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Schriftsteller im Krieg : Wer ist wer in der ukrainischen Literatur?

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan Bild: Frank Röth

Was machen Künstler unter Waffenbeschuss? Fliehen sie? Bleiben sie? Ein Gespräch mit Volker Weichsel von der Zeitschrift „Osteuropa“

          5 Min.

          Die Zeitschrift „Osteuropa“ hält seit vielen Jahren intensiven Kontakt zu ukrainischen Intellektuellen und bietet deren Ideen ein Forum. Welche Autoren und Autorinnen sollten wir in diesen Wochen lesen, um die gegenwärtige Kriegssituation besser zu verstehen?

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Drei muss man nennen. Der erste ist Serhij Zhadan aus Charkiw. Seine Bedeutung als Schriftsteller und moralische Autorität ist in der Ukraine sicherlich so groß wie jene, die Heinrich Böll oder Günter Grass im Deutschland der Siebzigerjahre hatten. In seinen seit dem Jahr 2014 erschienenen Romanen, Erzählungen und Gedichten hat er die Grausamkeit und Absurdität des Kriegs in eine literarische Sprache von einzigartiger Klarheit gefasst. Zu­gleich hat er sich für Verständigung zwischen den Menschen auf beiden Seiten der Frontlinie eingesetzt. Seinen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ hat die BBC zu Recht als Buch des Jahrzehnts bezeichnet. Im Original ist es bereits 2010 erschienen – vier Jahre vor Beginn des Kriegs im Osten der Ukraine.

          Und der zweite?

          Juri Andruchowytsch. Er hat die Ukraine vor zwanzig Jahren mit seinem Essayband „Das letzte Territorium“ überhaupt erst auf die mentale Landkarte der Westeuropäer gebracht. Eine halbe Generation älter als Zhadan, ist der 1960 geborene Andruchowytsch so etwas wie dessen Gegenpol im gemeinsamen politischen und kulturellen Raum der Ukraine. Andruchowytsch kommt aus Iwano-Frankiwsk, dem einstigen Stanislau, im Südwesten des Landes, und lässt in Romanen wie „Karpatenkarneval“, „Zwölf Ringe“ oder „Die Lieblinge der Justiz“ die alte europäische galizisch-karpatische Kulturlandschaft mit ihrem jüdischen, deutschen, polnischen, ruthenischen, ukrainischen oder einfach nur: habsburgischen Erbe durch ein postmodernes literarisches Kaleidoskop wirbeln. Der geistige Raum, den allein diese beiden erkunden und literarisch aufspannen, ist so groß, dass Europa dreimal darin Platz hat. Und nun soll dieser Raum im Namen imperialer Hirngespinste, zynischer Geopolitik und vor allem einer ganz persönlichen Rache für angebliche Erniedrigungen vernichtet werden. Wir erleben eine Katastrophe, wie sie das zwanzigste Jahrhundert nur in seinen schrecklichsten Momenten gesehen hat.

          Der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch
          Der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch : Bild: Frank Röth

          Wer fehlt noch im Trio?

          Oksana Sabuschko. In Deutschland ist sie mit dem Roman „Feldstudien über den ukrainischen Sex“ bekannt geworden. In der Ukraine ist sie eine Kultautorin, nicht zuletzt wegen ihrer feministischen Themen und ihres politischen Engagements. Im Jahr 2016 unterzeichnete sie den Aufruf „Schluss mit dem Massenmord in Aleppo“, den das Internationale Literaturfestival Berlin initiiert hatte. Damals setzte sie sich für ein anderes Land, für eine andere Stadt ein. Heute holt dieses Schicksal die Städte ihres Landes ein.

          Wie steht es mit Aktivisten, Essayisten, Geistesgeschichtlern?

          Monographien ukrainischer Historiker oder Sozial- und Kulturwissenschaftler sind in Deutschland kaum erschienen. Die wichtigsten sind mit ihren Essays und Analysen gleichwohl präsent, nicht zuletzt auf den Seiten der Zeitschrift „Osteuropa“. Zu nennen wäre der von Andruchowytsch herausgegebene Band „Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“. Oder die Philosophin, Ver­legerin und Maidan-Aktivistin von 2014, Kateryna Mishchenko, die Fotografin und Schriftstellerin Yevgenia Belorusets, die Politikwissenschaftler Oleksyj Haran und Volodymyr Kulyk, der Journalist und Übersetzer Juri Durkot aus Lemberg, der übrigens zusammen mit Sabine Stöhr die Werke von Serhij Zhadan ins Deutsche gebracht hat, wofür beide 2018 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden. Wenn es um die Öffnung des Geschichtsraums Ukraine für deutsche Leser geht, sind neben einer ganzen Reihe weiterer insbesondere der Schweizer Historiker Andreas Kappeler, der Kölner Slawist und Historiker Gerhard Simon und die Marburger Historikerin Anna Veronika Wendland zu nennen.

          Was können Sie uns über einzelne Schicksale sagen? Wer ist geflohen, wer bleibt? Und wo finden Künstler und Intellektuelle Zuflucht?

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