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Kritik eines Heilsversprechens : Beschleunigung ist nicht das Problem

Nicht immer liegt in der Ruhe die Kraft Bild: ddp

Entschleunigung ist nicht die Lösung: Warum es ein Trugschluss ist, all unsere Sorgen auf eine angeblich beschleunigte Kultur zurückzuführen, und die Langsamkeit kein Allheilmittel ist.

          5 Min.

          Wem ginge im Augenblick nicht alles zu schnell? Der Unfug sogenannter Zeitdiagnosen macht sich derzeit an einem Zauberwort fest, welches - wenn man’s nur trifft - die Welt zum Singen bringt: Beschleunigung. Alles Unheil wurzelt hier: dass auf der Erde zu viel Eile waltet. Dann fallen großartige Sätze: „Die Geistesgegenwart, die sich ständig nur auf der Höhe des Laufenden hält, tritt an die Stelle der Erinnerung.“ Oder: „In modernen Beschleunigungsgesellschaften kann es Weisheit nicht geben. Sie setzen den Wert von Erfahrungen voraus, die durch lange Lernprozesse erworben werden.“ Oder: „Die Beschleunigung des Wissens und der informationellen Verarbeitung: das inauguriert einen raumlosen Raum, der darum transhuman ist, weil er unbetretbar, abstrakt, virtuell, mathematisch ist.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Phantastische Behauptungen des Philosophen Hartmut Böhme, die in dem Moment in sich zusammenfallen, in dem man nach dem empirischen Abgleich fragt. Dann lässt uns die Zeitdiagnose Beschleunigung mit sämtlichen Fragen allein. Was soll das sein: erinnerungsfreie Geistesgegenwart? Wie lang muss ein Lernprozess dauern, damit er Weisheit hervorbringt? Und wie sieht eine Abstraktion aus, die - transhuman (!) - das Maß des Menschlichen sprengt, wiewohl sie doch von Menschen gedacht wird?

          Einfach aus Berlin-Mitte wegziehen

          Dem Sündenfall Beschleunigung entspricht der Erlösungsmythos Entschleunigung. Im neuen Rücken-Heft des „Spiegel“ meldet sich Matthias Matussek von einer Ayurveda-Woche zu Wort: Er habe ja nichts gegen Entschleunigung, aber warum müsse sie so lange dauern? Tatsächlich haftet dem Willen zur Entschleunigung etwas Künstliches an. Im Meer der Reize zieht der Einzelne seine Bahnen, ohne Wasser zu schlucken. Reizüberflutung ist ein suggestives Abstraktum, das sich in der individuellen Realität nicht stellt, sofern doch immer ein Reiz nach dem anderen abgearbeitet wird. Auch die Klage über den geschwindigkeitsbedingten Verlust der langen Perspektiven, die Katja Kullmann in ihrem autobiographischen Bericht „Echtleben“ führt, ist nicht stichhaltig. Sie schreibt: „Zwangskurzsichtig gestaltet sich der Lauf der Dinge, und seit kurzem (also viel zu spät) trage auch ich eine dieser schwarz gerahmten Nerd-Brillen mit den etwas zu groß geratenen Gläsern (es gab keine anderen mehr). Einige Mühe gebe ich mir, mich als Mensch der neuen Zeit zu bewegen, und bin froh, wenn es momentweise gelingt, wenn da zum Beispiel eine nachweisliche Kommunikation ist in meinem Leben.“

          Wer aber „echte Gespräche“ führen will, wer also nicht ständig einem Jemand begegnen möchte, „der vieles checkt und nichts weiß, jenem beweglichen Durchschnitts-Psycho, der an seiner eigenen Fadenscheinigkeit leidet“ - der sollte vielleicht einfach aus Berlin-Mitte wegziehen, statt impulsiv wie nach der Erfindung der Eisenbahn auf die Hektik unserer Zeit zu schimpfen. Mit der Diagnose „Zwangskurzsichtigkeit“ rührt Kullmann an die Grundannahme der Entschleunigungsideologie: dass der Mensch sich nur in langfristigen Perspektiven begreifen könne, während ihm in der Kurzfristigkeit prekärer Lebensverhältnisse, in denen die Zukunft offen und die Rente nicht sicher ist, das Narrativ abhandenkommt.

          „Durchkommen ist Zweck und Ziel“

          Pragmatismus wird, so gesehen, zum Inbegriff des verfehlten, weil nicht von einer großen Erzählung getragenen Lebens: „Das Leben, die Politik, die Liebe, die Arbeit programmatisch pragmatisch anzugehen bedeutet: Man hat keinen blassen Schimmer, worum es eigentlich geht. Man hat auch das Suchen und Sich-Kümmern aufgegeben. Man überspielt eine verheerende Inhaltsleere mit hektischem Flügelschlagen, von Quartal zu Quartal, und dekoriert das Vakuum mit gelegentlichen Erfolgsmeldungen und Urlaubsfotos. Das Durchkommen ist Zweck und Ziel.“

          Da ist sie wieder: die Gleichsetzung von Hektik und Zeitdruck und Tun und Machen mit Inhaltsleere und existentieller Ahnungslosigkeit - aus einer unverschämten petitio principii heraus, die die Liebe in einem Atemzug mit Politik und Arbeit erwähnt, um schon allein aus dieser aufreizenden Reihung ein prinzipielles Argument gegen „Pragmatismus“ zu gewinnen. Was ist Pragmatismus in Politik und Arbeit aber anderes als der just in time agierende Sachverstand? Wie authentizitätsversessen muss man sein, um die deadline als transhumanes Übel der Beschleunigungskultur zu denunzieren? Was weiß diese gedankenlose Schmähung schon von der belebenden Wirkung der letzten, allerletzten und allerallerletzten Frist?

