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Kulturpreis-Affäre : Ist Ihnen das nicht peinlich, Herr Kardinal?

  • -Aktualisiert am

Hätte noch ein paar Fragen: Martin Mosebach Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Für den Schriftsteller Martin Mosebach besteht in der Affäre um den Hessischen Kulturpreis weiter Klärungsbedarf. Kann ein Theologe darüber überrascht sein, dass ein frommer Muslim den Glauben an das Kreuz ablehnt? War das Vorgehen fair? Zwölf Fragen an Kardinal Lehmann.

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          Für den Schriftsteller Martin Mosebach besteht in der Affäre um den Hessischen Kulturpreis weiter Klärungsbedarf. Kann einem Theologen die islamische Doktrin über das Kreuz etwas Neues sein? War das Vorgehen fair? Zwölf Fragen an Kardinal Lehmann.

          1.

          Eminenz, glaubten Sie damit rechnen zu dürfen, dass die Hessische Staatskanzlei auf Ihre Ankündigung hin, den Hessischen Kulturpreis auszuschlagen, wenn Navid Kermani ihn gleichfalls erhalte, dem deutsch-iranischen Schriftsteller den bereits angekündigten Preis wieder entziehen werde? Als der hochverdiente Professor Fuat Sezgin auf den Preis verzichtete, weil er nicht in Gemeinschaft mit seinem politischen Gegner Dr. Salomon Korn erscheinen wollte, wurde nämlich anders verfahren - man akzeptierte den Verzicht und suchte einen anderen Kandidaten. Ist Ihnen das umgekehrte Verfahren im Fall Kermani gegenüber Professor Sezgin nicht ein wenig peinlich?

          2.

          War Ihnen als Theologe die islamische Doktrin über das Kreuz und über Leiden und Auferstehung des Gottessohnes etwas Neues? Waren Sie überrascht, von einem frommen Muslim etwas anderes als eine grundsätzliche Ablehnung des Kreuzes zu vernehmen?

          3.

          Teilen Sie die Überzeugung des Apostels Paulus, die Botschaft vom Kreuz sei „den Heiden eine Torheit und den Juden ein Ärgernis“? Die Frage, welchen der beiden Gruppen vom Christentum aus gesehen der Islam zuzuordnen ist, sei hier bewusst ausgespart.

          4.

          Gilt die bei Teegesellschaften angebrachte Höflichkeit, religiöse Differenzen nicht in aller Deutlichkeit zur Sprache zu bringen, auch für den von Ihnen seit langem geforderten Dialog zwischen den Religionen? Liegt in dem Verzicht, das Trennende unzweideutig zu benennen, womöglich auch ein Grund für die Enttäuschung über das Scheitern der Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten?

          5.

          Sie sind mit dem Satz „Ich habe gelernt, mit Texten umzugehen“ in die deutsche Kirchengeschichte eingegangen, als Sie den Befehl des Papstes, die deutschen Bischöfe hätten die staatliche Schwangerschaftsberatung zu verlassen, in die Aufforderung umdeuteten, sie hätten darinzubleiben. Hätte Ihnen diese Versatilität nicht dazu verhelfen können, die Schmähung des Kreuzes in Kermanis Guido-Reni-Aufsatz als Hommage an das Kreuz zu interpretieren?

          6.

          Ist Ihnen wirklich entgangen, dass es solcher Umdeutung aber gar nicht bedurft hätte, weil Kermanis Guido-Reni-Text tatsächlich den Weg von einer Schmähung zu einer Huldigung des Kreuzes ausschreitet? Interessiert es Sie, dass dieser Text aus Kermanis Werk keineswegs herausfällt, sondern in einer Reihe von Meditationen über christliche Kunst steht? Dass Kermani zum Beispiel aus Anlass der Beschreibung einer frühchristlichen Marien-Ikone den meiner Vermutung nach einzigen marianischen Text der neueren deutschen Literatur geschrieben hat? Dass sein gesamtes Werk - von der aufsehenerregenden Untersuchung „Gott ist schön“ bis zu „Attar oder der Schrecken Gottes“ - in Abstoßung und Anziehung eine Beschäftigung mit dem Christentum enthält, die in der islamischen Welt einzigartig sein dürfte?

          7.

          Ist Ihnen das Wagnis bekannt, das Kermani als gläubiger Muslim mit seiner weitgehenden Einfühlung in die christliche Religion gegenüber seinen Glaubensbrüdern eingeht?

          8.

          Macht Sie als Theologe der Gedanke nicht nachdenklich, dass dieses Höchstmaß an Einfühlung aufgrund der Beschäftigung mit einem Kunstwerk gelang und nicht aufgrund von theologischen Formelkompromissen, wie sie in der Sphäre des interreligiösen Dialoges so beliebt sind?

          9.

          Können Sie sich vorstellen, dass es in der religiösen Auseinandersetzung noch etwas Besseres geben kann als eine Toleranz, die nicht mehr Duldung des für falsch Erkannten, sondern Relativismus und Indifferenz bedeutet - könnte eine durch Liebe und Vernunft gezügelte Leidenschaft zur Erkenntnis nicht die angemessenere Gefühlslage für die Beschäftigung mit den Religionen sein?

          10.

          Gibt es bei dem großen Projekt einer „Zähmung der Religion“, mit dem manche auch Ihren Namen verbinden wollen, eine historische Kontinuität des Mainzer Bischofsstuhles seit Dalberg, dem Botschafter des Josephinismus in Deutschland?

          11.

          Kermani berichtet im selben Artikel, seine Tochter, die einen katholischen Kindergarten in Köln besuchte, sei dort in Kenntnis ihrer Zugehörigkeit zum Islam mit den anderen Kindern zur Kommunion geführt worden. Kermani kommentiert dies sarkastisch, er wünsche sich, „die katholische Kirche sei manchmal etwas weniger liberal“. Könnte es sein, dass Ihnen diese Äußerung und Kermanis bewundernde Worte über Papst Benedikt in einem Aufsatz in der „Süddeutschen Zeitung“ ebenso sehr missfielen wie der Anfang seines Aufsatzes über das Bild des Gekreuzigten?

          12.

          Könnte es sein, dass Sie in der Kulturpreis-Affäre eine Gelegenheit erkannt haben, sich gegenüber vielen seit langem bestürzten Katholiken auch einmal als „cultor orthodoxus fidei catholicae“ darzustellen? Nein, diese Frage sei vergessen. Es verbietet sie der Respekt vor Ihrem preisgekrönten Lebenswerk.

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