https://www.faz.net/-gqz-9yztm

Kunst und Therapie : Ich sehe dich, der du mich siehst

  • -Aktualisiert am

Der Künstler Clemens Krauss am Screen Bild: Screenshot F.A.S.

Während der Kontaktbeschränkungen empfing der Künstler und Psychoanalytiker Clemens Krauss mehr als hundert Isolierte von fast allen Kontinenten zur Online-Therapie. Ein Selbstversuch.

          4 Min.

          Punkt dreizehn Uhr rufe ich Clemens Krauss über Facetime an. Der Künstler slash Psychoanalytiker bietet über die Website des Hauses am Waldsee in Berlin-Zehlendorf kostenlose fünfzigminütige Sitzungen an: „Isolation Consultation“ nennt er sein Kunstprojekt. Vier Wochen lang hat er in über hundert Sitzungen mit Menschen von fast allen Kontinenten über ihr Leben gesprochen. Nun also auch mit mir.

          Ich habe ziemlich Respekt, also Angst, davor, eine Unterhaltung mit einem Fremden einzugehen, bei der ich von vornherein weiß, wie sie ablaufen wird und auf was sie im besten Fall hinauslaufen soll: Schweigen, Frage, Ausweichen, Frage, Antwort, hoffentlich: eine neue Erkenntnis. Aber vielleicht ist das nun die Gelegenheit, denn da solch eine Art von Gespräch gerade nur virtuell möglich ist, kann ich auch einfach aussteigen, wenn mir das alles zu viel wird: Klappe zu, Gegenüber tot, Eskapismus 2.0, olé!

          Es klingelt, und ich hoffe sehr, dass er mich nicht direkt anschweigt und dann etwas sehr Persönliches fragt – am besten so unbestimmt formuliert, dass ich entweder direkt etwas viel zu Persönliches erzähle oder ihn sarkastisch anblaffe. Er nimmt ab, und wir spielen uns ein paar Floskeln hin und her.

          „Warum mögen Sie es nicht, ohne Kontrolle zu sein?“

          Er weist mich darauf hin, dass sich solch eine Online-Sitzung durch eine wichtige Prämisse von einer physischen unterscheidet: Wir blicken uns nie direkt in die Augen. Blicke ich ihn an, blicke ich nach unten, und andersherum. Ich versuche es trotzdem und starre kurz in das einsame, tote Auge an der iPad-Kante. Darüber hinaus (das erzählt er mir später) kann er Körpersprache, Haltung, mein Auftreten nicht im gleichen Maß beobachten (Gott sei Dank!). Dafür aber bekommt er, drittens, durch die Räume im Hintergrund einen Eindruck von der Person, den er sonst nicht bekommen würde (antizipiert, Küche gewählt, im Hintergrund ein Druck von David Hockneys „Mr and Mrs Clark and Percy“). Viertens, seine Klientinnen können viel über ihn ergoogeln (antizipiert, beim Oberflächlichen belassen). Das würde ein praktizierender Psychoanalytiker natürlich versuchen zu vermeiden. „Die Neutralität ist also nicht im gleichen Maß geboten.“

          Ich merke schon, dass ich aufpassen muss, nicht in meine übliche Rolle zu verfallen, nämlich selbst die Fragen zu stellen, kann es aber dann doch nicht lassen: „Gibt es die Neutralität denn sonst?“ – „Wenn Sie einer fremden Person in einem fremden Raum begegnen, schon eher als so.“ – „Warum ist die denn wichtig?“ – „Eine Person, die in keiner Weise mit Ihnen verbunden ist, kann Ambivalenzen erkennen und stehenlassen.“ Ich halte das für Unsinn, entschuldige mich aber, ich weiß ja, was er meint, und versuche, ihm etwas Stoff zu geben: „Wissen Sie, ich denke, ich stelle einfach lieber die Fragen. Das gibt mir die Kontrolle.“ – „Warum mögen Sie es nicht, ohne Kontrolle zu sein?“ – „Ich mag das schon, aber ungern vor jemand Fremdem“, sage ich und merke, dass dieses Fremde nicht nur er ist, sondern auch das Abbild von mir, das als Über-Ihm aus Nullen und Einsen in der Bildschirmecke leuchtet.

          Weitere Themen

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Topmeldungen

          Segregierte Schulen : Das weiße Amerika bleibt unter sich

          Heute gibt es in Amerika mehr Schulen mit fast nur weißen oder fast keinen weißen Schülern als vor 30 Jahren. Das liegt auch an den Entscheidungen weißer Eltern – auch solchen, die seit Wochen „Black Lives Matter“ rufen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.