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Landleben : Komm! ins Offene, Freund!

Der Hoherodskopf ist mit 764 Metern (und hinter dem Taufstein, 773 m) die zweithöchste Erhebung im Vogelsberg. An seinen Hängen ziehen Schafherden dahin. Bild: Röth, Frank

Je leerer das Land wird, desto mehr wächst die Sehnsucht nach ihm. Dabei sind Stadt und Land längst keine Gegensätze mehr. Auf dem Dorf zu leben verlangt aber einen Rest an Romantik. Hölderlins herrliche Land-Elegie ist dafür Programm und Partitur.

          Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Anders lässt es sich nicht erklären, dass alle Leute immer noch am Gegensatz zwischen Stadt und Land, Metropole und Dorf festhalten. Denn dieser Gegensatz existiert gar nicht mehr, jedenfalls in entwickelten Gesellschaften nicht. Dort sind Stadt und Land längst Komplementärformen der Existenz - wofür man sich entscheidet, hängt zuallererst von lebenspraktischen Erwägungen, oft auch von professionellen Notwendigkeiten ab, die durch individuelle oder familiäre Prägung, durch aktuelle Präferenzen oder kulturelle Vorlieben lediglich mitbestimmt werden.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Neu ist der Befund nicht. Bereits in Meyers Konversations-Lexikon von 1897 heißt es im Eintrag zu „Dorf“ gleich zu Beginn: „Jene Unterschiede nämlich, welche früher zwischen Stadt und D. bestanden, sind mit der Befreiung des Bauernstandes und mit der Gewerbefreiheit hinweggefallen (s. Bauer).“ Und weiter: „Die Verschiedenheiten in der Beschäftigung der Dorf- und Stadtbewohner, wo sie überhaupt noch vorhanden sind, sind thatsächlicher, nicht rechtlicher Natur.“ Der Eintrag zu „Stadt“ lautet entsprechend: „Verschiedene Merkmale, welche früher für den Unterschied zwischen S. und Dorf oder zwischen Stadt- und Landgemeinde von Bedeutung waren, sind jetzt nicht mehr.“

          „I don't want to be a Landei / Ich bin geboren für die Stadt“

          Dass der Gegensatz auch weit mehr als hundert Jahre danach und allen inzwischen weiter gewachsenen Konvergenzen zum Trotz noch virulent ist, muss also sozialpsychologische Gründe haben oder als eine Art ideologisches Gewohnheitsrecht gelten. „I don’t want to be a Landei / Ich bin geboren für die Stadt“ singt und spielt die Augsburger Indie-Pop-Gruppe Anajo seit Jahr und Tag. Das hindert Hunderttausende ähnlich gesinnter Stadtpflanzen Wochenende für Wochenende nicht daran, „im Auto über Land“ zu fahren, wie es Erich Kästner bereits in seiner „Lyrischen Hausapotheke“ von 1936 empfahl. Dort werden dann Wander-, Rad- und Reitwege übervölkert und die Tiere in Wald und Flur aufgeschreckt.

          Außer Dauerregen oder Winterwetter hindert die Stadtpflanzen auch nichts daran, mit ihren Motorrädern im ländlichen Raum jene Lärmhölle noch unerträglicher zu machen, als sie es zumindest an jedem Samstag durch die Kettensägen, Rasenmäher, Betonmischer und das übrige Baugerät der dort Eingeborenen oder Angesiedelten eh schon ist.

          Umgekehrt fluten wochentags die Pendlermassen in die Stadt, verstopfen dabei morgens wie abends Autobahnen, Landstraßen, Nah- und (längst auch) Fernzüge, S-Bahn, U-Bahn und Bus. Sie verdanken Arbeit wie Einkommen den urbanen Möglichkeiten, zahlen ihre Steuern aber an der Peripherie oder in der tiefen Provinz. Entfernung vom Wohnort und Mobilität im Alltag stellen für Landbewohner kein gravierendes Problem mehr dar. Quantitativ ist die bäuerliche Erwerbstätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten erheblich zurückgegangen - die Erträge der Agrarwirtschaft keineswegs -, in gleichem Maß hat sich das Landleben darüber verbürgerlicht.

          Was als macht Landleben heute aus?

          In vielen gesellschaftlich wichtigen Bereichen verhalten sich Stadt und Land zueinander nach dem Prinzip kommunizierender Röhren. Die Stadt braucht Energie, das Land liefert sie zunehmend signifikanter durch Windkraft und Stromtrassen. Die tendenzielle Verschandelung der Landschaft, die vielerorts zu höchst konkreten Konflikten führt, wird in etwa kompensiert durch die Jobmaschine Stadt, die den ländlichen Arbeitsmarkt entlastet.

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