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Leitkultur-Debatte : Integriert euch selber!

Diese Kultur, an der ägyptische DJs, hebräisch schreibende Araber und syrische Snuff-Videoproduzenten genauso teilhaben wie deutsche Maler, französische Autoren, italienische Designer, diese Kultur heiße Pop, hat vor 18 Jahren, als die drei Buchstaben noch nicht so abgenutzt waren, der Kunsthistoriker Beat Wyss in seinem Essayband „Die Welt als T-Shirt“ vorgeschlagen. Es gehe in dieser globalisierten Kultur um die Teilhabe aller am Streben nach Glück durch Konsum. Man könnte diese Kultur auch den kapitalistischen Realismus nennen, schon weil sie nach universaler Verständlichkeit strebt. Und weil es dabei, außer um den Konsum, auch um die Produktion geht. Eine Wirtschaftsweise, die auf Information und Innovation angewiesen ist, kann aufs Potential der Frauen, der ethnischen und religiösen Minderheiten nicht verzichten: Ist es im Nahen Osten wirklich das Volk, das an dieser Kultur nicht teilhaben will? Oder sind es jene gerontokratischen, klerikalfaschistischen Machthaber, die schon ahnen, dass ihre Herrschaftsformen im globalen Wettbewerb nicht konkurrenzfähig sind?

Wenn Deutsche sich in die globale Kultur integrieren

Insofern müsste uns ja gerade der sogenannte Wirtschaftsflüchtling besonders willkommen sein: Wer zu uns kommt, um seine Arbeitskraft anzubieten und seinen Lohn für Konsum wieder auszugeben, der legt damit ein wesentlich verbindlicheres Bekenntnis zu unserer Kultur ab, als wenn er, was Peter Tauber fordert, die deutsche Hymne lautstark mitsänge.

Dass auch die Integration der Deutschen in die globale Kultur noch nicht ganz gelungen ist, das konnte man in diesen Wochen immer wieder sehen und hören, wenn, nur zum Beispiel, der Siemens-Chef Joe Kaeser in die Fernsehkameras irgendetwas sagte, was nicht mehr Deutsch, aber auch noch nicht Englisch war; man konnte den Clash der Kulturen laut hören, als die patriarchalische Herrschaft des Martin Winterkorn an den amerikanischen Behörden scheiterte; man schämt sich immer ein bisschen, wenn die deutsche Obrigkeit in der Auseinandersetzung mit den globalen Internetkonzernen so tut, als müssten die Bytes auf ihrem Weg vom kalifornischen Server auf eine deutsche Festplatte an der Grenze ihren Pass vorzeigen.

Insofern ist es nur realistisch, wenn deutsche Eltern ihre Kinder schon im Vorschulalter die erste Fremdsprache lernen lassen und den Stress der Schüler dadurch ins Unermessliche steigern, dass sie ihnen einbleuen, wie stark auf dem Weltmarkt der Talente die Konkurrenz der gleichaltrigen Amerikaner oder Chinesen sein wird. Dass man die deutschen Maßstäbe vergessen, die deutschen Traditionen hinter sich lassen, sich mit der deutschen Sprache allein nicht begnügen dürfe, das scheint der allgemeine Konsens all jener zu sein, die aber genau das von den Zuwanderern fordern: dass sie deutsche Werte, deutsche Traditionen, die deutsche Sprache so ernst nehmen, wie das nur noch sehr altmodische Deutsche tun.

Ein gewisses Maß an Desintegration ist nötig

Man kann auch so herum fragen: Zeigt sich die perfekte Integration womöglich darin, dass einer morgens zum Yoga geht, sich Sushi zum Lunch bestellt und abends amerikanische Fernsehserien im Original anschaut?

Man kann aber auch mal wieder Umberto Ecos „Apokalyptiker und Integrierte“ wiederlesen und sich dann fragen, ob der ganze Begriff der Integration nicht zu eng, zu borniert verwendet wird. Der Integrierte galt, noch als Ecos Buch in den Sechzigern erschien, immer auch als der Angepasste, der Korrumpierte – ein gewisses Maß an Desintegration war schon deshalb nötig, damit sich die Gesellschaft, die Kultur versuchshalber von außen betrachten konnten.

Dass es der globalen Kultur an historischer Tiefe mangelt, das hat, in dem besagten Essayband, schon Beat Wyss als deren demokratische Qualität beschrieben – wer die profunde Kenntnis Shakespeares oder Dantes voraussetze, schlösse all jene von der Teilhabe aus, die mit dem Koran oder den Upanischaden aufgewachsen sind. Dass es diese Oberflächlichkeit ist, was die Demonstranten in Dresden oder Magdeburg stört, ist aber unwahrscheinlich. Wer von Beethoven oder Thomas Mann wirklich etwas mehr wüsste, wer also von deutscher Kultur tatsächlich ein tieferes Verständnis hätte – der wüsste doch auch, dass diese Kultur sich nicht bloß an die Deutschen richtet.

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