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Kunstraub im Osten nach 1945 : Gute Geschäfte, streng geheim und grenzenlos

Teil einer 58 Schmuckstücke umfassenden Sammlung unbekannter Herkunft: eine goldene Krone aus dem Bestand des Bereichs Kommerzielle Koordinierung des früheren DDR-Außenhandelsministeriums Bild: Picture-Alliance

Herrenlose Depots und geplünderte Schlösser: Nach 1945 ging der Kunstraub im Osten weiter, mit dem Staat als Hehler und sorglosen Kunden im Westen.

          Der planmäßige Kunstraub in Ostdeutschland begann kurz nach Kriegsende, und er endete mit der Wiedervereinigung. Doch erst jetzt, seit der Gründung des „Deutschen Zentrums Kulturgutverluste“ in Magdeburg, bekommt die Provenienzforschung dazu langsam eine Struktur. Die großen Museen sind mit dem Raub von Staats wegen schon seit einem Vierteljahrhundert befasst, doch lassen die Ergebnisse einzelner Recherchen längst kein Gesamtbild erkennen. Die Verstrickungen und Verflechtungen des Kunsthandels und der Museen in Ost und West in diese „guten Geschäfte“ sind immer noch allenfalls nur zu ahnen. Wenn in einem (westdeutschen) Auktionskatalog die karge Information „aus altem ostdeutschen Kunstbesitz“ zur Herkunft eines Objektes auftauchte, hätten schon immer die Alarmglocken schellen sollen. Doch zeigen Versteigerungshäuser bis heute wenig Lust, einem Unrechtsverdacht dieser Art auf den Grund zu gehen.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Daran hatte auch der schon kurz nach der Wiedervereinigung zum Thema eingesetzte Untersuchungsausschuss des Bundestages nur wenig ändern können. Immerhin ist seitdem klar, dass es sich dabei nicht um Zufälle oder Einzelfälle handelte, sondern um systematische Räuberei mit einem Staat als Hehler.

          Geraubte Kunst gegen sicherheitsrelevante Waren

          Fest steht auch, dass die Aufklärung dieses Geschichtskapitels eine gesamtdeutsche Aufgabe ist. Nicht nur, weil die Beraubten und - im Falle der staatlichen Museen, Archive und Bibliotheken - die Verlierer dieser „Kunsttransfers“ ein Recht darauf haben, zu erfahren, was und wie es geschehen ist. Die professionelle Recherche dieser staatlich sanktionierten Hehlerei ist also von öffentlichem Interesse, wovon bisher wenig zu spüren war. Vielleicht auch, weil unter den Nutznießern des Kunstraubes, den Kunden, nicht nur private (westeuropäische und amerikanische) Sammler sind, sondern auch angesehene westdeutsche Museen und Universitäten, die bisher wenig Neigung zeigten, darüber mit den armen Verwandten im Osten überhaupt ins Gespräch zu kommen. Doch besteht kein Zweifel daran, dass sich viele ohne Not bis 1989 aus den klandestinen Depots der Kommerziellen Koordinierung, des Devisenbeschaffungsimperiums unter Alexander Schalck-Golodkowski, bedienten.

          Es waren ambivalente Geschäfte, die zuerst in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später in der DDR mit Kunst und Antiquitäten gemacht wurden. Nicht alles war illegal, doch die rigide Enteignung vor allem privater ostdeutscher Sammler in den achtziger Jahren verstieß unzweifelhaft auch gegen DDR-Recht, vom Kauf solcher Hehlerware ganz zu schweigen. Immer galt es, Devisen für den klammen Staatshaushalt zu erwirtschaften, egal wie. Die perfiden Szenarien, um an eine private Kunstsammlung zu kommen, zeigen ein immer gleiches Muster: Erst wurde informeller, also illegaler Handel mit der Kunst behauptet, dann eine unbezahlbare Steuerforderung konstruiert; sodann folgte umgehend die Beschlagnahme der Kunst oder der Antiquitäten, auf die ein williger Käufer bereits wartete. Es waren Kunsthändler aus vielen europäischen Ländern beteiligt, auch sogenannte Embargo-Händler. Letztere wurden gern mit geraubter Kunst bezahlt, im Tausch etwa gegen sicherheitsrelevante Waren, nicht selten fürs feindliche Militär, damit das beim Wettrüsten mithalten konnte.

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