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Lego-Reihe „Friends“ : In dieser Idylle ist morgen wie gestern

„Friends“ wurde extra für Mädchen entwickelt: Sie lernen beim Spiel Rasenmähen, Schminken und Warten auf den Mann Bild: Lennart Preiss/dadp

Die Bausteinfirma Lego erzielt mit ihrer Reihe „Friends“ ihre größten Erfolge. Doch welche Werte werden in dieser Spielwelt vermittelt? Ein Ortstermin in der Stadt für Mädchenfiguren, Heartlake City.

          5 Min.

          Eine der erfolgreichsten Städte der Gegenwart heißt Heartlake City. Sie sieht aus wie jede durchschnittliche amerikanische Stadt, es gibt ein Geschäftszentrum mit Glastürmen und Vororthäuser mit Vorgärten; das einzig Ungewöhnliche ist, dass es Heartlake City überall auf der Welt gibt und dass ihre Bewohner nicht größer als ein Kinderdaumen sind. Heartlake City wurde vom Spielzeughersteller Lego erfunden und gehört zur Figuren- und Baustein-Serie „Lego Friends“ - und die ist eines der erfolgreichsten Produkte im Programm des dänischen Spielwarenherstellers. Es gibt Baukästen mit Häusern, Autos, Cafés, dazu fünf Mädchen-Figuren namens Olivia, Emma, Stephanie, Andrea und Mia.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die „Friends“-Serie mitsamt der fiktiven Stadt Heartlake City ist das Ergebnis einer aufwendigen Marktforschungsstudie; ihr Erfolg auf dem Spielzeugmarkt hat mit zum Rekordergebnis von Lego im vergangenen Jahr beigetragen. Der Jahresüberschuss des Konzerns stieg von 558 Millionen auf 754 Millionen Euro, die Umsatzrendite von 30 auf 34 Prozent; in Deutschland lagen die Absatzzahlen nach der Markteinführung zeitweilig doppelt so hoch wie prognostiziert, auch dank „Friends“ stieg der Umsatz von Lego um 25 Prozent auf 3,14 Milliarden Euro. Auch in Amerika hat die Serie großen Erfolg. Dort liefert Lego zu den „Friends“-Baukästen auch gleich noch die Erzählung mit, die dann im Kinderzimmer nachgespielt werden soll: Es gibt im Buchhandel von Lego lizenzierte Hefte, in denen die Autorin Helen Murray vom Leben der Hauptfigur, einem Mädchen namens Olivia, erzählt.

          Die afroamerikanische Andrea muss leider putzen

          In den „Friends“-Heften erfährt man, dass Olivia mit ihren Eltern nach Heartlake City gezogen ist, wo ihr Vater eine Stelle als Redakteur bei der „Heartlake Times“ antritt. „Heartlake City“, ist zu erfahren, sei ein wunderbarer Ort, mit „vielen unterschiedlichen Formen von schönen Häusern“ Olivia, ist weiter zu lesen, will später Wissenschaftlerin werden, Erfinderin oder Ingenieurin und baut in ihrer Freizeit Roboter. So weit scheint die Emanzipation bis in die fiktive Stadt Heartlake vorgedrungen zu sein. Beide Eltern, so das Heft, arbeiten hart, Olivias Mutter ist Ärztin. Ihr neues Zuhause liegt im Stadtteil „Heartlake Heights“, offenbar einem besseren Vorort der Stadt, es hat ein rosafarbenes Dach sowie einen Vorgarten mit weißem Zaun. Auf dem Bild zu dieser suburbanen Idealvision sieht man den Vater, der eine Keule auf den Grill packt, während die Mutter den Rasen mäht.

