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Landleben : Der Schandfleck im Paradies

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Glück auf Stroh statt auf Spaltenböden - wie in der guten alten Zeit? Bild: Teutopress/ SZ Photo

Die Deutschen wollen keine Massentierhaltung mehr. In den Dörfern schießen Bürgerinitiativen aus dem Boden, sobald ein großer Stall gebaut wird. Politisierte Künstler, Hoteliers und Ärzte sowie kampferprobte Altachtundsechziger werden gemeinsam zu Aktivisten.

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          Gert Müller bringt seinen dunkelblauen Minivan vor dem Haupteingang der Schweinemastanlage zum Stehen. Er und seine Frau Sybilla Keitel sagen erst einmal nichts und lassen den Anblick auf den Besucher wirken. Das Berliner Ehepaar hat zehn Jahre Erfahrung damit, Journalisten ins brandenburgische Dörfchen Hassleben hinauszufahren und sie mit einer anderen, längst vergangenen Welt zu konfrontieren: mit dem landwirtschaftlichen System der DDR. 150 000 Schweine haben bis 1991 in dem Ort in der Uckermark gelebt. Seitdem steht die Anlage leer. Das still in der Herbstsonne daliegende Pförtnerhäuschen ist mit mehreren rot-weiß gestreiften Schlagbäumen gesichert, dahinter lassen sich zunächst nur die verblichenen Fassaden der Verwaltungsgebäude erkennen. Gert Müller, der hauptberuflich Jazzposaunist und Musikhochschuldozent in Berlin ist, nebenberuflich aber seit zehn Jahren Aktivist im Kampf gegen die Wiederbelebung der riesigen Anlage, wendet den Wagen und fährt an der Westseite des Betriebs entlang.

          Vierhundert Meter lang und hundert Meter breit sind die beiden langen Stallhallen. Was in den achtziger Jahren hinter den Mauern vor sich ging, wissen Müller und Keitel von Zeitzeugen, die als Techniker und Tierärzte dort gearbeitet haben. „Dass Ferkel totgeschlagen wurden, war Usus“, sagt Müller. „Die Arbeiter hatten Asthma und brennende Augen. Öfter mal gab es Havarien: Pumpen gingen kaputt, der Strom fiel aus. Dann sind die schwimmbadgroßen Güllebecken übergelaufen in den Kuhzer See nebenan. Die Bäume im Dorf waren entlaubt. Die Leute haben gehustet und geflucht und nach der Wende gesagt: Nie wieder Schweinehaltung in Hassleben.“

          Die Hälfte stammt aus Berlin

          Als im Jahr 2003 öffentlich wurde, dass der niederländische Investor Harrie van Gennip hier wieder 85 000 Schweine halten wollte, entstand eine Bürgerinitiative. Zur Hälfte besteht sie heute aus Berlinern, die wie Müller und Keitel ein Wochenendhaus in der Uckermark haben, zur anderen Hälfte aus Einheimischen. Elf Jahre lang konnten sie die Anlage bisher aufhalten. Sie haben Bodenproben analysieren lassen, Brandschutzgutachten in Auftrag gegeben, Winddaten beim Wetterdienst erfragt und die Pipelines kartiert, mit denen die Gülle zu DDR-Zeiten auf die Äcker geleitet worden war. Dreißig Mitglieder sind in der „BI Kontra Industrieschwein“ organisiert. Doch als sie in diesem Sommer zur Demo in den 300-Seelen-Ort Hassleben in der Einöde zwischen Templin und Prenzlau einluden, kamen tausend Menschen aus ganz Deutschland.

          Viele dieser Demonstranten kämpfen in ihren eigenen Dörfern gegen große Tierställe. Denn die Hasslebener Bürgerinitiative - eine der ersten überhaupt - ist zum Flaggschiff einer deutschlandweiten Bewegung geworden: Inzwischen entsteht eine Bürgerinitiative, wo auch immer ein Landwirt sich vergrößern will. In Misselwarden bei Cuxhaven kämpft man gegen 50 000 Hühner, im schleswig-holsteinischen Satrup gegen sechstausend Ferkel, in Wrisse in Ostfriesland gegen 85 000 Junghennen, in Alt Tellin in Mecklenburg gegen zehntausend Zuchtsauen.

          Gegenwind blieb aus

          „Vor ein paar Jahren noch entstanden nur in Gegenden mit wenig Landwirtschaft Bürgerinitiativen“, sagt der Agrarwissenschaftler Achim Spiller von der Universität Göttingen. Im Münsterland oder um Cloppenburg waren die Landwirte traditionell so einflussreich, dass ihre Bauvorhaben nicht in Frage gestellt wurden. „Dort hatten die Bauern funktionierende Netzwerke in Bürokratie und Verwaltung hinein.“ Gegenwind blieb aus. „Aber jetzt sind auch die Kernregionen betroffen“, sagt Spiller. „Bei den letzten Prüfungen, die ich vor ein paar Wochen hier abgehalten habe, berichteten fast alle Landwirtschaftsstudenten, die auf ihren Höfen daheim Tierhaltung betreiben, Probleme mit einer Bürgerinitiative zu haben.“

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