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Reden zur Lage Amerikas : Das Knie im Nacken

  • -Aktualisiert am

Im Alter von neun Jahren war er Pfingstprediger, später Tourmanager von James Brown: Al Sharpton spricht bei der Trauerfeier für George Floyd am 4. Juni in Minneapolis. Bild: AP

Die nötigen Reden zur Lage der Nation, die Donald Trump leider nicht hält, werden gerade von anderen gehalten. Aber zwölf Jahre nach Obamas Siegesrede in Chicago sind sie geprägt von einer Rhetorik der Verzweiflung.

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          Wenn es schlimm wird, steckt man in den Vereinigten Staaten von Amerika seine letzte Hoffnung in große Reden, in Predigten. Häufig sind beide kaum zu unterscheiden. Zu den effektvollsten gehören jene in der lutherischen Tradition des „Hier stehe ich und kann nicht anders“. In dieser trat im Februar Mitt Romney vor das Repräsentantenhaus, wo er den Präsidenten Donald Trump des Amtsmissbrauchs für schuldig erklärte, weil sein Gewissen ihm nichts anderes erlaube. Leider blieb er der einzige von 53 republikanischen Senatoren, die sich so entschieden.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          In dieser Tradition sprachen auch Jacob Frey, der 1981 geborene Bürgermeister von Minneapolis, als er nach dem Tod George Floyds die Strafverfolgung aller vier daran beteiligten Polizisten forderte, und Muriel Bowser, Bürgermeisterin von Washington, D.C., als sie Donald Trump mutig schrieb, die Sicherheitsbehörden sollten die Rechte der Bürger schützen und nicht einschränken.

          Und in dieser Tradition sprach der Reverend Al Sharpton bei der Trauerfeier für George Floyd in Minneapolis. Es war eine teilweise verrückte Mischung aus Wut und, so seltsam das anmutet, Humor – ein Humor der Verzweiflung vielleicht, teilweise untermalt von Klängen einer souligen Kirchenorgel. Alles zusammen rief in Erinnerung, warum Sharpton schon im Alter von neun Jahren Prediger einer Pfingstkirche, später aber auch jahrelang Tourmanager von James Brown war.

          Nicht immer sind Sharptons Sprachbilder glücklich, aber in seiner zentralen Botschaft, die er mit den rhetorischen Mitteln vielfacher Wiederholung und Steigerung der Trauergemeinde vor Ort und überall auf der Welt einprägte, traf er den wunden Punkt: Das Knie im Nacken von George Floyd sei das Knie im Nacken der amerikanischen Schwarzen seit vierhundert Jahren, die sich noch immer nicht frei entfalten können – „Get your knee off our necks!“

          Mächtige Worte, und viele Reden, die ins Schulbuch gehören, denkt man. Aber bei diesem Gedanken folgt unweigerlich ein nächster: dass nämlich die Schulbücher schon gut gefüllt sind mit solchen starken Reden. Mit denen von Martin Luther King und Malcolm X. Mit der des Politikers und Pastors Jesse Jackson beim Parteitag der Demokraten in Atlanta 1988, die in der Tradition amerikanischer „City upon a hill“-Predigten Jerusalem und New York, somit die Vereinigten Staaten als Schmelztiegel der Völker, Religionen und Kulturen beschwor. Mit vielen Reden Barack Obamas, vor allem seiner „Victory Speech“ vom 4. November 2008 im Chicagoer Grant Park.

          Ihr erster Satz lautete: „Wenn es jemanden gibt, der immer noch daran zweifelt, dass Amerika ein Ort ist, an dem alles möglich ist, der sich immer noch fragt, ob der Traum unserer Gründer heute lebendig ist, der immer noch die Macht unserer Demokratie in Frage stellt, dann findet er heute Abend die Antwort.“ Viele im Publikum, darunter Vorkämpfer der Bürgerrechte, konnten damals nicht glauben, endlich am Ziel ihrer Wünsche zu sein. Heute können viele nicht glauben, dass das Ziel, Gerechtigkeit für schwarze Bürger der Vereinigten Staaten, wieder in so weiter Ferne liegt.

          Die Überzeugung „Hier stehe ich und kann nicht anders“ gewinnt in diesem Zusammenhang eine neue, traurige Konnotation: Die des Nichtanderskönnens, weil die Veränderung, die Reformation einfach nicht kommen will. Und deswegen war die traurigste, stärkste Rede der vergangenen Tage jene des Rappers Killer Mike in Atlanta, die im vollen Bewusstsein dessen mit den Worten begann: „I don’t want to be here.“ Er habe nichts Positives zu sagen, und er hasse es, dass es immer dasselbe sei. Er stand dort und konnte nicht anders. Angesichts des Todes von George Floyd, vieler ähnlicher Verbrechen zuvor und eskalierender Proteste in Atlanta brach es aus ihm heraus: „I’m mad as hell.“ Aber nun sei nicht die Zeit des Niederbrennens, sondern zum Planen, Organisieren und zum Mobilisieren des Wahlvolks.

          Die nicht weniger emotionale Rede seiner Bürgermeisterin Keisha Lance Bottoms ermahnte die Randalierer, sie handelten kaum im Sinne Martin Luther Kings, denn „Protest muss einen Zweck haben. Als Dr. King ermordet wurde, haben wir nicht so etwas mit unserer Stadt gemacht.“ Die Wut aber bleibt. Carmen Twillie Ambar, die Präsidentin des renommierten Oberlin College in Ohio, sprach in einem offenen Brief von einem „endlos tiefen Reservoir aus Rassismus und Bigotterie“ in Amerika. Ihre Hoffnung, dass dieses sich erschöpfe, ruhe auf den Studenten, auf der nächsten Generation, schreibt sie. Die amerikanische Rhetorik ist jetzt wieder zurückgeworfen auf die „I have a dream“-Stufe, auf Obamas vorpräsidialen Wunsch nach „Change“, auf Trostlieder: „We Shall Overcome“.

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