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Stasi-Zentrale in Leipzig : Gebt die Festung dem Volk

  • -Aktualisiert am

Blick in den Innenhof der ehemaligen Hauptzentrale der Staatsicherheit in Leipzig Bild: Picture-Alliance

Die einstige Bezirkszentrale der Stasi gehört zu den wenigen baulichen Relikten der DDR in Leipzigs Stadtzentrum. Nun soll alles umgestaltet werden. Aber wie – und wofür?

          5 Min.

          Leipzigs Innenstadt ist gegenüber der DDR-Zeit kaum wiederzuerkennen. Bürgerhäuser und Handelspaläste sind nach jahrzehntelangem Verfall fast ausnahmslos saniert, mehr oder weniger gelungene Neubauten füllen die vielen Brachen, die Krieg und sozialistische Stadtplanung in der Nachkriegszeit hinterlassen hatten, ein Großteil der Bauten aus der DDR-Zeit ist dagegen verschwunden. Doch ausgerechnet der düstere Komplex der Stasi-Bezirksverwaltung am Nordwestrand der Altstadt blieb als einziges größeres Areal nahezu unangetastet.

          Die winkelförmig angeordneten Betonriegel, die sich die Stasi in sinnfälliger Nachbarschaft mit der Volkspolizei teilte, stammen aus den achtziger Jahren. Mit ihren schmutzigen Fassaden wirken sie heute wohl noch abweisender als zur DDR-Zeit. Zusammen mit einem ebenfalls von der Stasi genutzten Bürogebäude aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert (der berühmten „Runden Ecke“) und dessen Anbau aus der Nachkriegszeit bilden sie einen großen, restlos zubetonierten Innenhof. Mitten in der Stadt hatte sich der Repressionsapparat ein eigenes festungsartig abgeschirmtes Reich geschaffen, in dem rund achthundert hauptamtliche Mitarbeiter tagein, tagaus die Bespitzelung der Bevölkerung sicherzustellen versuchten.

          Ein Drittel der Fläche für ein Bürgerforum reserviert

          Am 4. Dezember 1989 wurde die Stasi-Festung von Demonstranten eingenommen. Bald richtete ein Bürgerkomitee im Altbau des Komplexes ein Museum ein, das in weitgehend original erhaltenen Räumen die Arbeitsweise des Überwachungssystems dokumentiert. Auch die Leipziger Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zog in den monumentalen Bau ein.

          Montagsdemonstration in Leipzig an der „Runden Ecke“
          Montagsdemonstration in Leipzig an der „Runden Ecke“ : Bild: © epd-bild / Jens Schulze

          Die kargen Erweiterungsbauten auf der gegenüberliegenden Hofseite, die in scharfem Kontrast zum Altbau stehen, erlebten nach dem Ende der DDR verschiedene Zwischennutzungen. Dazu gehörte etwa die bajuwarische Diskothek „Alpenmax“, die längst geschlossen ist, deren Reklameschriftzug aber immer noch in unfreiwilliger Komik den „Gipfel des Vergnügens“ verheißt. Auch etwas Kleingewerbe hat sich angesiedelt, in einem Nebengebäude betreibt ein Jugendprojekt eine Fahrradwerkstatt. Einen Flügel nutzen städtische Ämter. In den Innenräumen, in denen man wie an kaum einem anderen Ort Leipzigs noch den Mief der DDR zu atmen meint, lassen sich Originaldetails entdecken, darunter ein raumhohes Wandbild aus emaillierten Metallplatten mit einer stilisierten roten Nelke, der Symbolblume des Sozialismus – auch die Stasi wollte nicht auf Kunst am Bau verzichten. Ein großer Teil des Komplexes aber steht seit Langem leer.

          Das soll nicht mehr lange so bleiben. Aber wie und wofür kann das Areal neu entwickelt werden? Um Ideen aus der Bevölkerung zu gewinnen, startete die Stadt kürzlich ein Bürgerbeteiligungsverfahren. Die künftigen Nutzungen sind indes zum Teil bereits festgelegt. Ein Drittel der Fläche ist für ein „Forum für Freiheit und Bürgerrechte“ reserviert, das als „zentraler Ort des Gedenkens sowie des gesellschaftlichen Diskurses über Diktaturen“ dienen soll. Als Baustein des Forums ist ein Zentralarchiv für die Stasi-Unterlagen geplant. Was hier aber sonst das ganze Jahr über passieren soll, ist noch schwer vorstellbar, zumal sich in Leipzig schon mehrere Institutionen der Aufarbeitung von DDR-Vergangenheit und der Demokratieförderung widmen. Auf rund einem Viertel der Fläche sollen Wohnungen entstehen, zu bezahlbaren Preisen, wie die Stadt versichert. Vom Tisch scheint zum Glück die Idee, auf dem Areal die Zentrale eines Großunternehmens anzusiedeln, was nach der Okkupation durch die Stasi die Öffentlichkeit abermals ausschließen würde und damit auch symbolpolitisch ein grober Missgriff wäre.