          Olivia gibt sich ausschließlich mit Mädchen ab. Eine ihrer vier besten Freundinnen, Andrea, eine afroamerikanisch aussehende Spielfigur, möchte eines Tages Superstar werden und singt immer und überall, muss allerdings so lange als Bedienung Geld im „City Park Café“ verdienen, wo sie „Cupcakes und Hamburger“ zubereitet sowie „ abwäscht und den Boden wischt“. Was für ein Ideal von Stadt, vom Wohnen, von Zusammenleben wird hier in die Kinderzimmer gebracht? Auf eine deprimierend realistische Weise wird in Heartlake City das in Amerika herrschende Verhältnis von ethnischer Herkunft und Jobqualifizierung abgebildet: Die Afroamerikaner müssen als Putzkraft jobben, ein Schicksal, das Olivia, dem Kind aus der weißen Mittelschicht, offenbar erspart bleibt. Für die afroamerikanische Andrea ist eine Karriere als Showstar offenbar der einzige Ausweg aus ihrer sozialen Situation.

          Unschöne soziale Realitäten in heiterstem Tonfall

          Emma dagegen besitzt, wie auch Mia, ein Pferd; sie will Modedesignerin werden. Um sich inspirieren zu lassen, streift sie mit ihrer Kamera durch Heartlake City, danach berät sie ihre Freundinnen bei der Wahl ihrer Outfits („Ja, das bist du“). Die fünfte Freundin, Stephanie, ist die „geborene Partyplanerin“ und nimmt - man will offenbar nicht das Bild einer typischen Vorstadt-Hausfrau aufkommen lassen - Flugstunden, ansonsten repräsentiert sie das Suburbia-Ideal der reinlichen Hausfrau: Sie putzt ihr Auto gern und „hört dabei Songs auf ihrem MP3 Player“ und lernt so, „dass Autowaschen Spaß machen kann“. Das öffentliche Leben der fünf Freundinnen besteht im Großen darin, „coole Accessoires“ zu kaufen.

          Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der fiktiven Idealstadt Heartlake City, dass sie unschöne soziale Realitäten im heitersten Ton präsentiert; eine andere Seltsamkeit sind die Figuren. Während es bei Playmobil eindeutige Erwachsenenfiguren und eindeutige Kinderfiguren gibt, sind die Mädchen von Heartlake Zwitterwesen: die Freundinnen sind einerseits Kinder, die bei ihren Eltern leben, auf Schatzsuche gehen und Baumhäuser bauen, andererseits nehmen sie Flugstunden oder fahren mit Stephanies „stylischem lilablauen Cabrio zum Strand, ins Café oder in den Beauty Shop“. Aus dem Beautysalon ins Baumhaus: Es ist eine seltsame Kindheit, die hier entworfen wird, ein Ideal von Weiblichkeit, dessen Eckpfeiler Cupcakebacken, Cabriofahren und Beautysalonbesuche sind.

          Reaktionäre Sphärentrennung von Jungen und Mädchen

          Das Labor, in dem Olivia ihre Roboter baut, wirkt da eher wie eine schmallippige Entschuldigung für das, was sonst in Heartlake City an Lebensvorstellungen und Rollenbildern herumgeistert. Auffällig in Legos neuer Idealwelt ist die völlige Abwesenheit von Jungen. Olivias Vater scheint das einzige männliche Lebewesen zu sein, das Zeitalter der Koedukation ist bei Lego vorbei. In alten Katalogen spielen Mädchen und Jungen noch gemeinsam mit Lego. Jetzt hat man das Ideal des gemeinsamen Weltenbauens aufgegeben: Die Jungen bekommen Star Wars, die Mädchen Heartlake, und während es im Universum der Playmobilfiguren Frauen gibt, die auch Landwirtin, Polizistin oder Piratin sein dürfen, herrscht ausgerechnet bei Lego strenge Geschlechtertrennung.

