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Künstler Neo Rauch : Ein abscheuliches Bild

Ende Juli in Leipzig: Der Immobilienunternehmer Christoph Gröner (zweiter von links) ersteigert das Bild „Der Anbräuner“ von Neo Rauch. Bild: dpa

In der „Zeit“ hat der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich den Maler Neo Rauch in die rechte politische Ecke gestellt. Der antwortet mit dem absichtlich schlecht gemalten Bild „Der Anbräuner“. Das wurde nun für einen guten Zweck versteigert. Ist das die Schlusspointe?

          Vor ein paar Tagen hat der Immobilienunternehmer Christoph Gröner bei einer Benefizauktion in Leipzig ein Bild des deutschen Malers Neo Rauch mit dem Titel „Der Anbräuner“ für 750.000 Euro erworben. Gröner ist, was man reich nennt, und er spricht gern über sein Geld. Er plane, sagte er, in Berlin ein Haus für einen „Verein für den gesunden Menschenverstand“ zu eröffnen, der über gesellschaftliche Fakten objektiv berichten werde. Dort werde das Gemälde im Foyer hängen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Das ist der einstweilen letzte Akt in einem Stück, das Ende Mai mit einem Artikel des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich in der „Zeit“ begann. Unter der Überschrift „Auf dunkler Scholle“ stellte er die These auf, dass „rechts gesinnte Künstler derzeit als letzte Verteidiger der Kunstfreiheit“ aufträten. Er schreibt dort, dass „einige Motive rechten Denkens“ sich auch bei Rauch fänden, was er durch diverse Äußerungen des Künstlers bestätigt sieht; außerdem legten „Titel wie ,Vaters Acker‘ oder ,Fremde‘ ebenfalls eine politische Deutung nahe“. Besonders stark sind solche Belege nicht. Allerdings hatte er Rauch auch schon 2016 in seinem Buch „Siegerkunst“ als Mitspieler bei „neofeudalen Machtstrukturen in der heutigen Kunstwelt“ identifiziert, was zugleich als Angriff auf Rauchs künstlerische Qualität lesbar ist.

          Neo Rauch ist sicherlich konservativ. Es gibt Sätze von ihm, deren gesellschaftspolitischen Inhalt man nicht teilen muss. Aber er tritt nicht als Aktivist auf, schon gar nicht als Anhänger einer rechtslastigen Partei. Endlich gilt, dass er es sich mit seiner Kunst nicht einfach macht; sonst wäre er deutlich produktiver. Aber Rauch hat sich mittels seiner Kunst gewehrt: Ende Juni erschien in der „Zeit“ seine „gemalte Replik“ auf Ullrich, eben „Der Anbräuner“. Eine männliche Figur über einem Nachttopf malt dort mit ihren eigenen Exkrementen auf eine Leinwand. Es ist ein abscheuliches, buchstäblich hingeschmiertes Bild, mit dem Rauch, das ist schon eine Pointe, sarkastisch beweist, dass er ein schlechter Maler ist – jedenfalls, wenn er das sein will; manche kriegen das nicht einmal aus Versehen hin. Was auch anderes hätte er den Anwürfen entgegensetzen sollen? Hätte er sich verbal die Hemdbrust aufreißen sollen für ein Credo à la: Ich bin nicht rechter Gesinnung? Aha, er muss dementieren, hätte es dann gut heißen können.

          Muss er nicht. Denn er ist ein Künstler, für den, wenn sich das für „autonome Kunst“ bitte noch einrichten lässt, die freie Wahl seiner Motive gilt. Dass im selben Zug für seine Kritiker die Freiheit der Meinung unbedingt und unverbrüchlich gilt, steht genauso außer Frage. Wo die Kritik so gravierend ausfällt, dass ein Künstler sich in seiner persönlichen Integrität verletzt fühlt, ist allenfalls mit Gegenwehr zu rechnen. Es ließe sich auch anders wenden: Rauch ist eben nicht resistent gegen Kritik, sie erreicht ihn. Wo er sie als ungerechtfertigt empfindet, kann sie ihn zur Gegenoffensive veranlassen. Im Grunde bestätigt er damit die Wirkung von Kritik, deren angeblicher Bedeutungsschwund ständig beklagt wird.

          Jemand wie Wolfgang Ullrich besetzt mit seinem Blog, mit seinen Büchern und Artikeln die Position eines Wächters in der Kunstszene. Was in vielerlei Hinsicht verdienstvoll ist, das sei hier ausdrücklich gesagt. Hinzu kommt, dass sein besonderes Augenmerk dem Kunstmarkt gilt, vor allem der unbestreitbaren Allianz zwischen Großkapital und internationalem Markt. Neben der Berühmtheit durch seine Kunst ist Neo Rauch einer der im globalen Markt am meisten geschätzten zeitgenössischen Künstler. Das rückt ihn naturgemäß zusätzlich ins Zentrum eines breiten Interesses. Zumal in Amerika und Asien vermitteln seine enigmatischen Werke ihren Betrachtern – und entsprechend ihren Käufern – eine Idee davon, was für sie als „deutsch“ begreiflich wird. Es entspricht also bloß den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie, dass die Auseinandersetzung mit diesem Künstler, dass zumal zugespitzte Einschätzungen seiner Person und seines Schaffens weite Kreise in der Öffentlichkeit ziehen.

          Die Versteigerung jetzt in Leipzig – mit dem, gemessen an anderen Werken Neo Rauchs, übrigens zu hohen Preis für den „Anbräuner“ – muss da perfekt ins Bild passen. Voilà, der Konnex zwischen Großkapital und Kunstbesitz. Es ist kein glücklicher Auftritt, womöglich vom Käufer als eine Provokation gedacht, der eines fehlt – der gesunde Menschenverstand. Daraus gleich die „pauschale Diffamierung von Kritikern und Intellektuellen“ abzuleiten, wie es Ullrich in seinem Blog-Eintrag zuletzt tut, erweist dieser Aktion aber vielleicht doch zu viel der Ehre.

          Das viele Geld, das ein Kinderhospiz bekommt, ist der erfreuliche Abfall dabei. Neo Rauch wird froh sein, dass er dieses Katastrophenbild so einsetzen konnte; seine künstlerischen Fähigkeiten kann er wahrlich anders nutzen. Wenn die Auktion der letzte Akt in diesem Stück bleibt, wäre das jedenfalls für alle Seiten ein Gewinn. Apropos: Nach all der Popularität, die er auf seinem Weg durch sämtliche Medien erreicht hat, könnte „Der Anbräuner“ durchaus im Marktwert steigen. Sein neuer Besitzer könnte ihn also, wenn er sich an ihm sattgesehen hat, weiterverkaufen – mit Gewinn.

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