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Laschets Akademie : Aachen könnte das Nadelöhr der Weltpolitik sein

Pakistan ist ausgezogen

Als Bonn Bundeshauptstadt war, residierte in der Villa in der Rheinallee der Botschafter von Pa­kistan, einer anderen ehemaligen Kolonie der Briten. Marmorsäulen und wohl auch einige ornamentale Verzierungen sind erhabene Zeugen dieser Vergangenheit. Jetzt soll hier erneut das große Spiel der Staatenbeziehungen einen Ort finden, als Gegenstand des Nachdenkens. Die Nordrhein-Westfälische Akademie für Internationale Politik – an der Tür steht nur der englische Name: Academy of International Affairs NRW – kündigte feierlich die Aufnahme ihrer Arbeit an. Die Ausschreibung der ersten Stipendien für globale Spitzenforscher, die man nach Bonn lo­cken will, wird erst einige Monate nach der Bundestagswahl erfolgen. Eine erste Ta­gung fand immerhin schon statt, über Künst­liche Intelligenz. Unangemeldet er­schien dort ein Abgesandter des amerikanischen Generalkonsulats, der sich recht bald wieder auf Französisch verabschiedete. Ob die entschiedene Kritik am überstürzten Abzug der Amerikaner aus Afghanistan, die Laschet vor den Festgästen der Akademie darlegte, Präsident Biden zur Kenntnis gelangen wird, steht dahin.

2017 hatte der Ministerpräsident die Gründung der Akademie in seiner ersten Regierungserklärung angekündigt – als merkwürdig bewertete es der Bonner General-Anzeiger, dass die Staatskanzlei die Einladungen an die Presse erst am Tag vor dem Termin verschickte. In welchen Kontexten sieht schnelles politisches Handeln plötzlich zu schnell aus? Ein schönes Tagungsthema für die Akademie!

Die Flamenco-Musik von Rafael Cortés stimmte die Ehrengäste der Akademie-Eröffnung erkennbar melancholisch.
Die Flamenco-Musik von Rafael Cortés stimmte die Ehrengäste der Akademie-Eröffnung erkennbar melancholisch. : Bild: dpa

Dass Laschet auch als Redner zum Im­provisieren neigt, kennt man. Um so auffälliger, dass er die Augen kaum vom Manuskript löste, als fände er dort auch noch seine Abschweifungen vorformuliert. Frappant war der Kontrast zu seiner Vorrednerin Mayssoun Zein Al Din, der Geschäftsführerin der Akademie, die vollkommen frei und wie auswendig gelernt ihre Le­bensgeschichte als Flüchtlingskind aus dem Libanon erzählte. Hier konnte La­schet anknüpfen. Denn das Anknüpfen ist sein Element. Er ist bei sich, wo Politik persönlich wird, Stoff für Anekdoten und Le­genden. Kommt sein Faible für die internationale Politik von der Vorstellung her, sie beruhe auf persönlichen Beziehungen, be­stehe im Einfädeln und Verknoten?

Im Publikum konnte er Rangin Dadfar Spanta begrüßen, den früheren, jetzt glücklich in den Westen gelangten Außenminister von Afghanistan, einen alten Be­kannten aus Aachen, der an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule studierte, wie die Geschäftsführerin der Akademie, die an der RWTH auch als Tu­torin tätig war, in einem Kurs, der legendär wurde, weil die Klausuren verloren gingen und trotzdem benotet wurden.

Für in Aachen und um Aachen herum geknüpfte Verbindungen hätten eigentlich auch die Beziehungen zwischen Nordrhein-Westfalen und Ghana Anlässe genug geboten. Der afrikanische Staat ist seit 2007 das Partnerland des Bundeslandes, und Präsident Akufo-Addo und seine Delegation sind zur Fündundsiebzigjahrfeier von NRW an­gereist. Aber über Ghana machte La­schet in seiner Rede nur eine einzige Be­merkung: Mit der Bundeskanzlerin hätten er und der Präsident die Frage besprochen, wie viel Impfstoff es wohl in Ghana gebe. Akufo-Addo hatte in seiner Rede um das Lob der deutschen Staatskunst herum viele hintergründige Gedanken über die Ge­schichte, die Lage und das Selbstverständnis des postkolonialen Afrika platziert. Für Laschet wäre die Gelegenheit da ge­wesen, darüber zu sprechen, wie in einer Partnerschaft beide Seiten lernen. Aber der Gründer der Bonner Akademie für Internationale Politik konnte sich einen afrikanischen Staat offenbar nur als Hilfsempfänger vorstellen.

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