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Latinos in Amerikas Wahlkampf : Wir brauchen eine Arche, Tiger!

  • -Aktualisiert am

Junot Díaz, geboren 1968 in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, kam mit sechs Jahren mit seiner Familie nach New Jersey (Archivbild, 2014). Bild: Matthias Lüdecke

Welche Rolle die Latinos heute in den Vereinigten Staaten spielen? Die Frage ist doch, welche Rolle sie nicht spielen! Eine Begegnung an der Bar in Boston mit dem Schriftsteller Junot Díaz.

          5 Min.

          Ich warte auf Junot Díaz, den bekanntesten Autor der Vereinigten Staaten lateinamerikanischer Herkunft, in Cambridge bei Boston, in einem lauten Café zwischen der Harvard-Universität und dem Massachusetts Institute of Technology, wo Díaz Kreatives Schreiben unterrichtet. Er kommt auf mich zu und grüßt mich mit einem herzlichen „Hey, man!“, wie einen alten Bekannten.

          Während wir an der Bar stehen - Díaz sagt, er habe früher Billard-Tische ausgeliefert und könne heute nicht mehr ohne Rückenschmerzen sitzen -, bin ich unsicher, in welcher Sprache ich mit ihm sprechen soll. Frage ich etwas auf Spanisch, unserer gemeinsamen Muttersprache (er ist in der Dominikanischen Republik geboren, ich in Kolumbien), antwortet er auf Englisch. Frage ich auf Englisch, antwortet er in derselben Sprache, benutzt dabei aber jede Menge spanische Ausdrücke und beendet seine Sätze mit einem „Sabes?“ („Weißt du?“) oder mit einem kumpeligen „No me lo vas a creer, tigre!“ („Du wirst es mir nicht glauben, Tiger!“).

          Unser umfangreiches Ich

          Nach einer Weile begreife ich ungefähr, wie Díaz mit seinen Sprachregistern spielt: Spricht er über Politik oder Literatur, benutzt er hochgestochenes Englisch („War es Lenin, der über antagonistische und nichtantagonistische Widersprüche schrieb? Man könnte dies wohl auf Clinton und Trump anwenden . . .“). Reden wir etwa über unsere Familien, kommt Díaz’ heiteres Karibik-Spanisch hoch. Ansonsten benutzt er ein lässiges, derbes Englisch und provoziert gerne mit plakativen Aussagen: „Deutschland hat jeder Nation die Hände seiner Wirtschaft in den Arsch gesteckt. Wenn aber die Konsequenzen davon auftauchen, globale Ungleichheit, Migranten, wollen manche nichts davon hören. Sie wollen essen, aber jemand anderes soll ihnen den Hintern abwischen!“

          Dieses Spiel der Identitäten ist zentral in Díaz’ Selbstverständnis. So antwortet er auf meine Frage, wie er sich als Schriftsteller definiere: „Wenn es sein muss: als ein Einwanderer-, ein Latino-, ein karibischer Schriftsteller; als ein dominikanischer, ein dominikanisch-US-amerikanischer und als US-amerikanischer Schriftsteller; als ein Autor der Hiphop-Generation und einer, der mit der afrikanischen Diaspora intim verbunden ist.“ Und er fügt feierlich hinzu: „Um es mit Whitman zu sagen: Ich bin umfangreich, ich enthalte Massen.“

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          Das Café, in dem wir uns unterhalten, liegt weit weg vom Ort, aus dem Díaz kommt: von Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, wo er 1968 geboren wurde; aber auch fern von Parlin, der armen Gemeinde in New Jersey, wo er mit sechs Jahren als eines der fünf Kinder einer damals illegalen Migrantenfamilie ankam und in einem schäbigen Wohnkomplex aufwuchs. In New Jersey besuchte Díaz verschiedene Schulen und entdeckte seine Liebe für Science-Fiction-Literatur. Später studierte er an der Rutgers-Universität, wo er das Werk der Autorinnen Sandra Cisneros und Toni Morrison kennenlernte, das ihn anfeuerte, es selbst als Schriftsteller zu versuchen. Seine ersten Kurzgeschichten erschienen in kleinen Zeitschriften, irgendwann kaufte der „New Yorker“ ein paar seiner Erzählungen.

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