          „Das betongewordene Symbol diktatorischer Macht“

          Die Frage der Nutzung des Areals ist untrennbar mit dessen baulicher Gestalt verknüpft. Bei beidem ist besondere Sorgfalt einzufordern. Denn die Stasi hatte in Leipzig nicht irgendeinen Ort, sondern die Keimzelle dieser Stadt besetzt, die auf mehr als ein Jahrtausend Kulturgeschichte zurückblickt. Einst befand sich hier die „Urbs Libzi“, eine Wallburg, auf die sich die erste schriftliche Erwähnung Leipzigs in der Chronik des Thietmar von Merseburg im Jahr 1015 bezieht. Im dreizehnten Jahrhundert siedelte sich dann ein Franziskanerkloster an. Nach dessen Aufhebung in der Folge der Reformation entstand ein eng bebautes Stadtviertel. Die Klosterkirche diente fortan als Lager, bis sie auf Kosten der Bürgerschaft wieder aufgebaut und 1699 neu geweiht wurde. Im neunzehnten Jahrhundert erhielt sie den Namen Matthäikirche und eine neue Gestalt im Stil der Neogotik. Rund um den Matthäikirchhof, wie der benachbarte kleine Platz nun hieß, drängten sich auf engen Parzellen Bürgerhäuser in überwiegend barocken Formen. Einige von ihnen wurden im frühen zwanzigsten Jahrhundert durch Bürobauten wie die Runde Ecke ersetzt. Die malerische Wirkung des Viertels blieb aber weitgehend erhalten, bis die Bomben des Zweiten Weltkriegs schwere Zerstörungen anrichteten.

          Sturm auf die Leipziger Stasi-Zentrale 1989
          Sturm auf die Leipziger Stasi-Zentrale 1989 : Bild: INTERFOTO

          Nach der Befreiung Leipzigs wurde der erhaltene Bau der Runden Ecke zunächst von der amerikanischen, danach von der sowjetischen Militärverwaltung genutzt, die ihn nach Gründung der DDR an die Stasi übergab. Die Ruine der Matthäikirche wurde abgebrochen und mit ihr die Reste von Dutzenden Bürgerhäusern, sodass die Stasi sich später auf einer Großbrache ausbreiten konnte.

          Mit den 1985 fertiggestellten Erweiterungsbauten entstand am ältesten Ort der Stadt eine neue Trutzburg. Für den Leipziger Künstler und Stadtforscher Heinz-Jürgen Böhme ist sie „das betongewordene Symbol diktatorischer Macht“, errichtet von einem Bauherrn, dem historische Bezüge und urbane Qualitäten fremd waren. Wie sehr er damit recht hat, zeigt der bizarre Anblick des Richard-Wagner-Denkmals am angrenzenden Promenadenring. Es steht an einer wiederhergestellten Freitreppe, die einst über eine Gasse zum Matthäikirchhof führte und jetzt von der unansehnlichen Stasi-Betonfront abgeriegelt wird. Die „bauliche Fehlprägung“ dieses Ortes ist Böhme zufolge „weder zu konservieren noch durch fassadenkosmetische Eingriffe zu kaschieren“.

          Auch ein klimapolitisches Signal

          Das dürften viele ähnlich sehen, die unter der Tyrannis der Stasi gelitten haben. Oder auch nur unter dem zerstörerischen Städtebau der DDR-Moderne. Jüngere Generationen haben aber ein gelasseneres Verhältnis zu diesem sperrigen Erbe. So sprachen sich Studentinnen der Kunstgeschichte in einer universitären Veranstaltung einmütig zumindest für einen Teilerhalt der Stasi-Bauten aus.

          Niemand dürfte so weit gehen, ihnen großen architektonischen Wert zu bescheinigen. In guter großstädtischer Lage kann aber auch ein ganz banales Gebäude begeisterte Nutzer finden, wenn es für wenig Geld Raum bietet. Das zeigt etwa das „Kunst- und Kreativhaus“ im einstigen Rechenzentrum von Potsdam, in dem sich zweihundert Kulturschaffende eingemietet haben. Eine ähnliche von der Stadt geförderte Lösung könnte das der Öffentlichkeit entzogene Leipziger Stasi-Areal demokratisieren und damit die diffuse Forumsidee mit echtem Leben füllen. Die trüben Riegel müssten dafür allerdings saniert und mit geschickten Eingriffen zur Stadt hin geöffnet werden. Durch Beseitigung der Anbauten und Entsiegelung ließe sich der Innenhof in einen Aufenthaltsort im Freien verwandeln. Da Bauen einen Riesenanteil der Treibhausgasemissionen ausmacht, wäre der Verzicht auf den Abriss auch ein klimapolitisches Signal.

          Ob sich so aber die städtebaulichen Qualitäten gewinnen lassen, die sich der Leipziger Baubürgermeister Thomas Dienberg für dieses letzte größere Entwicklungsgebiet der Altstadt wünscht, kann man jedoch auch bezweifeln. Wenn sich die Stadt deshalb für einen Totalabriss entschiede, dürfte sie sich allerdings nicht mit faulen investorenfreundlichen Kompromissen zufriedengeben. Sie muss auf eine sensible kleinteilige Neubebauung pochen, die sich in Gestaltqualität und Raumwirkung am untergegangenen Matthäikirchhof messen kann. Architektonisch beliebige grobschlächtige Strukturen, wie sie an anderen Stellen des Zentrums entstanden sind, wären das Letzte, was Leipzig an diesem Ort braucht.

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