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Kroatien vor dem WM-Finale : Krieger am Ball brauchen sie nicht

Kolinda Grabar-Kitarovic, Präsidentin von Kroatiens (M) , applaudiert während des Spiels auf der Tribüne. Bild: dpa

Kroatiens Kicker sind im WM-Finale und das Land liegt im Taumel. Mit dem Jubel kommt gleich die Frage nach dem Nationalismus auf. Doch ist Alarmismus fehl am Platz. Kroatien ist gereift und tief im Westen verankert.

          Žarko Puhovski, Philosoph und Politologe aus Zagreb, Jahrgang 1946, ist gewiss kein kroatischer Nationalist. Er focht schon in Titos einstigem Jugoslawien für die Werte der liberalen Demokratie. Und seit der Unabhängigkeit Kroatiens 1991 hat der langjährige Präsident des kroatischen Helsinki-Komitees in diesem Kampf nicht nachgelassen. Angesichts der Euphorie über die Finalteilnahme der kroatischen Nationalmannschaft um den Mittelfeldregisseur Luka Modrić bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland konstatiert er jetzt: „Wir sind eine vollkommen geeinte Nation.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Natürlich weiß Puhovski so gut wie seine rund 4,2 Millionen Landsleute, dass der Rausch der nationalen Einheit schon bald nach dem Schlusspfiff in Moskau vorbei sein wird, egal, wer am Ende den Pokal in die Höhe reckt. Armut und Korruption, gerade auch im kroatischen Vereinsfußball, werden am Tag, in den Wochen und Monaten nach dem Finale ja noch da sein. Die Abwanderung der Jungen, vor allem aus Slawonien im Osten des Landes, wird fortdauern. Die nepotistische Verquickung von wirtschaftlicher und politischer Macht wird nicht über Nacht verschwinden. Und wenn zum Ende der Badesaison die ausländischen Gäste von den Adriastränden verschwinden, dann wird das kleine Land mit der großen Nationalmannschaft wieder auf sich selbst zurückgeworfen sein.

          Vor zwanzig Jahren war Kroatien sich seiner selbst nicht sicher und frisch verwundet vom Krieg zwischen 1991 und 1995: Es war die Wunde der Vertreibung und des Völkermords an Kroaten beim serbischen Überfall von 1991, und es war die Wunde der Vertreibung sowie, wenn auch in geringerem Ausmaß, des Völkermords an den Serben im Zuge des kroatischen Befreiungsfeldzugs von 1995. Unter dem umso lauter dröhnenden nationalistischen Geschrei waren Fußballer Kriegshelden am Ball. Das katholisch geprägte Land hatte für die Loslösung vom orthodoxen Serbien einen hohen Blutzoll entrichtet, und es machte sich auf den Weg in den „Westen“, seine historische und weltanschauliche Heimat.

          Dort steht Kroatien heute mit beiden Beinen. 2008 trat das Land der Nato bei, 2013 der EU. Tudjmans, des ehemaligen Präsidenten, nationalistische Partei HDZ ist nach allerlei Häutungen (und manchen Korruptionsskandalen) inzwischen eine konservative Volkspartei, die im Vergleich zu Rechtsparteien in Ungarn, Polen oder der Tschechischen Republik als gemäßigt gelten darf. Natürlich gibt es unter den Ultras kroatischer Fußballvereine nationalistische und rassistische Krawallmacher. Aber die gibt es in anderen europäischen Staaten auch. Von den Linken in Deutschland und anderswo wird reflexartig Alarmismus zelebriert, wenn bei einem Fußballspiel oder bei anderer Gelegenheit in Kroatien ein Symbol der Ustascha-Faschisten auftaucht oder eines ihrer Lieder gesungen wird. Doch im Vergleich zu vielen EU-Staaten haben in Kroatien rechtsextreme und fremdenfeindliche Parteien nur geringes politisches Gewicht.

          Auch der kollektive antiserbische Reflex aus der unmittelbaren Nachkriegszeit ist größtenteils überwunden, jedenfalls gründlicher als umgekehrt in Serbien, wo das Misstrauen gegenüber den Kroaten noch immer tief sitzt. Demoskopen haben ermittelt, dass beim Vorrundenspiel der Serben gegen die Brasilianer 64 Prozent der Kroaten dem Nachbarland Serbien und nicht Brasilien die Daumen gedrückt hatten. Der serbische Tennisprofi Novak Đjoković, dessen Mutter kroatische Wurzeln hat, wird dagegen von Politikern und Zeitungskommentatoren in Belgrad als Wahnsinniger und Idiot beschimpft, nur weil er nach dem frühen Ausscheiden der Serben nun den Kroaten die Daumen drückt.

          Im Präsidentenpalast in Zagreb residiert seit 2015 Kolinda Grabar-Kitarović, als erste Frau im höchsten Staatsamt. Ihre Anfeuerungsrufe auf der Ehrentribüne und ihre Kabinenbesuche haben auch nicht mehr nationalistische Implikationen, als wenn die deutsche Bundeskanzlerin bei „der Mannschaft“ hereinschaut. Selbst die Solidaritätsbekundung des Verteidigers Domagoj Vida mit der Ukraine nach dem Viertelfinalsieg gegen die Russen in Sotschi kann man als Zeichen der festen Verankerung Kroatiens im Westen verstehen, schließlich hat die EU wegen der Krim-Annexion Sanktionen gegen Moskau verhängt. Vida entschuldigte sich für die politische Provokation aus der Kabine und kam mit einer milden Strafe der Fifa wegen der unerlaubten politischen Äußerung davon.

          Sosehr das Kroatien des Jahres 2018 ein EU- und Nato-Mitglied wie viele andere ist, so sehr unterscheidet sich das Land aber in einem wichtigen Punkt von größeren EU-Staaten wie Deutschland oder Großbritannien, Italien oder Frankreich: Kroatien ist ein Auswanderungsland. Das gilt auch für Fußballer: Wer als kroatischer Profi etwas erreichen will, der muss sein Glück früh in der Fremde suchen, so wie Tausende junger Landsleute auch, die ihr Geld mit etwas anderem als Fußball verdienen. Man hat die „bunten“ Teams der Halbfinalisten aus Belgien, England und Frankreich als Beispiele für Gesellschaften mit geglückter Immigration beschrieben. Wäre das „einfarbige“ Team der Kroaten dann ein Indiz für eine Gesellschaft mit geglückter Emigration?

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