https://www.faz.net/-gqz-7ww8p

Lebensplanung : Ich kann doch nichts dafür!

„Beruf und Familie“, sagte jüngst Ministerin Schwesig und fuhr fort: „Mit einem guten Kita-Platz, einer Ganztagsschule und einem Arbeitergeber, die Mütter nicht aufs Abstellgleis schiebt, gelingt die Vereinbarkeit“. Ist es so? Bild: dpa

Wir wollen immer mehr, nur nicht mehr Verantwortung. Die Ansprüche steigen, die Ausreden nehmen zu. Verlieren wir auf der Suche nach dem perfekten Leben das Gespür für unsere Grenzen?

          All jenen, die sich fragen, weshalb ihre Karriere nicht so phänomenal wie erwartet verlaufen ist, und den Schuldigen bislang nicht identifiziert haben, sei ein Artikel des Online-Magazins „Slate“ ans Herz gelegt. Die Überschrift lautet: „Es sind nicht Ihre Kinder, die Ihre Karriere gebremst haben, es ist Ihr Ehemann“. Diese Erkenntnis stammt aus der Lektüre einer aktuellen Studie der Harvard Business School, die zeigt, dass viele leistungsstarke Absolventinnen ebendieser Schule ihre mit Mitte zwanzig gesetzten Karriereziele nicht erreicht haben - und zwar nicht, weil sie Mutter geworden sind, sondern weil ihr Partner seiner Karriere stets Vorrang einräumte, anstatt seine Partnerin zu unterstützen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Praktische an Studien ist ja, dass man nur lange genug suchen muss, um eine zu finden, die das eigene Argumentationsgerüst stützt und dem durch eine Niederlage verwundeten Ego Erleichterung verschafft. Demnach wäre genauso gut eine Studie vorstellbar, die den mittelmäßigen Erfolg verheirateter Männer mit dem fehlenden Verzichtswillen der Partnerin erklärt. So oder so gilt: Für das eigene Scheitern sind immer die anderen verantwortlich. Odo Marquard spricht von der „Kunst, es nicht gewesen zu sein“.

          Auch die Kindheitskarte wird gerne gezogen

          Ich habe zu wenig Zeit für mein Kind, und meine Work-Life-Balance kippt ins Ungleichgewicht? Mein Arbeitgeber muss mir Home-Office-Tage bewilligen! Der Wert meines hochriskanten Aktienpakets stürzt ab? Der Banker hat mich falsch beraten! Die Finanzkrise? Ein anonymer Systemfehler! Ich bin nicht glücklich? Mein Partner ist schuld!

          Auch die Kindheitskarte wird gerne gezogen, wenn es darum geht, die Komplexität der eigenen Persönlichkeit zu untermauern und sich gleichzeitig aus der Verantwortung für sein Handeln zu stehlen: Ich bin ein Scheidungskind! Ich bin ein Sandwichkind! Meine Eltern haben mir zu wenig Liebe gegeben, deshalb bin ich beziehungsunfähig! Ich leide unter der Berühmtheit meines Vaters! Das Lebenshilfe- und Ratgebergeschäft, das für jedes Problem ein Erklärungsmodell parat hält, läuft nicht zufällig hervorragend.

          Man könnte diese „Schuldverschiebungsstrategie“, wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann es nennt, als nachvollziehbaren Eigenschutz abtun, als natürlichen Abwehrmechanismus, wäre sie nicht ein Symptom unserer Gesellschaft. Die Komplexitätsreduktion ist zu einer Art Routine geworden, sei es in der Politik, der Wirtschaft oder im Privaten. Anders formuliert: Dass der freie Mensch für sein Handeln sowie für die sich daraus ergebenden Konsequenzen auch selbst verantwortlich ist, leuchtet offenbar nicht mehr jedem ohne weiteres ein.

          Der Irrglaube, alles sei jederzeit möglich

          Das hängt insbesondere damit zusammen, dass uns von allen Seiten unentwegt Machbarkeit suggeriert wird, was den Irrglauben, alles sei jederzeit möglich - und zwar, ohne dass dafür ein Preis entrichtet werden müsste -, stetig nährt. Es werden falsche Erwartungen in Endlosschleife geweckt. Dummerweise ist die Ein-Klick-Internet-Mentalität nicht auf das Leben übertragbar.

          Nehmen wir die Idee von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Familienministerin Manuela Schwesig sagte dazu neulich in einem Interview, dass die Paare von heute eben beides wollten: „Beruf und Familie. Mit einem guten Kita-Platz, einer Ganztagsschule und einem Arbeitgeber, der Mutter nicht aufs Abstellgleis schiebt, gelingt die Vereinbarkeit - auch wenn es nicht immer einfach ist.“ Keine Frage, Kita-Plätze, Ganztagsschulen und flexible Arbeitgeber sind wichtig. Trotzdem gilt, dass niemand einen Anspruch darauf hat, sich in einer perfekten Infrastruktur selbst verwirklichen zu können.

