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Künasts Kaufempfehlung : Leute, kauft Toyota!

Was will Renate Künast? Mit ihrer Kaufempfehlung für japanische Autos reißt sie das Ruder der Klima-Debatte herum. Und redet der hohen Kunst des Trash das Wort, die nirgendwo sonst zu so tiefgelegten Preisen zu haben ist wie bei Toyota. Wie Christian Geyer beim nächtlichen Fernsehen erkannte.

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          Genauso muß man's machen. Genauso wie Renate Künast. Alles andere führt zu nichts. Führt nur zu Sonntagsreden über den Klimaschutz, aber zu keinem einzigen Emissionspartikelchen weniger. Solange die deutsche Autoindustrie nicht umsteuere, solange könne sie, Renate Künast, nur raten: „Leute, kauft Hybrid-Autos von Toyota!“ Sie hat völlig recht, wenn sie ihre aggressive Schleichwerbung als das Gebot der Stunde rechtfertigt. Anders ist kein Durchkommen in diesem lobbyistisch besetzten Feld. Eine deutsche Politikerin ruft „Leute, kauft Toyota!“, und allen ist mit einem Schlag klar: eine Zäsur. Hier wurden japanische Fakten geschaffen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die ganze Debatte wird von nun an anders laufen. Jetzt kann man nicht mehr länger mit umständlichen klimapolitischen Erwägungen kommen, jetzt gibt's nichts mehr zu deuteln, jetzt läßt sich nur noch - Zahn um Zahn, Emissionspartikelchen um Emissionpartikelchen - Automarke gegen Automarke setzen, Kühlschrank gegen Kühlschrank, Geschirrspüler gegen Geschirrspüler. Künasts gezielter Tabubruch - Schleichwerbung für die Japaner als politische Maßnahme für Deutschland - setzt die Autoindustrie mehr unter Druck, als es jeder Klimabericht vermag.

          Warum kann das nicht auch Angela Merkel sagen?

          Laßt uns also nicht länger über Klimaschutz reden, laßt uns über Toyota reden, über Toyotas Verzauberung des Planeten durch Synergie, über Toyotas Verbindung von Benzin- und Elektromotor im sagenhaften Modell „Hybrid“. Wann wird auch Angela Merkel ihr Bekenntnis zu Toyota ablegen, wann der Bundespräsident? Mit allgemeinen Appellen an „die gesamte Kreativität unserer Forscher und Ingenieure“, wie sie die Kanzlerin angesichts der „mehr als alarmierenden“ Berichte über den Klimawandel in ihrer jüngsten Internet-Botschaft formulierte, ist es nicht mehr getan. Konsequenter wäre, sie würde sagen: „Leute, kauft Hybrid-Autos von Toyota!“ Kauft jenes Auto, das die Co2-Emissionen sage und schreibe um eine Tonne pro Jahr reduziert (im Vergleich zum durchschnittlichen Ausstoß eines Dieselfahrzeugs der Mittelklasse bei zwanzigtausend Kilometeren Laufleistung).

          Würde derartiges regierungsamtlich erklärt, dann wäre Politik mit einem Mal jenes Synonym für Konsequenz, das bislang nur Toyota darstellt. „Toyota ist ein Synonym für Konsequenz“ - warum muss das erst der souveräne Porsche-Chef Wendelin Wiedeking sagen, warum kann das nicht auch Angela Merkel sagen?

          Keine Marke ist von Anfang an so trashbewusst

          Das Geheimnis von Toyota hat sich mir in Gänze erst letzte Nacht erschlossen. Da lief bei Arte in der Reihe „Trash-Entertainment“ irgendwann nach zwei Uhr der schöne Schwarzweißfilm von 1965 „Motor-Psycho. Wie wilde Hengste“, einer jener harmlos-lüsternen, hektisch-grotesk-ironischen Frühfilme des „King of the Nudies“ genannten Regisseurs Russ Meyer. Die Story ging kurz gesagt so, daß drei üble Moped-Rocker, nachdem sie plündernd und vergewaltigend durch Kalifornien gezogen sind, von dem Mann eines ihrer Opfer zur Strecke gebracht wurden. Der Mann, der da in wüstenartigem Gelände Jagd auf die Mopedfahrer machte, fuhr einen Geländewagen von Toyota, man sah das im Film ganz deutlich, und im Abspann wurde der Firma Toyota dann auch ausdrücklich für die Unterstützung der Kunst gedankt. Ich hatte nicht „Motor-Psycho“ gesehen, sondern einen Toyota-Film.

          Das Gekonnte an Toyota ist in der Tat die konsequente Entfaltung der Trash-Ästhetik. Das ist es, was Porsche an Toyota bewundert. Künast erspürt das Richtige, wenn sie mit Toyota aufs pauperistische Lebensgefühl setzt, auf ein robustes „Ich habe alles, was ich brauche“ statt auf die ewige Angst, etwas zu verpassen, auf multum statt auf multa. Keine Marke kam von Anfang an so trashbewußt daher wie Toyota, keine Marke hat - ob bei Gabelstaplern, Fertighäusern oder Corollas - den Trash so leistungsstark, pannen- und schadstoffarm zur Kundenzufriedenheit geführt wie Toyota, nirgendwo sonst ist die hohe Kunst des Trash zu so tiefgelegten Preisen zu haben wie bei Toyota. „Fährt immer und kost' nix“ - so die Trash-Phantasie über Toyota. Renate Künast hat diese Phantasie gesellschaftsfähig gemacht.

          Gestern hat Toyota den Trash-Film gesponsert. Morgen, so Künasts kühne Prophezeiung, wird Toyotas Ästhetik die Ästhetik der ganzen Automobilbranche beherrschen. Dann wird es beispielsweise um die Frage gehen: „Werden Autos wie heute als Potenzmittel beworben, womöglich noch mit einer Frau daneben, oder als ein Mittel zur Mobilität mit möglichst geringen Abgaswerten?“ Genauso muß man fragen, wenn die Leute nicht auf ihrem Toyota sitzenbleiben sollen. Wenn sie später, in einer besseren Welt, auch Opel, VW oder Porsche kaufen sollen.

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