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Gina Thomas (G.T.)

Kommentar : Jeremy Corbyns Heuchelei

  • -Aktualisiert am

Verfügt über ein äußerst selektives Geschichtsbild: Jeremy Corbyn Bild: AP

Labour-Chef Jeremy Corbyn will die „Macht der Elite“ brechen. Die BBC soll die soziale Herkunft ihrer Leute offenlegen. Doch was ist mit der Elite von Labour?

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          Vor vierzig Jahren, als Großbritannien der kranke Mann Europas war, wandte sich der Ökonom Peter Bauer in einer Streitschrift gegen das stereotype Bild, wonach die sozialen und wirtschaftlichen Übel des Landes auf die restriktive Klassengesellschaft zurückzuführen seien. In „Class on the Brain“ argumentierte er, dass die durchaus vorhandenen Klassenunterschiede nicht zu verwechseln seien mit Barrieren. Zum Beleg für das Argument, dass die soziale Mobilität weitaus größer sei als wahrgenommen, wies er auf die Herkunft mehrerer Premierminister hin, darunter David Lloyd George, ein Waisenkind, das von seinem Onkel, einem Schuster, großgezogen wurde, Arthur Ramsay MacDonald, der uneheliche Sohn eines Dienstmädchens, und John Major, dessen Vater Zirkuskünstler war.

          Bauers eigene Biographie könnte als weiterer Beweis genommen werden. Der Sohn eines ungarisch-jüdischen Buchmachers kam 1934 nach England, um in Cambridge zu studieren, machte sich als Professor der London School of Economics mit seiner Kritik an der Entwicklungshilfe einen Namen und wurde von Margaret Thatcher, die selbst aus bescheidenen Verhältnissen stammte, ins Oberhaus befördert. Für Lord Bauer stellten staatliche Interventionen zur Beseitigung von Klassenunterschieden im Namen der Egalität ein größeres Hindernis für den wirtschaftlichen Fortschritt dar als die angeprangerte Klassenstruktur.

          Jeremy Corbyn repräsentiert mit seinem klassenkämpferischen, marxistischen Gedankengut den Inbegriff jener Wahrnehmung, die Bauer zu diskreditieren suchte. Der Labour-Parteiführer will, wie er in einer Rede über seine Vorstellungen zur Reform der Medienindustrie darlegte, drastische Maßnahmen ergreifen, um die „Macht der Elite und die Herrschaft von Milliardären über große Teile der Medien“ zu brechen. In diesem Sinne will er die Technologieriesen mit einer digitalen Steuer belegen, aus der eine öffentliche digitale Körperschaft mit staatlichen sozialen Netzwerken und einem Unterhaltungsangebot in Konkurrenz zu Netflix und Amazon subventioniert werden soll.

          Außerdem forderte Corbyn, dass die BBC die soziale Herkunft ihrer Angestellten veröffentliche, um zu gewährleisten, dass die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt die ganze Bevölkerung spiegele. Die Partei des großen Fürsprechers der Pressefreiheit lehnte es allerdings ab, Anfragen der britischen Medien nach der sozialen Herkunft ihres inneren Kreises zu beantworten. Ähnlich ausweichend zeigen sich Corbyns Vertraute im Zusammenhang mit der Enthüllung, dass dieser britischen Zionisten 2013 unterstellte, weder Geschichte studieren zu wollen noch englische Ironie zu verstehen. Und das von einem Politiker, der sich nicht durch Humor auszeichnet und über ein äußerst selektives Geschichtsbild verfügt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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