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Landleben : Es ist nicht mehr weit bis ins Tal

Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Erholungsgebiet Hoherodskopf. Bild: Röth, Frank

Die Erfindung eines Gefühls: Natursehnsucht als Gegenpol zur Urbanisierung gab es bereits in der Romantik. Was macht den unheimlichen Erfolg der Provinzromane von Stephan Thome bis Robert Seethaler aus?

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          Den überraschenden Erfolg seiner Erzählung über das karge Leben des Tagelöhners Andreas Egger in unwirtlicher Natur kann sich Robert Seethaler selbst am allerwenigsten erklären. Niemand könne das, sagt der 1966 in Wien geborene Schriftsteller, der sich noch gut daran erinnert, wie er mit dem Manuskript unterm Arm bei seinem Verlag aufgetaucht ist. Es gehe da um einen Mann aus dem Gebirge, habe er gemurmelt, ein Leben, hundertfünfzig Seiten - ob man damit etwas anfangen könne? Damals hätten alle etwas verlegen gelächtelt. Heute, vier Monate nach dem Erscheinen des schmalen Buchs, füllt Robert Seethaler die großen Säle der Literaturhäuser: „Ein ganzes Leben“, das auf keiner Long- oder Shortlist je stand, verkauft bald sein hunderttausendstes Exemplar.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Dieser eigenwillig schroffe, manchmal unerwartet zarte Text über einen hinkenden Kauz, der sein Tal praktisch nie verlässt, weckt eine diffuse Sehnsucht. Es scheint eine Sehnsucht nach mehr Unmittelbarkeit und Unverstelltheit in unseren von den Zumutungen der Moderne zugerichteten Biographien zu sein. Je mehr wuchernde Eigenheimsiedlungen und anschwellende Gewerbegebiete unsere Landschaft zersiedeln, je mehr E-Mails unsere Postfächer fluten und soziale Netzwerke unsere Zuwendung einfordern, desto bewusster trinken junge Leute offenbar selbstgekelterten Apfelwein im eigenen Schrebergarten und wandeln auf den Spuren von Edgar Reitz’ Heimat-Saga durch den Hunsrück. Oder sie lesen Romane, die wie bei Robert Seethaler eine im Untergehen begriffene Welt erkunden. Schon heute lebt die Hälfte aller Menschen in Städten; bis ins Jahr 2035 sollen es mehr als zwei Drittel sein. Das Verlangen nach Ortskenntnis und Beherrschung des Dialekts, sei er friesisch oder bayerisch, wird demnach umso heftiger, je mehr uns die Globalisierung den Boden unter den Füßen wegreißt.

          Das Leben einer Kultur unterwerfen

          Natursehnsucht als Kontrapunkt zur Urbanisierung gab es freilich schon in der Romantik. Und immer ist die Gefahr dabei die Idylle. Weil die Heimatdichtung einen Hang zur Nostalgie hat und von der Sehnsucht nach einer prämodernen intakten Welt heftig gepackt werden kann. Doch so harmlos erquicklich wie bei „Landlust“, dem Magazin, das dörfliches Leben für ein Millionenpublikum als Bühnenstück mit Einmachgläsern inszeniert, geht es in der Literatur natürlich nicht zu. Ob Andreas Maier, Judith Schalansky, Stephan Thome oder Robert Seethaler - sie alle erforschen die Provinzen Tirols, Oberhessens oder Mecklenburgs auf literarisch andere Weise, immer aber bringen sie ihre Wahrheiten ungeschönt vor. Erlösung ist nicht vorgesehen.

          Während Großstadtromane oft genug davon handeln, wie ihre Bewohner sich in der aufregenden urbanen Kulisse neu erfinden, so geschieht in Dorferzählungen genau das Gegenteil; sie beschreiben, wie eine Kultur das Leben des Einzelnen bestimmt - und manchmal unterwirft. Diesen Gegensatz vollzieht einer der wichtigsten Romane der letzten Jahre über die Provinz, Stephan Thomes Debüt „Grenzgang“, anhand seiner Hauptfigur sogar inhaltlich nach. Der Universitätsdozent Thomas Weidmann, der es zunächst aus der Peripherie bis ins Zentrum, aus der hessischen Tiefebene bis nach Berlin geschafft hat, wäre dort fast Professor geworden; aber eben nur fast, denn dann wird er von einem Rivalen am Institut ausgebootet. Weidmann, der in Berlin stets den Makel spürte, „nach Weide zu riechen“, kehrt zurück nach Bergenstadt, ausgerechnet an jenen Ort also, in dem er aufwuchs und dem er für immer den Rücken kehren wollte. Wie er sich dort, mittlerweile Lehrer am Gymnasium, zur Wehr setzt gegen all die ausgesprochenen wie ungesagten Appelle zur Einordnung und Angleichung, davon handelt dieser besondere Roman.

          Zwischen Beharrung und Modernisierung

          Wie durch ein Vergrößerungsglas lässt uns auch Robert Seethaler auf einen Mikrokosmos blicken. Hier ist es ein Tal am Fuße des Wendenkogels, an dem Andreas Egger und seine Kollegen für die Firma Bittermann & Söhne die erste Seilbahn bauen. Ihr entbehrungsreiches Leben umgibt eine andere Grobheit als im kleinstädtischen Bergenstadt, wo Frisöre noch „Salon“ heißen. In den Bergen prägen Naturgewalten und archaische Rituale das ganze Leben - und der Tod. Bei Seethaler wird ziemlich viel gestorben. Nicht nur Menschen kommen ums Leben, durch Tuberkulose, Lawinen oder beim Bergbahnbau. Mit dem Einbruch der Moderne stirbt auch eine Zeit. Dass die alte Zeit allerdings eine gute war, davon will diese Erzählung nichts wissen. Vielmehr ist es so, dass der um 1898 geborene Egger von seinem Ziehvater zum Krüppel geschlagen wird, und niemand im Tal würde darin eine schwere Form der Misshandlung sehen. Robust geht es auch für die Arbeiter bei Bittermann & Söhne zu. Wie Fichten überleben sie die Stürme des Lebens nicht im Widerstand, sondern nur durch biegsame Anpassung an die Gegebenheiten und durch Verzicht. Robert Seethaler schildert dieses Leben freilich nicht authentisch, sondern exemplarisch. Und auch die Natur ist nicht real, sondern eine Seelenlandschaft, losgelöst von Zeit und Raum. Mit Nostalgie hat das nichts zu tun.

          Mancher geht fort, mancher bleibt da, mancher kommt zurück, immer aber geht es um die Wechselspannung zwischen den Kräften der Beharrung und denen der Modernisierung. Fernweh, wovon Stephan Thomes „Grenzgang“ im Innersten handelt, lässt sich interessanterweise so wenig in eine andere Sprache übersetzen wie das Wort Heimat. Dennoch bleibt es eine universelle Wahrheit, dass das, was Menschen in die Welt zieht, dasselbe ist wie das, was sie zurück in ihr Dorf treibt.

          Robert Seethaler selbst gibt sofort zu, dass seine Sehnsucht nach einem ursprünglicheren Leben im Einklang mit der Natur eine Voraussetzung hat: Dass er in der Stadt lebt, früher in Wien, heute in Berlin. Würde der Achtundvierzigjährige aufs Land ziehen, würde er die Provinz augenblicklich hassen.

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