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Kulturpreis-Affäre : Kermani und das Kreuz

Ein muslimischer Intellektueller schrieb über das Kreuz und erregte Ärgernis bei zwei Kirchenmännern. Den Eklat, der sich daraus ergab, kann man auch begrüßen: als Anstoß zur einer innerkirchlichen Verständigung über den Sinn des Kreuzes.

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          Die Sache scheint einfach zu sein. Ein muslimischer Intellektueller schrieb über das Kreuz, das er ablehnt. Nur war diese in scharfem Ton formulierte Aussage doch nicht sein letztes Wort. Navid Kermani bekannte vor einem Bild Guido Renis in Rom seine Ergriffenheit angesichts der menschlichen Tiefe, die er in dessen Kreuzigungsdarstellung sah. Er ging dem Christentum entgegen, so weit, dass man polemischen Einspruch eher von der Seite des schiitischen Islams erwartet hätte, also der Vertreter von Kermanis eigenem Bekenntnis.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Aber es war, neben Peter Steinacker, dem früheren Präsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, vor allem Karl Kardinal Lehmann, der Anstoß an Kermanis Ausführungen nahm. Mit praktischen Folgen: Der Hessische Kulturpreis, mit dem ursprünglich neben Kermani und den beiden Kirchenmännern auch Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ausgezeichnet werden sollte (und noch früher der Wissenschaftshistoriker Fuat Sezgin, der sich wegen Korns Stellung zum Gaza-Konflikt zurückzog), wurde dem in Deutschland geborenen Sohn iranischer Eltern wieder aberkannt. Die Idee eines abrahamitischen Religionsgesprächs, die man mit dem Preis verbunden hatte, schien nun desavouiert.

          Womit die Glaubensfunktionäre nicht rechneten

          Man sollte Kardinal Lehmann auch dankbar sein: Ein donnernder Eklat ist der dicken Luft im Kulturparadies vorzuziehen. Denn wenn der Konflikt um das Kreuz Sinn beanspruchen kann, dann in zweierlei Hinsicht. Erstens ist er ein Widerstreit zweier Sprachen. Da hat man das über Jahrzehnte erprobte Gremien-Idiom, das sich in der Höhenluft des Offiziellen bewährt haben mag, das aber für die Menschen, die Gläubigen, ja die Seelen nun mit einem Schlag als unzureichend erkannt ist. Auf die versuchende, sicher auch herausfordernde Sprache von Selbstdenkern wie Kermani ist der Diskurs der Funktionäre nicht vorbereitet.

          Vielleicht noch wichtiger aber ist ein anderer, kaum je ausgesprochener Aspekt der Debatte. Er betrifft die Kreuzigungslehre der Kirchen selbst. Was hinter den scheinbar entschlossenen Einlassungen Steinackers und Kardinal Lehmanns in den Hintergrund zu treten droht, ist die Tatsache, dass sich in den Osterpredigten beider Konfessionen eine tiefe Unsicherheit über den Sinn des Kreuzes auftat: Sühneopfer oder bloßes „Symbol der Solidarität“ Gottes? Nun also ist bis zum Herbst Zeit für eine echte Klärung.

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