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Laboratorium Berlin : Grillen statt Guggenheim

  • -Aktualisiert am

So hätte es aussehen können: Zumindest auf dem Computer konnte das Guggenheim-Lab in Berlin-Kreuzberg fertig gestellt werden Bild: AFP

Nach New York und Mumbai sollte das „BMW Guggenheim Lab“ nach Berlin-Kreuzberg weiterziehen. Der Plan scheitert nun am Widerstand von Anrainern und Aktivisten. Zum Entsetzen der Politik.

          Das „BMW Guggenheim Lab“ ist ein weltreisendes Projekt der gleichnamigen Stiftung und des Autokonzerns, bei dem in sechs Jahren und neun Metropolen über die „Zukunft des Lebens in der Stadt“ nachgedacht und diskutiert werden soll. Ein mobiles Forschungslabor für Vorträge, Veranstaltungen und Ausstellungen, das seine Zelte nach einer Zeit immer wieder abbricht und in die nächste Metropole weiterzieht. Doch was in New York möglich war und in Mumbai möglich sein wird, geht in Berlin offenbar nicht, zumindest nicht in Berlin-Kreuzberg.

          Anfang der Woche teilte die Guggenheim-Stiftung bedauernd mit, dass sie das geplante Gebäude nicht auf der Brachfläche nahe dem Spreeufer errichten werde. Aus den Reihen der Anwohner und linksalternativer Kreise hatte es offenbar handfeste Drohungen gegen das Projekt gegeben. Das Risiko gewaltsamer Übergriffe wolle man nicht eingehen und die Sicherheit der Mitarbeiter nicht gefährden, erklärte die Stiftung. Die Entscheidung fiel unter dem Eindruck einer Gefahrenabschätzung des Landeskriminalamtes, das mit Sachbeschädigungen rechnete und den Organisatoren einen ständigen Wachschutz empfahl, sollten sie nicht wollen, dass Veranstaltungen gestört würden.

          In der Politik ist Entsetzen ausgebrochen

          Auf der Internetseite, über die sich die Gegner des Projekts organisieren, wurde die Entscheidung mit Freude aufgenommen. Sie finden die Entwicklung „super“ und sehen darin einen „guten Beginn“ für die Verhinderung von Luxus-Bebauung, die mittelfristig am Spreeufer entstehen soll. Der Aktivist, der sich vor Tagen optimistisch zeigte, die Anwohner gegen das Laboratorium mobilisieren zu können, da diese die Brache, auf der es zwei Monate lang stehen sollte, gern als „Grillplatz“ nutzen, dürfte sich bestätigt sehen.

          Im politischen Teil Berlins ist über die Entscheidung jähes Entsetzen ausgebrochen. Da will man immer Großstadt sein und scheitert am Ende doch auf Kiezniveau. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, SPD, bedauerte es sehr, dass ein so „renommiertes Zukunftsprojekt“ durch „unsachgemäße Kritik“ und „plumpe Drohungen“ zum Rückzug gezwungen worden sei, wo ihm Berlin stattdessen den „roten Teppich“ ausrollen müsste. Innensenator Frank Henkel, CDU, bezeichnete „diese Chaoten“ als ein „Standortrisiko für Berlin“. Und der grüne Bezirksbürgermeister Frank Schulz fand ein mögliches Ende des Projekts schade und hält das „Einknicken“ vor den Gewalttätern für „falsch“.

          Der Kampf ums Ufer

          Dabei hatte die Guggenheim-Stiftung mit ihrem Laboratorium im Grunde genau die Themen diskutieren wollen, für die ihr Projekt von den Gegnern nun zum Beispiel gemacht wird. Die Frage, wem die Stadt gehört und welche Verantwortung für ihn daraus erwächst und wie diejenigen, die keinen Besitz an der Stadt haben, dennoch an ihr Anteil nehmen können. Dafür wollten die Initiatoren, fast alle Ortsfremde, von dem ursprünglich geplanten Standort am Pfefferberg in Prenzlauer Berg, dessen soziale Überformung durch Sanierung und Mietsteigerung inzwischen abgeschlossen scheint, extra nach Kreuzberg umziehen, wo die Räume und Ansichten noch ein wenig offener sind, wie sie annahmen. Sicher ahnten sie nicht, dass sie mit der dürren Brache zwischen Cuvrystraße, Schlesischer Straße und Spreeufer symbolischen Boden betraten.

          Seit Jahren tobt dort ein Kampf ums Ufer, das, wie Anwohner fürchten, von Bürogebäuden zugestellt werden soll. Zuerst war es mit der O2-Arena nur eine Sport- und Veranstaltungshalle, nun plant Daimler daneben seine Vertriebszentrale, und auf der Brache, auf der das Laboratorium entstanden wäre, sollen danach Büros, Wohnungen und Geschäfte entstehen, „ein Kommerz-Scheiß-Luxus-Projekt“, wie die Gegner sagen. Sie haben den Widerstand gegen das Projekt zum Widerstand gegen steigende Mieten und Gentrifizierung erklärt, die in der Stadt tatsächlich um sich greifen, ohne dass sie sagen könnten, wie mit dem Vertreiben einer jüdischen Stiftung auch nur eine Wohnung billiger oder ein halblegaler Club am Ufer gerettet würde. Stattdessen halten sie die Dinge lieber einfach: „BMW - nee“.

          In diesen Tagen wollten Guggenheim und der Autokonzern ursprünglich mit dem Aufbau der Gitterstruktur des Laboratoriums beginnen, Ende Mai sollte dann für zwei Monate Eröffnung sein. Nun zwingt der Widerstand mindestens zum Umzug. Die Absage an Kreuzberg soll keine Absage an Berlin insgesamt sein. Auf jeden Fall hat sie die politische Klasse der Stadt aufgeweckt. Am Dienstag schrieb Klaus Wowereit einen Brief an die Stiftung, man wolle dieses Projekt unbedingt in Berlin halten, „es passt sehr gut hierher“. Die Suche nach einem neuen Ort, der ein weniger gutes Beispiel für das Problem ist, dem die Organisatoren sich stellen wollten, hat begonnen. Auch das ist eben Berlin: Es wäre alles da, aber das reicht nicht aus.

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