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Sängerin als Hispano-Malerin : Selbstbildnis als Frida

Bildmächtige Inszenierung eines kostbaren Geschöpfs: Lady Gaga auf dem Weg zum Absingen der amerikanischen Nationalhymne. Bild: AP

Nur echt mit Blumen im Haar: Warum Lady Gaga bei der Inaugurationsfeier eine mexikanische Malerin zitierte.

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          Elf Worte zwischen zwei Liedzeilen zu pressen ist allein schon eine Kunst: „Una nación bajo Dios, indivisible, con libertad y justicia para todos!“ rief Jennifer Lopez in den Text von „America the Beautiful“ hinein, also der sehnliche Wunsch nach einer geeinten Nation mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Was die amerikanische Sängerin mit puerto-ricanischen Eltern bei den Inaugurationsfeierlichkeiten – vom Protokoll abgesegnet oder nicht – da eingeschmuggelt hatte, war keine subliminale Botschaft. Es wandte sich direkt an die Hispanics in den Vereinigten Staaten, und zwar in deren Muttersprache, da viele von ihnen des Englischen nur rudimentär mächtig sind. „E pluribus unum“, alle Einwanderer aus spanischsprachigen Ländern sollen sich von Biden angesprochen fühlen, war die Aussage – und nicht wie zuletzt hinter Grenzzäunen und Gittern weggesperrt und geschmäht werden.

          Blüten und Stoffbänder im Haar waren ihr Markenzeichen

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Sowohl gesanglich wie auch im Outfit wurde Lopez allerdings vom Gesamtkunstwerk Lady Gaga übertroffen: Aus den ausladenden Stoffkaskaden ihres roten Rocks wuchs das schlanke, hauteng geschneiderte Oberteil in Nachtblau wie der Stempel einer dunklen Amaryllis, auf dem eine goldene Friedenstaube als Brosche saß. Das Gesicht mit den feuerrot geschminkten Lippen und den stark betonten Augenbrauen wurde bekrönt von einem schwarz-wasserstoffblonden Haarkranz mit drei hinten eingeflochtenen, wiederum leuchtend roten Blüten.

          Nicht nur die markanten Augenbrauen und blütenartigen Kleider, auch die ins Haar geflochtenen Stoffbänder in Helldunkelkontrast sowie die stets frischen Blüten darin sind das Markenzeichen der mexikanischen Surrealistin Frida Kahlo. Ikonisch gewordene Fotoserien wie jene von Gisèle Freund oder Imogen Cunningham zeigen, dass sich Kahlo auch außerhalb ihrer gemalten Selbstbildnisse dieses „Image“ gab. Auf dem „Selbstbildnis mit Dornenhalsband“ aus Austin von 1940 sieht Kahlos Haarkranz wie eine übergroße Blüte aus, ähnlich wie nun bei Gaga. Vor allem aber prangt auf Kahlos Brust ein lebensgroßer Kolibri wie eine Brosche, was die Malerin auch auf anderen Bildern als surreale Agraffe einsetzte.

          Die Parallelen zwischen Kahlos Surrealismen und Lady Gagas Kleid sind kein Zufall, da dass Modehaus Schiaparelli, dem es entstammt, seit seiner Gründung 1927 in Paris durch Elsa Schiaparelli Mode des Surrealismus kreiert. Schon die Gründerin war mehr als inspiriert von den gleichzeitig die Pariser Kultur aufmischenden Surrealisten um André Breton und Salvador Dalí – sie kannte sie alle. Aber selbst den Entwürfen des amerikanischen Art Directors von Schiaparelli, Daniel Roseberry, der das Inaugurations-Kleid schneiderte, sieht man die Prägung durch den Surrealismus der Gründertage des Haute-Couture-Ateliers noch deutlich an, inklusive der Tierbroschen.

          Diese Re-Inszenierung der Mexikanerin Kahlo mit ihrer charakteristischen Frisur durch eine zeitgenössische Sängerin im Jahr 2021 geht aber weit über Lopez’ Versuch der Eingemeindung der Lateinamerikaner oder rein modisches Zitieren hinaus. Von Kahlos 143 Bildern sind 55 Selbstbildnisse, die durchgängig Neuerfindungen ihrer Erscheinung darstellen und doch immer als „Kahlo“ zu erkennen sind. Die Malerin hat sich mit den stets aufwendigen „organischen“ Kleidern, den ornamentalen Frisuren und den Tier-Agraffen auf dem Leib so überstilisiert, wie das die „Marke“ Gaga tut – nach dem Vorbild der Mittlerin Madonna, die sich ebenfalls schon als Frida inszenierte.

          Dornenvogel und Schmerzensfrau

          Mehr noch: „Die Kahlo“ gilt in der Kunst als Ikone der Versehrtheit, die seit ihrer schweren Wirbelsäulenverletzung in einem Unfall Jahrzehnte ans Krankenbett gefesselt war und durch persönliche Schicksalsschläge wie einen konstant untreuen Ehemann zusätzlich gebeutelt wurde. Stefani Germanotta, wie die selbstgeadelte Lady mit bürgerlichem Namen heißt, hat vor Jahren den mehrfachen Missbrauch und weitere Traumatisierungen thematisiert. Sie hat ihre seelischen Verletzungen auf unpeinliche Weise öffentlich gezeigt, so wie Kahlo es tat. Und auch Verwundungen der amerikanischen Seele gab es in den vergangenen vier Jahren mehr als genug.

          Ebenso wenig zufällig wie das bunte Flaggenmeer vor dem Kapitol als stofflicher Stellvertreter aller Amerikaner war somit diese Wiedergeburt einer Schmerzensmadonna nach vier Jahren Apokalypse. Vielleicht war das Bild in seiner Überzeichnung sogar die ehrlichste Präsentation des gesamten Tages.

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