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Kultur beim ZDF : Thommie und der Wanderpokal

Viel Ehr, viel Kritik: Marcel Reich-Ranicki trifft Thomas Gottschalk Bild: AP

Im ZDF haben sich am Freitagabend zwei prominente Herren über das Fernsehen unterhalten. Doch die unbestimmte Diskussion von Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk führte ins Nirgendwo. Und auch der Fernsehpreis-Obelisk muss weiter wandern.

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          Früher war alles besser. Das Fernsehen war besser, die Fernsehkritik war besser. Und noch besser war es, als das Fernsehen noch gar nicht da war. Denn da gab es Bertolt Brecht und seine „Dreigroschenoper“. Oder noch früher, da schrieb Friedrich Schiller „Die Braut von Messina“. Und erst Shakespeare! Was konnte der uns unterhalten und belehren. Waren das noch Zeiten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das waren die Zeiten und literarischen Größen, an die Marcel Reich-Ranicki denkt, wenn er über das Fernsehen spricht. Oder sagen wir besser: Wenn er über das spricht, was ihm beim Deutschen Fernsehpreis kurz vor Augen kam. „Abscheulich“ sei das gewesen und „abscheulich“ bleibe es, so der Literaturkritiker. Clowns, Nichtskönner, Ahnungslose. Dieser Helge Schneider zum Beispiel. Helge Schneider? Der war beim Deutschen Fernsehpreis gar nicht da. Atze Schröder, der Mann mit dem kunstkrausen Mottenfiffi auf dem Schädel, war es, der Reich-Ranickis Unmut erregte. Oder ihn, wie Thomas Gottschalk sagte, wohl „überfordert“ hatte.

          Shakespeare bis zum Abwinken

          Nein, mit Überforderung habe das gar nichts zu tun, sagte Reich-Ranicki. Es habe damit zu tun, dass diejenigen, die es im Fernsehen mit der Unterhaltung zu tun haben, es sich zu leicht machten. Sie müssten sich mehr Mühe geben. Und die Intendanten, die müssten Angst haben, dass man sie absetzt, wenn sie kein gutes Programm machen. Aber was ist ein gutes Programm? Was ist Qualität? Worin besteht sie? Woran kann man sie messen und erkennen? Wonach sieht sie aus? Wonach riecht sie? Wonach schmeckt sie? Leider sind Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk bis zu dieser Frage, an der sich doch einiges entscheidet, nicht vorgedrungen, die halbe Stunde ihrer Unterhaltung ging auch so rum.

          Sie ging vorbei und hinterlässt das Publikum bestenfalls ratlos. Denn es gibt ja alles, was Reich-Ranicki fordert: Shakespeare-Verfilmungen im Kino bis zum Abwinken, Goethe, Brecht, Ibsen im Fernsehen - das ZDF hat dafür eigens den „Theaterkanal“ ins Leben gerufen, der sich mit nichts anderem beschäftigt, als große Dramen ins Fernsehen zu bringen. Und es gibt die zeitgenössischen Wiedergänger der Klassiker, es gibt Dokumentationen, Magazine, Fernsehfilme, Serien und es gibt große Unterhaltung wie Thomas Gottschalks ZDF-Show „Wetten, dass . . ?“ Es ist für jeden etwas dabei, und wer dabei keine Qualität finden will, der muss sein Empfangsgerät schon aus dem Fenster werfen. Man muss nur hinschauen, man muss nicht einmal lange suchen und man muss nicht alibimäßig auf die Kultursender 3sat und Arte verweisen.

          Der Dreck, der Schund, der Mist

          Und den Dreck, den Schund, den Mist, den es zweifellos gibt, den muss man nicht sehen. Den wegzuräumen, dafür gibt es ja zum Beispiel Fernsehkritiker, die über Sendungen schreiben müssen, vor denen man nur warnen kann. Die „Bruderschaft der entzündeten Augen“ hat man sie früher einmal genannt. Früher habe man sich ja auch noch ernsthaft mit dem Metier befasst, sagt Marcel Reich-Ranicki.

          Das Schlechte übrigens hat Thomas Gottschalk als getreuer Herold seines Senders, ausschließlich bei den privaten, oder, wie er sagt, „kommerziellen“ Sendern ausgemacht. Mit denen über Qualität sprechen zu wollen, das sei so, als wolle man einem Metzger ein vegetarisches Menü schmackhaft machen. Und wer will das schon? Die Öffentlich-rechtlichen, ARD und ZDF, hingegen, die mühten sich um das Gute, Schöne, Wahre, müssten dabei aber natürlich an die Quote denken. Und deren Diktat habe auch er sich zu unterwerfen. Also dekoriere er sich mit vielen schönen Menschen und allerhand Unterhaltsamkeiten, damit die Leute hinsehen. Und, was passiert mit unserem armen Unterhalter? Die Klofrauen lieben ihn, wie er sagte, und die Großkritiker aus dem Feuilleton reißen ihn in Stücke. Kein Wunder also, dass er sich vornehmlich oder nur noch im Sanitärbereich aufhalte.

          Zu diesem Stichwort fiel Marcel Reich-Ranicki ein, dass der große Fernsehmacher und Regisseur Peter Schulze-Rohr genau an diesem stillen Örtchen all die Preise aufbewahrt habe, die ihm in seinem Leben verliehen wurden - um seine Verachtung dem Preisgehabe gegenüber auszudrücken. Er selbst, Reich-Ranicki, habe seine Preise inzwischen alle im Museum abgeliefert.

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