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Was unter der Maske passiert : Ein echtes Lächeln kann man nicht fälschen

Abbildung aus einem historischen Anatomiewerk: f.: Musculus frontalis (Stirnmuskel) Bild: DigitalVision Vectors/Getty Imag

Teilverhüllte Gesichter sind die neue Normalität. Das beeinflusst unsere Kommunikation dramatisch. Was bleibt von der Mimik unter Masken?

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          Wohin wir blicken, sehen wir Gesichter, selbst dort, wo wir unsere Phantasie bemühen müssen: Im Wolkenspiel, in Felsformationen und Alltagsgegenständen. Man könnte meinen, wir suchten unentwegt und unbewusst nach einem Gegenüber. In Zukunft werden wir im öffentlichen Raum vor allem eines sehen: Gesichter hinter Masken. Vergisst man kurz, dass der Mund-Nasen-Schutz epidemiologisch sinnvoll ist und sich in mehreren Ländern beim Kampf gegen das Coronavirus bewährt hat, kann einen diese zur Pflicht erhobene Teilverhüllung schon ein bisschen wehmütig stimmen. Gut, die Augen, das Fenster zur Seele, bleiben zwar sichtbar, doch die Mimik als Tor zur Stimmungswelt unseres Gegenübers wird weitgehend verschlossen sein. Als Schwelle zwischen dem Inneren, Nichtsichtbaren und Unzulänglichen eines Menschen und seiner Außenseite, die er der Umgebung zuwendet, regele das Gesicht den Grenzverkehr zwischen dem Selbst und dem sozialen Raum, zwischen Intimität und Öffentlichkeit, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel in dem Buch „Das Gesicht – Bilder, Medien, Formate“.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und was sich in einem Gesicht nicht so alles abspielt! Es kann mit Hilfe von nur 43 Muskeln mehr als 10.000 verschiedene Ausdrücke erzeugen. Der Anthropologe Paul Ekman, Pionier der Mimikforschung, analysierte jahrelang jene Muskeln, die für den Ausdruck von Gefühlen am wichtigsten sind. In den siebziger Jahren verfasste er gemeinsam mit einem Kollegen den ersten „Gesichtsatlas“, eine systematische Darstellung, in der mit Worten, Foto- und Filmmaterial gezeigt wird, wie sich Gesichtsbewegungen anatomisch messen lassen. Konnte Ekman einen Gesichtsausdruck nicht willentlich erzeugen, benutzte er Akupunkturnadeln. Inzwischen geht die Wissenschaft von sieben Basisemotionen aus, die mit einer bestimmten Mimik und einer spezifischen körperlichen Reaktion einhergehen: Angst, Überraschung, Ärger, Ekel, Freude, Trauer und Verachtung.

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