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Lebensplanung : Ich kann doch nichts dafür!

Nehmen wir die Idee von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Familienministerin Manuela Schwesig sagte dazu neulich in einem Interview, dass die Paare von heute eben beides wollten: „Beruf und Familie. Mit einem guten Kita-Platz, einer Ganztagsschule und einem Arbeitgeber, der Mutter nicht aufs Abstellgleis schiebt, gelingt die Vereinbarkeit - auch wenn es nicht immer einfach ist.“ Keine Frage, Kita-Plätze, Ganztagsschulen und flexible Arbeitgeber sind wichtig. Trotzdem gilt, dass niemand einen Anspruch darauf hat, sich in einer perfekten Infrastruktur selbst verwirklichen zu können.

Außerdem ist selbst die beste Infrastruktur noch kein Garant dafür, dass man seine Ziele erreicht und ein erfülltes Leben führt, wobei sich die Frage stellt, was ein erfülltes Leben überhaupt sein soll. Das Vereinbarkeitsgerede blendet die banale Tatsache aus, dass wir Prioritäten setzen müssen. Die Dinge liegen ganz einfach: Eine erfolgreiche Geschäftsfrau kann nicht gleichzeitig Vollzeitmutter sein und umgekehrt.

Irgendwann stößt jeder an seine Grenzen

Dass die Regierung die Frauenquote für Aufsichtsräte großer Unternehmen beschlossen hat, heißt nicht automatisch Aufstieg für alle. Sibylle Berg formulierte es in einer ihrer Kolumnen einmal so: „Alle Sätze, die mit ,Das ist mein gutes Recht ...‘ beginnen, kann man meist mit einem beherzten ,Nein, ist es nicht‘ beenden. Es gibt weder das Recht, unversehrt sein Leben zu beenden, noch von Gemeinheiten verschont zu bleiben.“

Eines der jüngsten Beispiele in Sachen Vorgaukeln von Wunscherfüllungsgarantien stammt aus Amerika. Die Firmen Apple und Facebook bieten ihren Mitarbeiterinnen an, ihre Eizellen auf Firmenkosten einfrieren zu lassen und erst dann ein Kind zu bekommen, wenn es ideal in die Karriereplanung passt. Die Vorstellung, das Kinderkriegen durch technischen Fortschritt exakt terminieren zu können, mag verlockend sein, in erster Linie ist sie aber naiv.

Die Tradition der Schuldverschiebungsstrategie reicht weit zurück, nämlich bis zu Adam und Eva. Wir kennen die Geschichte: Adam wälzt die Verantwortung auf Eva ab: „Die Frau, die du mir an die Seite gestellt hast, gab mir davon; da habe ich gegessen.“ Und Eva? Sie behauptet: „Die Schlange ist schuld, sie hat mich zum Essen verführt!“ Im Grunde ergeht es uns nicht anders als Adam und Eva: Wir werden ständig aus dem Paradies unserer eigenen Illusionsglocke vertrieben, unter der wir es uns bequem gemacht haben. Doch egal, wie raffiniert die Selbsttäuschungsversuche, die wir an den Tag legen, auch sein mögen, Realitätsverweigerung funktioniert nie dauerhaft. Irgendwann stößt jeder an seine Grenzen. Was trivial klingen mag, ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

Dem Abschieben von Verantwortung haftet etwas sehr Kindisches an, womit sich dieses Verhalten geschmeidig in unsre vielbeschriebene infantile Gesellschaft einfügt. Doch das Nichts-ist-unmöglich-Lebensgefühl hat fatale Folgen. Wer sein Denken durch irrwitzige Machbarkeitsparolen vernebeln lässt, steigert gleichzeitig das Enttäuschungspotential ins Unermessliche. Geht etwas schief, gleicht der persönliche Rückschlag sofort einer Katastrophe. Wahrscheinlich ließe sich viel Unzufriedenheit und Burnout-Gefühl vermeiden, wenn sich individuelle Wünsche und Wirklichkeit einander annäherten, anstatt immer weiter auseinanderzudriften.

Wer heute Wörter wie Selbstbeschränkung und Verzicht in den Mund nimmt, erntet beinahe schon Gelächter und macht sich zudem verdächtig, ein Zögerer und Zauderer zu sein. Und es ist ja auch richtig: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Aber wer wagt, gewinnt eben nicht zwangsläufig.

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