          Galionsfigur der Wohlfühl-Industrie

          Der Entschleunigungsmythos kommt nicht ohne die Sozialwissenschaften aus. Wie dies landauf, landab die wissenschaftlich unterfütterte Wellness-Rhetorik in Gestalt des Jenenser Soziologen und Entschleunigungs-Gurus Hartmut Rosa belegt. Rosa ist - nicht immer freiwillig, wie zuzugeben ist - zur akademischen Galionsfigur der Wohlfühl-Industrie geworden. Er wird überall dort zitiert, wo es um aufwendig inszenierte Erfahrungen von Langsamkeit und Innehalten geht, um Slow-Food-Projekte und Do-nothing-Weekends zwecks Selbstfindung im reetgedeckten Cottage an der irischen Westküste. Als eine Art Anti-Kierkegaard warnt Rosa vor dem „situativen Selbst“, das von deadline zu deadline hetze und sich keine „kontextübergreifenden Lebensziele“ mehr setze: „Damit aber“, so Rosas wichtigster Glaubenssatz, „verliert das Leben als Ganzes, im biographischen Vollzug, seine Richtung, es kann nicht länger als gerichtete Bewegung verstanden und narrativ im Sinne einer Fortschritts- oder Entwicklungsgeschichte rekonstruiert werden“.

          Eine dräuende Verlustrechnung, fürwahr, allein sie geht nicht auf. Sollte es in prekären Beschäftigungsverhältnissen, in Patchwork-Konstellationen und biographischen Krisensituationen grundsätzlich nicht möglich sein, zusammenhängende Erzählungen seiner Existenz zu formulieren, eine Haltung einzunehmen, sich zu sich selbst in Beziehung zu setzen? Narrativität lässt sich gleichermaßen in Prozessen der Beschleunigung wie in solchen der Entschleunigung gewinnen. Wer oder was sollte es jemandem verwehren, sich einen Reim zu bilden? Nicht die Beschleunigung als solche lässt die Biographie richtungslos werden, sondern ihre defizitäre psychische Verarbeitung, ihr mangelhaftes Vertrauen in die kompensatorische Imagination. Das meint der Philosoph Byung-Chul Han, wenn er erklärt: „Da die Beschleunigung an sich nicht das eigentliche Problem darstellt, so kann die Entschleunigung nicht die Lösung sein. Die Entschleunigung allein erzeugt kein Bild, kein narratives Gebilde. Sie verhindert nicht den Sturz in die Leere.“

          Letzte Ausfahrt Hofgemeinschaft

          Einen Eindruck von der Leere im Zentrum der Entschleunigung gewinnt jeder, der die Esoterik der Ganzheitlichkeit unter die Lupe nimmt, die dort zu Hause ist. Letzte Ausfahrt Hofgemeinschaft. Ausschlaggebend für die Umsiedelung in den oberösterreichischen Naturhof Pramtal seien die dort geteilten Lebensschwerpunkte „Ökologie, landwirtschaftliche Selbstversorgung, Kindergruppe, gemeinsame Kasse, Selbstentfaltung und Spiritualität“, erklärt Barbara Strauch, ehemalige Hochbautechnikerin und nun entschleunigte Jüngerin des indianischen Medizinmanns Manitonquat, gegenüber der Zeitschrift „oya - anders denken. anders leben“.

          Sosehr Rosas Einsprüche und überhaupt die Beschleunigungskritik als Kritik eines Ökonomismus verfangen, welcher sämtliche Lebensbereiche unter das Diktat des Profits bringen will, so leichtfertig wird hier aus der gesellschaftlichen Strukturanalyse auf die individuelle biographische Erfahrung geschlossen. In diesem Sinne beklagt der Psychoanalytiker Hartmut Reiche in der „Psyche“, Koselleks Epochenbegriff der Beschleunigungserfahrung werde bei Rosa mit welterklärender Potenz aufgeladen, nicht ohne Auswirkungen auf die therapeutische Praxis: In den psychoanalytischen Zeitdiagnosen rücke der Beschleunigungsbegriff mittlerweile „an die Stelle, die uns erklären soll, warum die Dinge rund um die Seele heute nicht mehr so stabil, wohlgeformt und überschaubar ablaufen wie noch gestern“.

          Mit anderen Worten: Entschleunigung ist zum Heilsversprechen einer alles zusammenrührenden Kulturkritik geworden, der wir schleunigst entraten sollten.

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