          Außerdem ist selbst die beste Infrastruktur noch kein Garant dafür, dass man seine Ziele erreicht und ein erfülltes Leben führt, wobei sich die Frage stellt, was ein erfülltes Leben überhaupt sein soll. Das Vereinbarkeitsgerede blendet die banale Tatsache aus, dass wir Prioritäten setzen müssen. Die Dinge liegen ganz einfach: Eine erfolgreiche Geschäftsfrau kann nicht gleichzeitig Vollzeitmutter sein und umgekehrt.

          Irgendwann stößt jeder an seine Grenzen

          Dass die Regierung die Frauenquote für Aufsichtsräte großer Unternehmen beschlossen hat, heißt nicht automatisch Aufstieg für alle. Sibylle Berg formulierte es in einer ihrer Kolumnen einmal so: „Alle Sätze, die mit ,Das ist mein gutes Recht ...‘ beginnen, kann man meist mit einem beherzten ,Nein, ist es nicht‘ beenden. Es gibt weder das Recht, unversehrt sein Leben zu beenden, noch von Gemeinheiten verschont zu bleiben.“

          Eines der jüngsten Beispiele in Sachen Vorgaukeln von Wunscherfüllungsgarantien stammt aus Amerika. Die Firmen Apple und Facebook bieten ihren Mitarbeiterinnen an, ihre Eizellen auf Firmenkosten einfrieren zu lassen und erst dann ein Kind zu bekommen, wenn es ideal in die Karriereplanung passt. Die Vorstellung, das Kinderkriegen durch technischen Fortschritt exakt terminieren zu können, mag verlockend sein, in erster Linie ist sie aber naiv.

          Die Tradition der Schuldverschiebungsstrategie reicht weit zurück, nämlich bis zu Adam und Eva. Wir kennen die Geschichte: Adam wälzt die Verantwortung auf Eva ab: „Die Frau, die du mir an die Seite gestellt hast, gab mir davon; da habe ich gegessen.“ Und Eva? Sie behauptet: „Die Schlange ist schuld, sie hat mich zum Essen verführt!“ Im Grunde ergeht es uns nicht anders als Adam und Eva: Wir werden ständig aus dem Paradies unserer eigenen Illusionsglocke vertrieben, unter der wir es uns bequem gemacht haben. Doch egal, wie raffiniert die Selbsttäuschungsversuche, die wir an den Tag legen, auch sein mögen, Realitätsverweigerung funktioniert nie dauerhaft. Irgendwann stößt jeder an seine Grenzen. Was trivial klingen mag, ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

          Dem Abschieben von Verantwortung haftet etwas sehr Kindisches an, womit sich dieses Verhalten geschmeidig in unsre vielbeschriebene infantile Gesellschaft einfügt. Doch das Nichts-ist-unmöglich-Lebensgefühl hat fatale Folgen. Wer sein Denken durch irrwitzige Machbarkeitsparolen vernebeln lässt, steigert gleichzeitig das Enttäuschungspotential ins Unermessliche. Geht etwas schief, gleicht der persönliche Rückschlag sofort einer Katastrophe. Wahrscheinlich ließe sich viel Unzufriedenheit und Burnout-Gefühl vermeiden, wenn sich individuelle Wünsche und Wirklichkeit einander annäherten, anstatt immer weiter auseinanderzudriften.

          Wer heute Wörter wie Selbstbeschränkung und Verzicht in den Mund nimmt, erntet beinahe schon Gelächter und macht sich zudem verdächtig, ein Zögerer und Zauderer zu sein. Und es ist ja auch richtig: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Aber wer wagt, gewinnt eben nicht zwangsläufig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das war nichts: Gegen Arsenal ist die Eintracht um Filip Kostic unterlegen.

          Heimdebakel in Europa League : Die Eintracht fällt auseinander

          Das mutige Auftreten gegen den FC Arsenal wird nicht belohnt: Zum Auftakt in die Europa League verlieren die Frankfurter zu Hause deutlich – und müssen in der nächsten Partie auf einen wichtigen Spieler verzichten.
          Signale des Bewusstseins, im Computer rekonstruiert: links ein fast bewusstloser Komapatient, rechts ein Gesunder, in der Mitte ein Komapatient mit Bewusstsein.

          Wegen Fehlverhaltens : Urteil gegen den Primus der Hirnforschung

          Der weltbekannte Hirnforscher Niels Birbaumer behauptet, Locked-In-Patienten wieder kommunikationsfähig zu machen. Jetzt hat ihn die DFG wegen Fehlverhaltens verurteilt. Er will trotzdem weitermachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.