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Kulturforum in Petersburg : In Russland tanzt die Siegesgöttin

Die Petersburger Eremitage ist mit Ausstellungsstücken von der Steinzeit bis in die Moderne eines der größten Universalmuseen der Welt Bild: AFP

Der Kulturminister Russlands verhält sich auf dem Kulturforum konfrontativ. Zwei Beutekunstschauen in der Eremitage diesen Dezember und nächsten Juni stehen dagegen im Zeichen einer engen Kooperation zwischen Petersburg und Berlin.

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          Der russische Kulturminister Wladimir Medinski empfängt die Pressevertreter im Angriffsmodus. Falschinformation generiere heute viel mehr Klickzahlen und also auch Reklame als korrekte, erklärt Medinski, der zugleich die Qualifikation von Journalisten abstürzen sieht, beim Frühstücksempfang zum Abschluss des Petersburger Kulturforums. Die jährliche Großveranstaltung, die Hunderte russischer und internationaler Fachleute für Kunst, Theater, Film, Kommunikation und Interdisziplinäres in Russlands zweite Hauptstadt zieht, dient dem strategischen Austausch von Kultur-, Politik- und Wirtschaftsvertretern.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Kulturminister gab zum Abschluss den Geist des Kulturexportprojekts der Regierung „Russian Seasons“ vor, das in diesem Jahr durch Deutschland tourt und im kommenden gleich durch drei Länder, Frankreich, Belgien und Luxemburg. 2020 werde ein Fokus auf dem Sieg im Zweiten Weltkrieg liegen, dessen 75. Jahrestag begangen würde, so Medinski, dessen Worte von dem Denkmalprojekt für die verlustreiche Schlacht von Rschew (1942 bis 1943) bekräftigt wurde, das im Hauptveranstaltungsort, dem Generalstabsgebäude am Schlossplatz prangte und die Besucher zum Spenden animierte, sowie durch Kriegslyrik rezitierende Kinder, die in der Halle des Moskauer Bahnhofs Forumsgäste begrüßten.

          Auch welchen Kulturexport er nicht will, macht Medinski explizit: Autorenkino, das die negativen Seiten des Lebens in Russland akzentuiert. Als die von Brüssel aus europäisch-chinesische Kulturprojekte organisierende Pick Keobandith wissen will, ob eine solche Politik nicht als nationalistisch wahrgenommen werde, lässt ein lachender Medinski sich mit ihr fotografieren.

          Brennende und überschwemmte Museen

          Das Forum präsentiert Russland als joviale Kulturgroßmacht. Beim Eröffnungspodium hebt die Vizeregierungschefin Olga Golodez hervor, die Medienrevolution habe den Kulturkonsum explodieren lassen. Die Leiterin für strategische Projekte bei Google, Dana Raz Levi, bestärkt sie und preist olympisch lächelnd virtuelle Museen, die Kultur jedem erschlössen, sie aber auch unsterblich machten. Als Beispiel dient ihr das im vorigen Jahr ausgebrannte brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro, von dem einige Objekte aufgrund medialer Dokumentation rekonstruiert werden könnten. Der Theaterregisseur Konstantin Bogomolow teilt die Begeisterung für das aufklärerische Potential von Medien; zugleich mahnt er, die Passage durch den digitalen Kanal nehme Kunstwerken etwas von ihrer Spannung und vom Niederschlag menschlich-individueller Leiderfahrung, so dass er fürchte, Google könne mit perfekten Kopien des Humanen eine totalitäre Gesellschaft heranziehen.

          Der Bedrohung des Kulturerbes durch den Klimawandel war ein eigenes Panel gewidmet. Die Direktorin des Konfuzius-Instituts der UCLA, Susan Jain, erinnerte an die aktuelle Überschwemmung von Venedig und die Feuersbrunst am Getty-Museum vorigen Monat und führte als vorbildlich die von Getty unterstützte Erforschung und Dokumentation der spektakulären buddhistischen Dunhuang-Höhlentempel in Nordostchina an. Voll Bewunderung berichtete Jain vom Engagement chinesischer Künstler, die dort bei extremem Wüstenklima und Taschenlampenlicht über Jahre Kopien anfertigen, um diese Malereien Menschen an anderen Orten näherzubringen, aber auch als Backup. Die Amerikanerin lobte die Umweltinitiativen Chinas und zeigte sich über den Öko-Zynismus ihres eigenen Präsidenten verzweifelt.

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