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Ein Anruf in Minsk : Sie sind auf dem direkten Weg nach Nordkorea

  • -Aktualisiert am

Moralgrüner Protestkalender: Ein einsames Plakat für den festgesetzten weißrussischen Blogger vor der Botschaft von Belarus in Berlin. Bild: dpa

In Belarus greift der Staatsterrorismus gerade brutal um sich. Proteste hierzulande bleiben aus. Die Vorgänge scheinen nicht in den moralgrünen Protestkalender zu passen. Ein Anruf bei einer mutigen Unabhängigen, die Angst um ihre Familie hat.

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          Ein Videoanruf in Minsk. Bei Maria. Im Hintergrund schreit der kleine Sohn, sind Spielsachen auf dem Boden verteilt. Im vergangenen Herbst haben wir das letzte Mal gesprochen, da war sie voller Ingrimm und Tatendrang, erzählte stolz von den Demonstrationen, zu denen sie ging, zusammen mit ihrer Tochter, Tag für Tag, Hand in Hand – die Welt schaute ja zu. Natürlich war das auch damals schon gefährlich, fanden Einschüchterungen und Verhaftungen statt. Aber seinerzeit lag eben auch ein Hauch von Umsturz in der Luft, etwas von jenem trügerischen Gefühl, dass der Diktator wanke, wenn nur genug Mutige ihm die Stirn böten. Davon ist nichts mehr geblieben.

          Maria, die – stünde ihr echter Name in der Zeitung – um ihre Existenz und das Wohl ihrer Familie fürchten müsste, sagt, es komme ihr gerade so vor, als lebte sie in einem Geschichtsbuch. Was Lukaschenko und seine Schergen einsetzten, um die Demonstrationen im Land zu ersticken, seien „stalinistische Methoden“, der Geist des Totalitarismus wehe sie inzwischen von jeder Straßenecke an. Etwa, wenn Sicherheitskräfte bei einem Abendspaziergang die Chatverläufe auf dem Mobiltelefon kontrollierten oder ein Gesetz erlassen werde, das der Regierung erlaubt, willkürlich den Zugang zum Internet zu blockieren. Niemand, der sich in den sozialen Netzwerken oder bei Gesprächen mit Arbeitskollegen als „Unabhängiger“ zu erkennen gibt, wisse inzwischen mehr, wie lange er noch in Freiheit leben könne. Wer jetzt noch demonstriere, müsse mit dem Schlimmsten rechnen, sagt Maria, und dass sie eine große Gefahr spüre: „Sie missachten das Recht. Sie werfen dich ins Gefängnis. Sie nehmen dir die Kinder weg.“

          Froh über die beschlossenen Sanktionen

          Als der junge Blogger Roman Protasewitsch vor ein paar Tagen in dem gekaperten Ryanair-Flug festgenommen wurde, soll er zu seinen Sitznachbarn gesagt haben: „Das ist mein Todesurteil.“ Die Angst vor dem Terror, den die belarussische Diktatur verbreitet, kam in diesem Satz schockhaft zum Ausdruck. Er müsste jetzt ein geflügelter werden, überall auf Plakaten stehen, von Sprechchören gerufen werden. Aber wie schon im vergangenen Herbst bleiben bei uns in Deutschland die Demonstrationen aus. Das Ganze passt irgendwie nicht so richtig in den moralgrünen Protestkalender. Maria jedenfalls ist froh über die jetzt von der EU beschlossenen Sanktionen. Auch wenn sie daran zweifelt, dass Europa wirklich einen echten Plan für den Umgang mit der weißrussischen Unabhängigkeitsbewegung hat. Denn dafür müsste es den Druck auf Russland erhöhen, das gerade wieder einmal kaltblütig über alle westlichen Wertebekundungen triumphiert.

          „Wir befinden uns auf dem direkten Weg nach Nordkorea“, sagt Maria, niemand komme mehr einfach so aus dem Land, jetzt schon gar nicht, wo auch noch der Flugverkehr stark behindert ist. Sie sieht müde aus, die Angst vor Repressionen zehrt an ihr. Nur selten huscht noch ein Lächeln über ihr Gesicht, immer dann, wenn sie das Wort „Demokratie“ ausspricht – als wäre das die Erinnerung an ein fernes Glück. Die Kinder rufen zum Abendessen, Maria dreht unruhig an ihrem Ehering. „Jedes Land muss seine Unabhängigkeit mit Blut bezahlen“, sagt sie zum Abschied, und: „Hoffentlich sind wir gerade vorsichtig genug.“

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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