Welt, protestantischem Norden und katholischem Süden. Und dann ist da noch der Balkan, welcher, ganz egal, wo man steht, immer erst weiter hinten, südöstlich des eigenen Standorts beginnt.

          Der abgelegte Begriff der Leitkultur

          Wenn man fragt, was dieses heterogene Gebilde zusammenhält, läuft die Antwort meistens darauf hinaus: gemeinsame Wurzeln, gemeinsame Geschichte, gemeinsame Werte.

          Wobei die stärkste der Wurzeln, die Religion, aus dem Nahen Osten kommt; wobei die gemeinsame Geschichte sich meist so erzählen lässt, dass man einander bekriegt, erobert und unterdrückt hat; und die Werte sind ihrem Wesen nach relativ, dem einen gilt die Freiheit mehr, dem anderen die Gleichheit, und das ganze Gerede von Würde und Gerechtigkeit, Loyalität, Solidarität, Toleranz ist völlig wertlos, solange daraus keine verbindlichen Rechte folgen.

          Was hält dieses heterogene Gebilde Deutschland, was hält Europa eigentlich zusammen? Musikkapelle in Rottach-Egern.

          Woran liegt es also, dass wir, die wir mit all der Differenz bislang gut leben konnten, jetzt aber, da Hunderttausende von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten kommen, ein Unbehagen zu spüren meinen? Dass sich das Gefühl einer kulturellen Überforderung ausbreitet, der Verdacht, dass diese Differenz nicht zu überbrücken sei, die Vorstellung, dass Syrer und Iraker anders anders seien als die üblichen anderen?

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