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Kampf um französische Sprache : Arbeit in der Unsterblichkeit

  • -Aktualisiert am

Bei der Jahresend-Veranstaltung der Académie Française rief er zum Kampf gegen die „neue moralische Ordnung“ auf: Der Philosoph Alain Finkielkraut bei seinem Einstand im Januar 2016 Bild: Picture-Alliance

Mit den allgegenwärtigen Gender-Debatten brach der Kulturkampf um die französische Sprache aufs Neue aus. Jetzt besiegte Académie Française einen mächtigeren Gegner als die eigene Regierung.

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          Frankreich hat eine neue Avantgarde, es ist seine Akademie. In einer Zeit, da die Franzosen gegen die Erhöhung des Rentenalters auf 64 Jahre streiken und ihre Regierung inzwischen in die Knie zwangen, gehen die Mitglieder der Académie Française, die den Ruhestand längst erreicht haben, mit gutem Beispiel voran: Sie arbeiten auch noch in der „Unsterblichkeit“, in die sie mit ihrer Wahl auf Lebzeiten symbolisch aufgenommen wurden.

          Sartre und Camus hatten mit diesen Weihen nichts am Hut. Auch Derrida, Foucault, Barthes oder Bourdieu pfiffen auf die Würden der Akademie, der im Krieg Pétain und auch der Dichter Charles Maurras von der faschistischen „Action Française“ angehört hatten. Die Wende kam mit der ersten Frau – Marguerite Yourcenar – und Claude Lévi Strauss. Längst zieht es die brillantesten Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler wieder in die Akademie, die sich in die gesellschaftspolitischen Debatten einmischt.

          An ihrer Jahresend-Veranstaltung rief der Philosoph Alain Finkielkraut zum Kampf gegen die „neue moralische Ordnung“ und Verteidigung der akademischen Freiheit auf. Damit spielte er auf Pétain und den Vichy-Faschismus an. Nur seien es inzwischen die Antifaschisten, Antirassisten und Gender-Feministen, die Zensur ausübten. Auf ihrer jüngsten Sitzung wählte die Akademie gegen die Gewohnheit einen Italiener als Mitglied: den Diplomaten und Schriftsteller Maurizio Serra. Er wird auf dem Fauteuil Nummer dreizehn Platz nehmen – wie vor ihm Paul Claudel und Simone Veil.

          Die Akademie vergibt Preise und verwaltet Immobilien. Begründet wurde sie 1635 von Kardinal Richelieu. In grünen Uniformen, die sie bei den Aufnahmezeremonien tragen, und mit dem Schwert, das sich jedes neue Mitglied von seinen Freunden finanzieren lässt, verteidigen die „Unsterblichen“ die französische Kultur und Sprache. Jeden Donnerstagnachmittag arbeiten sie an ihrem maßgeblichen Regelwerk, dem Wörterbuch. Als „tödliche Gefahr für die französische Sprache“ bekämpften sie die noch von der sozialistischen Regierung François Hollandes eingeführte Rechtschreibung für mehr soziale und geschlechtliche Gerechtigkeit. „Wie jene von 1905 und 1994“, hoffte voller Zuversicht Hélène Carrère d’Encausse, „ewiger Generalsekretär“ der Akademie, werde die Reform „dem Vergessen anheimfallen“.

          Das war spätestens mit dem Wahlsieg von Emmanuel Macron der Fall. Doch mit den allgegenwärtigen Gender-Debatten brach der Kulturkampf um die französische Sprache aufs Neue aus. „Liebe Leser“ muss nach der „écriture inclusive“ nun so geschrieben werden: Cher.e.s lecteur.rice.s. Die Académie mobilisierte mit ihren brillantesten Intellektuellen an der Front den Widerstand. Und diesmal besiegte sie einen noch mächtigeren Gegner als die Regierung: Nach langen Diskussionen hat sich Wikipedia für die Rechtschreibung der Académie entschieden. Ein Mitarbeiter argumentierte, dass man konsequenterweise nicht nur links und feministisch, sondern ebenfalls grün schreiben müsste, um die Klimakatastrophe zu bekämpfen. Was auch immer „grün schreiben“ hätte heißen sollen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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