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Rule, Britannia? : Ohne Worte

  • -Aktualisiert am

Last Night of the Proms in der Royal albert Hall London, 2013 Bild: AFP

Bei der „Last Night of the Proms“ der BBC soll das Lied „Rule, Britannia!“ nur noch ohne Text erklingen. Die Worte gelten als kolonialistisch und imperialistisch. Andere Strategien der Distanzierung scheinen gar nicht mehr erwogen zu werden.

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          Hamlet, dem Prinzen von Dänemark und frühen Theoretiker einer „sozialen Konstruktion der Wirklichkeit“, wurde von William Shakespeare der Satz zugeschrieben: „An sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.“ Jonathan Swift hat etwas später diese Idee des Kulturrelativismus in „Gullivers Reisen“ zum System ausgebaut. Ob es diese ästhetische Subversion von politischen Geltungsansprüchen war, die Ludwig van Beethovens Herz derart laut für die Briten schlagen ließ? Jedenfalls schrieb er recht feine, noch im gelegentlichen Rumsen lächelnde Klaviervariationen über das Lied „Rule, Britannnia“ und verschaffte der inoffiziellen Nationalhymne Albions später einen gewaltigen Auftritt in seinem Tongemälde „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“ (gegen Napoleon). Das Lied „Rule, Britannia“ war ihm die Hymne der Freiheit. Heute denkt man anders darüber.

          Den Tonangebern der Postkolonialismus-Diskussion bleiben die Textworte im Halse stecken, weil sie Zeugnis imperialer Weltversklavung seien. Bei der „Last Night of the Proms“ der BBC in der Royal Albert Hall, in der „Rule, Britannia“ traditionell einen Geselligkeitsgipfel der Konfetti-Imperialisten grundiert, soll es dieses Jahr nur noch in der Orchesterfassung von Malcolm Sargent gespielt, aber nicht mehr gesungen werden. Die finnische Dirigentin der „Last Night“, Dalia Stasevska, ist Anhängerin der „Black Lives Matter“-Bewegung und will die Corona-Vorschriften, also die Aussperrung des Publikums, nutzen, um mit der Tradition zu brechen. Auch „Land of Hope and Glory“, gegen dessen globale Besitzansprüche jedes „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ geradezu niedlich wirkt, soll nur noch instrumental erklingen. Die BBC hat dem Vorschlag zugestimmt. Wie es scheint, sind die Pathetiker von Geltungsansprüchen wieder auf dem Vormarsch. Da wäre es an der Zeit, endlich wieder Zeichen einer ästhetischen Subversion zu setzen. Berliner Orchester, habt den Mut, eure Saison mit Musik von Michail Glinka zu eröffnen, der nun plötzlich – kein Mensch bei Verstand fasst es – ein großrussischer Nationalist und arger Antisemit gewesen sein soll!

          Und da sich am 2. September der Sieg Preußens über Frankreich zum hundertfünfzigsten Male jährt, sollten Angela Merkel und Emmanuel Macron – wir schlugen es schon einmal vor – mutig vorangehen mit einer Freiluftaufführung von Johannes Brahms’ „Triumphlied“ op. 55 (laut dem Umfeld des Komponisten geschrieben „auf den Sieg der deutschen Waffen bei Sedan“), alles vor der Siegessäule in Berlin, mit deutschem Chor, französischem Orchester, dirigiert von Christian Thielemann, das Baritonsolo gesungen von Stéphane Degout. Und zum Abschluss ein Geschwader der französischen Luftwaffe, das zum Sedan-Tag den Satz „Musik verbindet“ in den Himmel sprüht. Das wäre ein Fest ästhetischer Neutralisierung politischer Geltungsansprüche, eine Demonstration von Befreiung durch Ironie, ein Karneval musealer Melancholie.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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