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Lars Eidinger im Interview : Es geht um die Freiheit der Kunst

Homosexueller Pornostar? Lars Eidinger als Zar Nikolaus II Bild: AP

Nach der Urteilsverkündung: Lars Eidinger über seinen Freund Kirill Serebrennikow, die Atmosphäre der Angst in Russland und darüber, welcher künstlerische Widerstand nötig ist.

          2 Min.

          Wenn der Name Kirill Serebrennikow fällt, woran denken Sie dann als erstes?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Ich habe ein sehr freundschaftliches, fast liebevolles Verhältnis zu ihm. Das letzte Mal haben wir uns in Avignon getroffen, das ist schon so lange her. Ich fühle mich sehr mit ihm verbunden. Das ist auch der Grund, warum mich seine Verurteilung jetzt so mitnimmt, obwohl ich zum Fall selbst natürlich nichts sagen kann, weil ich die Hintergründe nicht kenne. Kirill ist ein Freund von mir, und wenn der sagt, er ist unschuldig, dann glaube ich ihm. Und das macht den Vorgang tief tragisch, weil ich das Gefühl habe, da wird jemand zu Unrecht verurteilt, und ich kann nichts dagegen tun.

          Seit wann sind Sie beide befreundet, wann haben Sie sich kennengelernt?

          Wir haben uns während eines Festivals für neue internationale Dramatik an der Schaubühne kennengelernt. Und dann ging es auch um konkrete Pläne der Zusammenarbeit. Er hat mir ein Drehbuch für einen Film geschickt, in dem ich spielen sollte, aber das hat aus Termingründen nicht geklappt. Wir waren eigentlich entschlossen, etwas gemeinsam zu machen, aber das wurde bisher durch seine Anklage und seinen Hausarrest unmöglich gemacht.

          Vor einiger Zeit gab es in Zusammenhang mit Ihnen und Serebrennikow einen kleinen Skandal – was ist da genau passiert?

          Ja, das war eine wahnsinnige Geschichte. Es gab vor ungefähr drei Jahren von der russischen Politikerin Natalia Poklonskaya enorme Vorwürfe gegen einen Film, den ich mit dem Regisseur Alexej Utschitel über den Zaren Nikolaus II gedreht habe. Ich wurde von ihr als homosexueller Pornodarsteller und Satanist bezeichnet, und gegen den Film lief eine ziemliche Hetzkampagne im Land. In dieser Zeit bekam ich einen Anruf von jemandem, der sich als Kirill Serebrennikow ausgab und mich bat, einen Brief in seinem Namen zu veröffentlichen. Er rief mich angeblich aus dem Hausarrest an und telefonierte mehrere Stunden mit mir. Und ich bin auf ihn hereingefallen und habe den Brief veröffentlicht. Am nächsten Tag gab es dann eine Mitteilung von Kirill, in der er beteuerte, dass der Brief nicht von ihm sei. Das Ganze hat damals ihm und natürlich auch mir geschadet. Diese Skrupellosigkeit und Unehrlichkeit ist es, die mir auch jetzt große Angst macht, wenn ich an das Urteil denke.

          Könnte genau das jetzt auch wieder ein Problem werden für Serebrennikow – je mehr internationale Unterstützung es gibt, desto schärfer urteilt der russische Staat?

          Das hoffe ich nicht. Wir alle wissen natürlich, dass es bei der Gerichtsverhandlung um viel mehr geht als eine Veruntreuungsanklage. Die Künstler in Russland sind wirklich in einer sehr bedrohlichen Situation, alle haben Angst vor gerichtlichen Urteilen, weil sie einschneidende Konsequenzen für ihr künstlerisches Schaffen haben. Ich sorge mich sehr um die Kulturlandschaft in Russland und möchte unbedingt deutlich machen, dass wir hier im Westen genau hinschauen und anklagen, wenn dort Ungerechtigkeit geschieht.

          Was aber hat Wirkung? Was können Künstler außerhalb Russlands tun, um ihren Widerstand zu dokumentieren?

          Das ist eine schwierige Frage. Als ich in Russland gedreht habe, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, mit meinen Vorurteilen gegenüber dem Land aufzuräumen, aber ich wurde im Gegenteil in vielem bestätigt, was etwa den Umgang mit Homosexualität angeht oder die Behandlung von dienstleistenden Arbeitern. Insgesamt herrscht vielerorts eine Atmosphäre der Angst, jedenfalls nicht der Freiheit. Und daher ist jemand wie Kirill Serebrennikow so beeindruckend, weil er als offen homosexuell lebender Jude in einem solchen Umfeld seine systemkritische Meinung äußert. Wenn so jemand allen Ernstes mit sechs Jahren Lagerhaft bedroht wird, dann geht es nicht nur um ein Einzelschicksal, dann geht es auch um meine Freiheit als Künstler. So verstehe ich den Prozess gegen ihn jedenfalls. Als exemplarischen Testfall für die Kunstfreiheit.

          Welche Nachricht würden Sie ihm jetzt, in dieser Situation, gerne senden?

          Die mir wichtigste Botschaft, dass er nicht alleine dasteht, dass die Versuche, ihn zu isolieren, ihn aus seiner Gemeinschaft herauszulösen und zu separieren, nicht akzeptiert wird. Ich will ihm den Rücken stärken. Ich will mich neben ihn stellen.

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