https://www.faz.net/-gqz-sgyf

Kunst : Auf einem heißen Stuhl

Was geschieht hinter diesen Mauern? Der Hamburger Bahnhof Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Millionendeals hinter den Festungsmauern des Preußischen Kulturbesitzes: Das Berliner Museum für Gegenwart ist ins Gerede gekommen. Es braucht endlich einen unabhängigen Direktor mit Gespür für zeitgenössische Kunst.

          Von weitem sieht der Hamburger Bahnhof, in dem sich seit 1996 das staatliche Berliner „Museum für Gegenwart“ befindet, ein wenig wie eine Festung aus - und der erste Eindruck täuscht nicht. In der vergangenen Woche drangen aus dem Inneren des Bollwerks gleich mehrere Mitteilungen, die für erheblichen Aufruhr sorgten und dem Haus den Ruf einer „Trutzburg der Informationsverneblung“ einhandelten.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Zuerst plauderte der neue Kulturstaatsminister Neumann etwas aus, das von den staatlichen Museen offenbar nicht an die große Glocke gehängt werden sollte - daß nämlich soeben für viel Geld ein Hauptwerk von Andy Warhol erworben wurde. Die Freude über die Mitteilung wurde bald von der Tatsache getrübt, daß dieses Hauptwerk sich als der „Big Electric Chair“ entpuppte - ein Werk, das bereits seit Jahren im Hamburger Bahnhof hängt. Das für einen - immer noch nicht offiziell bestätigten - Kaufpreis von mehr als fünf Millionen Euro erworbene Werk ist Bestandteil jener Kollektion, die der Sammler Erich Marx 1996 als Dauerleihgabe nach Berlin gegeben hat.

          Schmerzhaft hohe Summe

          Beide Seiten profitierten damals von dem Deal. Das Museum wurde eingerichtet, um eine Sammlung nach Berlin zu holen, in der sich einiges befand, was den staatlichen Kunstsammlungen fehlte: Andy Warhol, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Joseph Beuys. Umgekehrt ersparte sich Marx den Bau eines Privatmuseums und konnte seine Schätze an einem international beachteten Ort präsentieren. Warum muß das Museum jetzt eine schmerzhaft hohe Summe aufbringen, um eines jener Werke, um deretwillen man damals einen ganzen Bahnhof umbauen ließ, in Berlin zu halten?

          Verpaßte Chancen: Peter-Klaus Schuster

          Der Verkauf selbst ist rechtlich einwandfrei. Marx hatte sich ausdrücklich in seinen Vertrag mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schreiben lassen, daß er Werke aus der Schausammlung verkaufen darf. Dennoch wirft der Besitzerwechsel Fragen auf: Mußte der Sammler besänftigt werden, nachdem seine Sammlung für die Ausstellung der Flick-Collection vorübergehend das Feld räumen mußte? Und was darf alles aus der Präsentation des staatlichen Museums veräußert werden?

          Vertrauliche Regelung

          Gerade weil in der Vergangenheit schon mehrfach Werke der Sammlung Marx aus den Hallen des Hamburger Bahnhofs heraus verkauft worden sind, wäre es dringend notwendig, einen öffentlich einsehbares Verzeichnis vorzulegen, das regelt, wie viele und welche Werke der Sammlung Marx den Hamburger Bahnhof verlassen dürfen. Eine derartige Regelung wurde tatsächlich parallel zu dem Millionenhandel mit Marx getroffen. Allerdings sei sie, sagt der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, gegenüber dieser Zeitung, „Bestandteil eines vertraulichen Vertrags. Sie können davon ausgehen, daß etwa das, was sich aus der Sammlung Marx im Beuys-Flügel und in der Kleihues-Halle befindet, ein Nukleus ist, der Berlin nicht verlassen wird.“

          Vertraulich, geheim, „gehen sie mal davon aus, daß“: Solche Diskretion seitens des Direktors ist mindestens nonchalant, wenn man bedenkt, daß hier keine Privatangelegenheit geregelt, sondern mit öffentlichen Mitteln gearbeitet wird. Erich Marx erklärt gegenüber dieser Zeitung, die Kaufsumme, die man ihm für den Warhol zahlte, wandere keineswegs in seine eigene Tasche, sondern werde in eine Stiftung investiert, von deren Kapitalerträgen Gegenwartskunst für den Hamburger Bahnhof gekauft werden soll. Seine Sammlung solle auch in ferner Zukunft bestehen und durch neue Zukäufe lebendig bleiben können; da es ihm seine private Finanzsituation nicht erlaube, einen zusätzlichen Sammeletat zu stiften, habe er sich für den Verkauf des Warhols entschieden.

          Chancen verschlafen

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Carsten Knop

          FAZ.NET-Sprinter : Europa in Wettlaune

          Deal oder No-Deal? London versinkt im Chaos – und wer auf ein zweites Brexit-Referendum tippt, könnte durchaus richtig liegen. Deutlich klarer sind dagegen die Beschlüsse aus Kattowitz. Was sonst wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.