https://www.faz.net/-gqz-9pmb8

Debatte um Kunstfreiheit : Die Meinung des Künstlers ist nicht gefragt

Axel Krause durfte seine Bilder hier nicht zeigen: 26. Leipziger Jahresausstellung Bild: dpa

Weil der Künstler Axel Krause Sympathien für die AfD bekundet hat, wurde er von der Leipziger Jahresausstellung ausgeschlossen. Ein Podium sollte die anschließende Debatte aufarbeiten – Gehör fand nur das politisch Erwünschte.

          3 Min.

          Plötzlich sprachen alle von Kunstfreiheit. Erst lud der Verein der Leipziger Jahresausstellung einen Künstler ein, der kurz darauf als politisch untragbar galt, dann lud sie ihn wieder aus, sagte die ganze Ausstellung ab, eröffnete sie schließlich doch, kündigte eine Podiumsdiskussion mit dem ausgeladenen Künstler an, die kurzfristig ausfiel, und am Ende waren sich fast alle einig, dass sie Vielfalt gut, Rechtspopulisten dagegen ziemlich doof finden. War nun also die Freiheit der Kunst beschädigt, weil der ostdeutsche Künstler Axel Krause Sympathien gegenüber politischen Ansichten der AfD bekundet hatte und daraufhin seine Bilder nicht in der Leipziger Spinnerei aufhängen durfte? Oder war der Ausschluss Krauses im Gegenteil ein Sieg für die vielfältig Freiheitsliebenden, weil sie nicht tolerieren wollten, was aus ihrer Sicht Intoleranz verkörpert?

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Eine Aussprache zwischen beiden Seiten hätte diese Fragen auf dem nun nachgeholten Podium, das vom Museum der bildenden Künste Leipzig und dem Forum für demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst ausgerichtet wurde, klären können. Geladen waren mit dem Erfurter Migrationsforscher Patrice Poutrus, Christoph Becker vom Zentrum Liberale Moderne, Britt Schlehahn vom Stadtmagazin „Kreuzer“ und dem MDR-Journalisten und Moderator Thomas Bille allerdings nur Teilnehmer, die der politischen Haltung Krauses kritisch gegenüberstehen. Der umstrittene Künstler selbst war nicht eingeladen.

          Einfalt statt Vielfalt

          Zweck des Podiums sei, auf ruhige Art und Weise Informationen zu bekommen, sagte Museumsdirektor Alfred Weidinger. Nun sollte man meinen, an einem „gesellschaftlichen Austragungsort“, als welchen er das Museum versteht, fände jede Stimme Gehör. Danach gefragt, warum auf dem Podium niemand von der AfD sitze, stellte Weidinger jedoch klar: „Wir sind kein Theater.“ Was die AfD mit Theater zu tun hat, blieb an diesem Abend sein Geheimnis. Der Moderator Thomas Bille verwies beschwichtigend auf kommende Veranstaltungen (zwei), in der auch andere zu Wort kommen würden. Wer dann mit wem sprechen wird und ob überhaupt, ist indes noch unklar. So erklärte Weidinger auf Nachfrage, die Teilnahme Krauses sei nicht vorgesehen, wenn auch nicht ausgeschlossen. Je länger man sich diesen Satz ansieht, desto lustiger wird er.

          Und so kam es, wie es kommen musste: Einfalt statt Vielfalt charakterisierte das Podium, auf dem der gut informierte, aber wenig neutrale Moderator die Grenzen des Sagbaren klar entlang seiner eigenen politischen Prioritäten zog. Facebook-Kommentare von Krause und seinen Anhängern zu zitieren und sie zu ironisieren, gehörte dabei zu seinen einfachsten Methoden, den Gegner zu demontieren. Wo es aber um sachliche Argumente hätte gehen können – zum Beispiel um die Frage, ob es nicht zum Wesen der Demokratie gehört, politische Ansichten auch dann auszuhalten, wenn sie einem nicht gefallen –, brach Bille die Debatte ab oder lenkte die Diskussion in eine andere Richtung.

          Ausschluss von Andersdenkenden

          Dabei schien das Ergebnis auf dem Podium schon festzustehen, bevor die Sachlage überhaupt im Detail erörtert wurde. Kurzschlüsse dieser Art lauteten etwa so: Kunst und Künstler seien nicht mehr voneinander zu trennen, Krause vertrete kritikwürdige politische Ansichten, also sei sein Ausschluss legitim. Christoph Becker betonte, in einer offenen Gesellschaft dürfe jeder jeden Blödsinn sagen. Warum also sollte das in der Kunst verboten sein?

          Von einem Verbot könne doch gar nicht die Rede sein, entgegnete Patrice Poutrus. Zu behaupten, die eigene künstlerische Freiheit werde beschnitten, um dann, wie von der AfD praktiziert, die Kunstfreiheit selbst einzuschränken, gehöre zur Immunisierungsstrategie der Rechtspopulisten. Britt Schlehahn hielt es sogar für angebracht, Krauses Bilder auf mögliche versteckte AfD-Symbole zu überprüfen. Viel Spaß!

          Das Publikum gab sich damit nicht zufrieden. „Ich hatte gehofft, dass es um Kunstfreiheit geht“, sagte einer, der sich als „Facebook-Kommentator“ vorstellte. Dazu habe er hier aber fast nichts erfahren. Ob er Poutrus nicht zugehört habe, raunte der Moderator daraufhin, der habe doch alles dazu gesagt. Das Podium werde nicht auseinandernehmen, was Freiheit sei. „Soll man also darauf verzichten, Ihnen zu widersprechen?“, fragte der Zuhörer. Er bekam keine Antwort.

          Sieht so wirklich eine „konstruktive Nachbearbeitung“ der Leipziger Jahresausstellung aus, die angekündigt war? Eine vorurteilsfreie, differenzierte Auseinandersetzung über den Sinn der Kunstfreiheit in einer Demokratie wird schon im Keim erstickt, wenn nur die Seite Gehör findet, die politisch erwünscht ist. Die Verfechter von kultureller Vielfalt und Toleranz tun sich damit keinen Gefallen, denn mit der Aussperrung stärken sie gerade jene, die sie bekämpfen wollen.

          Weitere Themen

          Weil er es konnte

          Menzel im Kupferstichkabinett : Weil er es konnte

          Adolph Menzel war ein brillanter Zeichner und wichtiger Maler: Am großartigsten aber ist er in seinen Pastellen, Gouachen und Aquarellen. Das zeigt sich nun in Berlin.

          „Dinner Date“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dinner Date“

          „Dinner Date“ läuft montags bis freitags um 18.35 Uhr bei ZDFneo.

          Schuld und Sühne des Professors

          „Lolita“ in Prag : Schuld und Sühne des Professors

          Die flatterhafte Fabel in den düsteren Sphären Dostojewskis: Mit Rodion Schtschedrins Oper „Lolita“ erlebt das Prager Ständetheater eine Sternstunde des zeitgenössischen Musikschaffens.

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.