          Warum? Laut Legos Presseabteilung ist „Friends“ eine „der am meisten getesteten Produktlinien“ von Lego. Der Konzern gab Eltern und Töchtern in Deutschland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Dänemark Figuren und Bausätze zum Probespielen und wertete die Reaktionen aus. Herausgekommen sei, dass die klassischen kantigen Männchen wenig Akzeptanz fänden, selbst dann, wenn sie Langhaarfrisuren aufgesetzt bekämen. Die befragten Kinder hätten sich „explizit eine Figur gewünscht, die realistischer aussieht und mehr Accessoires und Details enthält. Mia, Emma, Andrea, Stephanie und Olivia haben deshalb eine schlankere Figur mit Rundungen, größere Augen und pinkfarbene Lippen.“

          Vor zwanzig Jahren konnten Frauen bei Lego noch Taxifahren

          Nun war Lego vielen Kindern schon immer ein wenig zu abstrakt; es gab immer jemanden, der beim Legospielen hinterher enttäuscht auf die eckigen Pferde starrte, die er aus Vierersteinen zusammengestöpselt hatte, und dann fielen sehnsüchtige Blicke auf die kitschigen Barbie-Plastikpferde, die unschlagbar pferdiger aussahen. Bei Lego hatte man diesen wachsenden Unwillen der Kinder zur Abstraktion bald erkannt und kam mit immer lebensechteren Figuren auf den Markt. 1981 erschien Legos Fabuland-Serie, eine heitere Phantasiewelt mit den anthropomorphen Tierfiguren „Marc Affe“ sowie dem Ehepaar „Henry Schwein“ und „Blondi Schwein“.

          Dass auch in Fabuland die Emanzipation ein Thema war, belegte die Aufgabenverteilung bei den Schweins: Die Plastikfigur „Henry Schwein“ gab es nur in einem Paket mit Schubkarre und Besen zu kaufen, was darauf schließen ließ, dass es sich bei Henry um eine Art Hausmann handelte, während „Blondi Schwein mit ihrer Taxi-Station“ gekauft werden musste - offenbar verdiente sie das Geld im rauhen Taxigewerbe. Schon in der Lego-Welt 2001 mussten jedoch die Jungs wieder hart sein und die Mädchen brav: Bei Duplo gab es damals für die Mädchen die kleine Puppe Sarah, die einladend im Katalog fragt: „Hilfst du mir beim Kochen?“, während die Jungs sich mit dem Rebellenkontrollzentrum der Star-Wars-Serie herumschlagen.

          Biologistisches Emanzipationslametta

          „Friends“ setzt nun die Welt von Sarah mit leichtem Emanzipationslametta (Roboterbau, Flugstunden) fort. Der Erfolg der Figuren wird anthropologisierend begründet: Es zeige sich, dass Mädchen nun mal so seien und Jungen anders. Nur: Die Testteilnehmer waren keine Säuglinge, sondern Kinder, die bereits jahrelang Rollenmodelle durch Eltern und Kindergarten vorgeführt bekommen haben, die sie im Friends-Spiel wiederfinden - und es ist eine Sache, Spielfiguren weniger eckig zu gestalten, und eine andere, zusammen mit den lebensechteren Gesichtszügen fragwürdige Lebensentwürfe zum Ideal zu erklären: Die seltsamen Kindfrauen, die in Legos Friends-Welt geschminkt im Café der putzenden Afroamerikanerin zuschauen, sind eher ein betoniertes Abbild aktueller sozioökonomischer Verhältnisse als eine spielerische Utopie, in der, wie es früher bei Lego war, alles umgebaut werden kann.

          „Lasse dem Schaffensdrang des Kindes freien Lauf“, hatte Lego-Gründer Ole Kirk Christiansen einmal geschrieben, „und es wird eine Welt bauen, die reicher und phantasievoller ist, als es sich ein Erwachsener vorstellen kann.“ Man kann, angesichts der rosafarbenen Cafés von Murrays Heartlake City, in denen die Schwarzen putzen müssen und die Weißen sich vom Pferdestriegeln erholen, nur hoffen, dass das stimmt.

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