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Die Ästhetik der Parteien : Jetzt gilt es, Farbe zu bekennen

Wo Blau und Gelb gemischt noch Grün ergeben und alles zusammen annähernd Schwarz, da ist Barnett Newmans „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“ das Bild zur Bundestagswahl Bild: akg-images / WHA / World History Archive

Was uns Gepäckstücke, Lieder und Oberhemden über die Parteien verraten: Wenn Sie noch immer nicht wissen, wen Sie wählen sollen – hier finden Sie womöglich Rat.

          7 Min.

          Auf den Anzug kommt es an

          Politiker spielen im Wahlkampf eine Doppelrolle. Sie stellen sich gleichzeitig als Politiker und als Bürger dar. Der Hamburger CDU-Landesvorsitzende Christoph Ploß bewirbt sich mit einem dreiminütigen Film um die Wiederwahl als Bundestagsabgeordneter für Hamburg-Nord und lässt darin wissen, dass er durch Rollenspiel etwas lernen möchte. „Besondere Einblicke in den Berufsalltag der Bürger bekomme ich bei meinen Praktikumstouren.“

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
          Jürgen Kaube
          Herausgeber.
          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.
          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Man sieht, dass der Abgeordnete auf diesen Touren seine Arbeitskleidung, den blauen Anzug, wie ihn auch sein Kanzlerkandidat präferiert, gegen unterschiedlich grelle Schutzwesten tauscht, um bei der Straßenreinigung, an der Supermarktkasse oder beim Verladen von Gepäckstücken am Flughafen mitzutun. Nicht mitgeteilt wird, wie lange diese Gastspiele dauern, und natürlich sieht man nichts von der Störung der eingespielten Abläufe, die unvermeidlich ist, wenn bei der Verrichtung geteilter Handarbeit ein promovierter Praktikant untergebracht werden muss. Politik interveniert in den Alltag und lässt ihn unversehrt zurück: So stellt man sich das vor, oder so stellt sich wenigstens die CDU die Vorstellungen ihres Wählermilieus vor.

          Nicht alle Momente von Schauspielerei werden im Film von Ploß markiert. Um seinen Einsatz für den Öffentlichen Nahverkehr zu illustrieren, stellt er sich vor einen Fahrkartenschalter und kramt in seiner Brieftasche nach Münzen, um dann die Hochbahn zu besteigen. Als Mitglied des Bundestags verfügt er allerdings über eine Bahncard 100, die zur kostenlosen Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel der meisten Großstädte berechtigt. Der Bundestag gestattet den Abgeordneten, die Freifahrerlaubnis auch für Wahlkreistermine zu nutzen. Klein Borstel, eine Haltestelle der U1, liegt im Tarifgebiet AB des Hamburger Verkehrsverbunds, das von der Bahncard 100 abgedeckt wird.

          Wen würden Sie wählen?

          Am 26. September 2021 findet die Bundestagswahl statt. Vergleichen Sie die Antworten der Parteien mit Ihren Standpunkten.

          Zum Wahl-O-Mat

          Ploß versichert, dass er jede Ecke seines Wahlkreises kenne, da er dort aufgewachsen sei. Zu diesem Satz sieht man aus der Luft eine große grüne Wiese am Waldrand. Ein Straßenzug, in dem man Mietbevölkerung vermuten muss, wird ebenfalls nur überflogen; die längste Zeit spaziert Ploß durch begrünte Straßen mit Einfamilienhäusern, mit aufmerksamer Miene wie ein Makler bei der Akquise. Zwei evangelische Backsteinkirchen wählt er als Ku­lissen, die Bergstädter Kirche und St. Nicolaus in Alsterdorf, keine Moschee und keinen Kulturverein. Bei einem Praktikumstourausschnitt tauchen einmal für Sekundenbruchteile zwei nichtweiße Menschen im Hintergrund auf.

          In einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel hat Ploß sich als Gegner der Gendersprache profiliert. Solche scharfen Töne vermeidet er im Film. Falls die CDU die Wahl verliert, muss man sich auf einen Kulturkampf einstellen, in dem hinter der Anmutung der Vornehmheit der Wille zur Distinktion ausdrücklich hervortreten wird.

          Patrick Bahners

          Spielt uns das Lied von der Partei

          Im letzten Wahlkampf vor der Wiedervereinigung standen sich 1987 Helmut Kohl und Johannes Rau gegenüber. Als sie nach ihrer Lieblingsmusik gefragt wurden, sagte Rau „Tschaikowsky“ und Kohl „Hans Albers“. So ging die Wahl dann auch aus. Immerhin aber hatten sie beide etwas gesagt. Als das Musikmagazin Rolling Stone jetzt Olaf Scholz nach seinem Lieblingsalbum fragte, wich er aus. Er möge Rock, Jazz, Klassik, deshalb wäre eine Festlegung unangemessen. Scholz entspricht damit der starken Auffächerung des Geschmacks, die Soziologen seit Längerem in den bürgerlichen Milieus feststellen. Es wird nicht mehr ausschließlich gehört, gelesen, geschaut, und es gibt keine klaren Favoriten mehr. Wagner und Verdi, Bad Bunny und die Beatles, Jan Garbarek und Jan Delay, der Magen der „kulturellen Allesfresser“ (Richard Peterson) ist stark.

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