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Studie zur Stadtflucht : Die neue Lust aufs Land

  • -Aktualisiert am

Wiesen, Himmel und ab und zu ein geschmackvolles Haus: Die Traumvorstellung vom Landleben. Ob sie es ist, die viele Menschen zum Umzug bewegt, muss noch erforscht werden. Bild: ZB/dpa

Statistiker beobachten einen auffälligen Trend zur Stadtflucht. Selbst die abgelegensten Landstriche scheinen attraktiv zu sein. Wie lässt sich das erklären?

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          Die Literatur hat es schon vor dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gewusst, das gehört sich eigentlich auch so, ist sie doch zuständig für das Erspüren von Stimmungen und Sehnsüchten, auch gesamtgesellschaftlichen. So wurde in einigen der meistbeachteten Bücher der letzten Zeit von der Stadt aufs Land gezogen. Juli Zeh lässt in „Über Menschen“ eine junge Frau von Berlin in ein Brandenburger Dorf flüchten, Judith Hermann in „Daheim“ eine nicht mehr ganz so junge Frau in ein Haus nahe der Küste, und Sarah Kuttner schickt in „Kurt“ ein Paar aus der Großstadt in den Speckgürtel. Alle Protagonisten fallen in die Altersgruppe der 25- bis 49-Jährigen, die das Berlin-Institut in einer am Dienstag veröffentlichten Studie als Motor einer Entwicklung ausmacht, die nun erstmals mit Zahlen belegt wird: Es zieht die Menschen aufs Land – und zwar auch, und das ist der besonders interessante Teil, richtig weit raus, in abgelegene Landstriche.

          Petra Ahne
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Berlin-Institut hat für die Studie die Erhebungen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder zu „Wanderungen“ aus den Jahren 2008 bis 2020 sehr genau angesehen. Der Wanderungssaldo, also die Differenz von Zu- und Fortzüglern je tausend Einwohner, sah zu Beginn des Untersuchungszeitraums deutlich anders aus als an dessen Ende: In den Jahren 2008 bis 2010 verloren noch mehr als zwei von drei Kleinstädten und Dörfern Bewohner. Je kleiner die Ortschaft, desto ausgeprägter der Wegzug. Die Großstädte und Orte in Ballungsräumen dagegen wuchsen.

          Städte gewinnen nur durch Zuzug aus dem Ausland

          In den Jahren 2018 bis 2020 hat sich die Entwicklung großflächig umgekehrt: Knapp zwei Drittel der Landgemeinden gewinnen Bewohner dazu. Die Städte wachsen immer noch, aber weniger ausgeprägt – und nur, weil Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland ziehen, sich oft in Städten niederlassen. Ohne sie hätten viele Großstädte keinerlei „Wanderungsgewinne“ mehr. Der Zuwachs in den ländlichen Gebieten wiederum betrifft ganz Deutschland, auch den Osten, wo noch vor zehn Jahren neun von zehn Landgemeinden schrumpften und nur noch Großstädte wie Dresden, Leipzig oder Potsdam einen Zuzug verzeichneten. Inzwischen ist die Abwanderung aus den ostdeutschen Bundesländern Richtung Westen gestoppt; seit einigen Jahren zieht man zahlenmäßig recht ausgeglichen hin und her, und auch der neue Zuzug aufs Land verteilt sich gleichmäßig.

          Bereits im Jahr 2017 kam der Trend in Fahrt, die Pandemie hat ihn noch einmal beschleunigt. Pendelbewegungen gab es in der Vergangenheit immer wieder. In den Wirtschaftswunderjahren wollte man möglichst ein eigenes Haus; um die Jahrtausendwende boomten die Städte. Kontinuierlich leerer wurden dabei abgelegene Gegenden. Das ist nun anders, und viel spricht dafür, dass sich gerade ein grundlegender Wandel vollzieht. Dank Digitalisierung, Glasfaseranschlüssen und einer veränderten Unternehmenskultur, zu der mobiles Arbeiten gehört, kann man nun an Orte ziehen, die fürs Pendeln noch zu abseits lägen – auch in Dörfer, die schon fast aufgehört hatten, welche zu sein.

          Viele Projekte sind noch in den Anfängen

          Hier fängt es an, spannend zu werden – denn entscheidend ist, was die Neuankömmlinge für die Landgemeinden bedeuten. Es sind vor allem junge, ins Berufsleben startende Menschen und etwas ältere mit ihren Kindern, die aufs Land ziehen, oft aus der Großstadt hinaus. Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen kommen sie an, wie wollen sie in der neuen Umgebung leben? Möchten sie Teil des dörflichen Miteinanders werden? Werden die alten Dorfkerne wiederbelebt, oder entstehen neue Einfamilienhaussiedlungen am Ortsrand, was den ohnehin viel zu hohen Flächenfraß noch vergrößern würde? Ist es den Menschen, die aufs Land ziehen, in der Stadt einfach zu teuer geworden, oder handelt es sich um echte „Landlust“, ein Wort, das die Studie im Titel trägt? Wie viel Romantik ist dabei – und könnte sie enttäuscht werden?

          Antworten auf Fragen wie diese werde im kommenden Jahr eine Folgestudie liefern, vertröstet das Berlin-Institut, und sich den Umzüglern, deren Motivation und Vorstellungen eingehender widmen. Mit einer Gruppe, den Gründern digitalgestützter Arbeitsplätze, hat sich das Institut schon in einer im vergangenen Jahr erschienenen Studie beschäftigt. Sie ziehen mit neuen Vorstellungen von Arbeit und Leben aufs Land, richten Co-Working-Spaces in alten Scheunen ein oder gründen eine Tiny-House-Siedlung. Viele Projekte sind noch in den Anfängen. Aber sie lassen schon ahnen, dass Stadt und Land als Gegensatz künftig nicht mehr wie bisher taugen.

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