https://www.faz.net/-gqz-12k4l

Kulturpreis-Affäre : Was Bischöfe unter Toleranz verstehen

  • -Aktualisiert am

An einer bayerischen Schule wird nach dem Verfassungsgerichtsurteil von 1995 ein Kruzifix abgehängt Bild: dpa

Vertreter des Judentums und des Islam sollen offenbar dankbar sein, dass man mit ihnen spricht, vom Kreuz aber sollen sie brav schweigen: Rabbiner Avraham Zeev Nussbaum erläutert, was ihm der Kulturpreis-Eklat zeigt.

          3 Min.

          Es ist typisch, dass ein Preis für Toleranz eine Debatte über Toleranz hervorruft. Ungewöhnlich ist es aber, wenn die Debatte durch die Kandidaten ausgelöst wird, und dies noch bevor sie den Preis erhalten haben. Man hätte erwarten können, dass sich jemand weigert, einen Preis für Toleranz von einer Jury anzunehmen, deren Vorsitzender sich Bekanntheit und Stimmen durch einen intoleranten Wahlkampf verschaffte. Aber das ist nicht das Problem.

          Es gibt hier erstens ein Problem des Umganges, das trotz der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publizierten Rechtfertigungsversuche von Kardinal Lehmann (siehe Kulturpreis-Affäre: Lehmann - Kein Respekt vor dem Glauben) und dem früheren Kirchenpräsidenten Steinacker (siehe Hessischer Kulturpreis: Peter Steinacker antwortet) menschlich sehr bedenklich bleibt. Nun wollen die Herren in ihrer Großzügigkeit eine Verschiebung der Vergabe, für ein weiteres Einander-Kennenlernen und Diskutieren. Zum Glück ist noch nicht bekanntgegeben worden, wer der eventuelle muslimische Ersatzkandidat ist. Es ist auch nicht auszuschließen, dass sich nach dem Ereignis Widerstand gegen die Vergabe an die christlichen Vertreter erheben wird. Aber dagegen ist das Kuratorium wohl abgehärtet.

          Monolog der Religionen

          Ein anderes Problem ist der Inhalt des Streits. Es scheint, dass manche christlichen Vertreter unter Toleranz die Überwindung verstehen, die es sie kostet, mit Leuten zu reden, die in ihren Augen im Irrtum befangen sind und nicht als gleichberechtigt anerkannt werden können. Die anderen sollen dieses Entgegenkommen zu schätzen wissen und sich entsprechend verhalten. Wir Juden und Muslime dürfen in einem solchen Dialog nicht einmal aussprechen, was wir über das Christentum denken und damit assoziieren.

          Als jemand, der an vielen Dialogen teilgenommen hat, möchte ich klarstellen: Ich habe – wie viele andere Juden auch – ein Problem mit dem Kreuz, sowohl theologisch-moralisch als auch emotional. Wer das nicht hören will, darf weghören, wäre aber wohl eher als Preisträger für den Monolog der Religionen geeignet.

          Respektlos gegenüber dem Judentum

          Ein Jude, der weiß, wie viel jüdisches Blut im Namen des Gekreuzigten wegen der Kreuzigung vergossen wurde, kann schlecht positive Gefühle mit dem Kreuz verbinden. Die Tatsache, dass es auch geborene Juden gab, die an das Kreuz glaubten, wie Edith Stein, ändert nichts daran. Sie mussten oder wollten über diesen emotionalen Widerstand hinwegkommen. Aber auf die Ebene von Professor Spaemann sollte man doch nicht unbedingt hinunterrutschen.

          Kleine Kinder mit dem Kreuz zu konfrontieren ist bestimmt für jeden fühlenden Menschen keine leichte Aufgabe, und so sollte es verständlich sein, dass diese Konfrontation auch einem Erwachsenen schwerfällt, der damit nicht aufgewachsen ist.

          Theologen dürfte bekannt sein, dass Juden und Muslime kein Bildnis Gottes machen dürfen. Nach der Logik der christlichen Preiskandidaten könnte man also die Wahl des Kreuzes als Symbol des Christentums als respektlos gegenüber dem Judentum bewerten. Aber nicht nur das Bildnis als solches, auch der Glaube an die Dreifaltigkeit ist eine Abweichung vom reinen Monotheismus, die theologisch für Judentum inakzeptabel ist.

          Probleme mit dem Kreuz

          Erst recht ist es im Judentum eine Verletzung der Unendlichkeit und Unbegrenzbarkeit Gottes, menschliches Leid Gott zuzuschreiben. Aber auch in moralischer Hinsicht kann das Judentum nicht akzeptieren, dass der Mensch durch Gottes Leiden entlastet werden soll. Im Judentum heißt es, dass jede Sünde des Menschen ein (göttliches) Leid da oben anrichtet. Wenn das Leid Gottes eine Entlastung für den Menschen darstellte, würde doch der Mensch gleich versöhnt, jedes Mal wenn er sündigte.

          Dies alles betrifft das Kreuz selbst als Gegenstand und Symbol. Es gibt natürlich noch andere Probleme für Juden mit dem Christentum. Hier ist vor allem das Projekt der Judenbekehrung zu erwähnen, aber zu diesem Thema hat gerade Kardinal Lehmann eine Theologie vertreten, die mutig, moralisch, kreativ, revolutionär und geschichtsbewusst ist. Im gleichen Sinne konsequent hat Kardinal Lehmann zuletzt in der Affäre um die Pius-Bruderschaft agiert und reagiert. Wenn es also jemanden gibt, der den Preis eigentlich verdient hätte, dann ist es der Kardinal. Man könnte sogar einen Preis nach ihm benennen! Umso mehr erstaunt es, dass er kein Verständnis für die Probleme anderer Religionen mit dem Kreuz zeigt. Denn wenn es diese Probleme gibt, gehört es auch zum Dialog, darüber sprechen zu können. Wie soll man den anderen verstehen, ohne über das zu sprechen, was man gegenüber der eigenen und der anderen Religion fühlt?

          Fortschritte in der Verständigung - untereinander

          Was soll man daraus schließen, dass dieser Eklat ausgerechnet von zwei Verfechtern des Dialoges herbeigeführt worden ist? Wie denken denn erst diejenigen Christen, die den Dialog umgehen? Aber die geistlichen Preiskandidaten kennen diese Dialoggegner wohl besser als wir. Wenn man sich als Kardinal und Kirchenpräsident gegen sie stellen soll, dann wird wohl der Friede der Kirche geschädigt, und dieser ist jetzt wahrscheinlich und logischerweise wichtiger als der Friede zwischen den Religionen.

          Ich weigere mich, dankbar zu sein, wenn man bereit ist, mit mir zu sprechen. Es mag manche Christen bis heute Überwindung kosten, aber wer sich zusammenreißt und höflich ist, hat noch keinen Dialog eröffnet.

          Eines muss man aber doch noch sagen: Die christlichen Kandidaten haben, blickt man zurück in die Geschichte, in der Verständigung große Fortschritte gemacht. Besonders gut hat es diesmal untereinander geklappt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          CDU-Vorsitz : Wer steht hinter den Kandidaten?

          Eine Kandidatur für den CDU-Vorsitz ist kein leichtes Unterfangen. Wer unterstützt und berät Merz, Spahn, Laschet und Röttgen im Hintergrund?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.