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Kritik eines Heilsversprechens : Beschleunigung ist nicht das Problem

Nicht immer liegt in der Ruhe die Kraft Bild: ddp

Entschleunigung ist nicht die Lösung: Warum es ein Trugschluss ist, all unsere Sorgen auf eine angeblich beschleunigte Kultur zurückzuführen, und die Langsamkeit kein Allheilmittel ist.

          Wem ginge im Augenblick nicht alles zu schnell? Der Unfug sogenannter Zeitdiagnosen macht sich derzeit an einem Zauberwort fest, welches - wenn man’s nur trifft - die Welt zum Singen bringt: Beschleunigung. Alles Unheil wurzelt hier: dass auf der Erde zu viel Eile waltet. Dann fallen großartige Sätze: „Die Geistesgegenwart, die sich ständig nur auf der Höhe des Laufenden hält, tritt an die Stelle der Erinnerung.“ Oder: „In modernen Beschleunigungsgesellschaften kann es Weisheit nicht geben. Sie setzen den Wert von Erfahrungen voraus, die durch lange Lernprozesse erworben werden.“ Oder: „Die Beschleunigung des Wissens und der informationellen Verarbeitung: das inauguriert einen raumlosen Raum, der darum transhuman ist, weil er unbetretbar, abstrakt, virtuell, mathematisch ist.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Phantastische Behauptungen des Philosophen Hartmut Böhme, die in dem Moment in sich zusammenfallen, in dem man nach dem empirischen Abgleich fragt. Dann lässt uns die Zeitdiagnose Beschleunigung mit sämtlichen Fragen allein. Was soll das sein: erinnerungsfreie Geistesgegenwart? Wie lang muss ein Lernprozess dauern, damit er Weisheit hervorbringt? Und wie sieht eine Abstraktion aus, die - transhuman (!) - das Maß des Menschlichen sprengt, wiewohl sie doch von Menschen gedacht wird?

          Einfach aus Berlin-Mitte wegziehen

          Dem Sündenfall Beschleunigung entspricht der Erlösungsmythos Entschleunigung. Im neuen Rücken-Heft des „Spiegel“ meldet sich Matthias Matussek von einer Ayurveda-Woche zu Wort: Er habe ja nichts gegen Entschleunigung, aber warum müsse sie so lange dauern? Tatsächlich haftet dem Willen zur Entschleunigung etwas Künstliches an. Im Meer der Reize zieht der Einzelne seine Bahnen, ohne Wasser zu schlucken. Reizüberflutung ist ein suggestives Abstraktum, das sich in der individuellen Realität nicht stellt, sofern doch immer ein Reiz nach dem anderen abgearbeitet wird. Auch die Klage über den geschwindigkeitsbedingten Verlust der langen Perspektiven, die Katja Kullmann in ihrem autobiographischen Bericht „Echtleben“ führt, ist nicht stichhaltig. Sie schreibt: „Zwangskurzsichtig gestaltet sich der Lauf der Dinge, und seit kurzem (also viel zu spät) trage auch ich eine dieser schwarz gerahmten Nerd-Brillen mit den etwas zu groß geratenen Gläsern (es gab keine anderen mehr). Einige Mühe gebe ich mir, mich als Mensch der neuen Zeit zu bewegen, und bin froh, wenn es momentweise gelingt, wenn da zum Beispiel eine nachweisliche Kommunikation ist in meinem Leben.“

          Wer aber „echte Gespräche“ führen will, wer also nicht ständig einem Jemand begegnen möchte, „der vieles checkt und nichts weiß, jenem beweglichen Durchschnitts-Psycho, der an seiner eigenen Fadenscheinigkeit leidet“ - der sollte vielleicht einfach aus Berlin-Mitte wegziehen, statt impulsiv wie nach der Erfindung der Eisenbahn auf die Hektik unserer Zeit zu schimpfen. Mit der Diagnose „Zwangskurzsichtigkeit“ rührt Kullmann an die Grundannahme der Entschleunigungsideologie: dass der Mensch sich nur in langfristigen Perspektiven begreifen könne, während ihm in der Kurzfristigkeit prekärer Lebensverhältnisse, in denen die Zukunft offen und die Rente nicht sicher ist, das Narrativ abhandenkommt.

          „Durchkommen ist Zweck und Ziel“

          Pragmatismus wird, so gesehen, zum Inbegriff des verfehlten, weil nicht von einer großen Erzählung getragenen Lebens: „Das Leben, die Politik, die Liebe, die Arbeit programmatisch pragmatisch anzugehen bedeutet: Man hat keinen blassen Schimmer, worum es eigentlich geht. Man hat auch das Suchen und Sich-Kümmern aufgegeben. Man überspielt eine verheerende Inhaltsleere mit hektischem Flügelschlagen, von Quartal zu Quartal, und dekoriert das Vakuum mit gelegentlichen Erfolgsmeldungen und Urlaubsfotos. Das Durchkommen ist Zweck und Ziel.“

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