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Kritik an Studenten : Bankrott der Bildung

  • -Aktualisiert am

Darf man Studenten bei der Ehre packen? Bild: dpa

Wer war nochmal „Cicerow“? Selbst die Beherrschung grundlegender Kulturtechniken wie schreiben, lesen und rechnen ist bei Studenten nicht mehr selbstverständlich. Die Kritik daran ist legitim und notwendig.

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          Wie es um unsere Bildungsanstalten bestellt ist, lässt sich derzeit gut an den Reaktionen studieren, die der Artikel des Konstanzer Zoologen Axel Meyer bei der Leitung seiner Universität und einigen seiner Kollegen hervorgerufen hat. Meyers Stoßseufzer bezog sich sowohl auf mangelndes Grundwissen der Auszubildenden als auch auf deren Einstellung zum Studium. Streiten kann man vielleicht darüber, was ein Artikel hilft, der weder etwas zu den Ursachen der Monita (die nicht von den Studenten zu verantworten sind, sondern von der Ochlokratie der bildungsbürokratischen Planungsstäbe) noch etwas zu einer möglichen Kur sagt; nicht jedoch darüber, dass Meyer das Recht hat zu sagen, was er sagt.

          Muskelspiel

          Der Rektor der Universität, an der Meyer lehrt, hingegen meint sogleich seine Muskeln spielen lassen zu müssen und greift zum vermeintlich letzten Mittel: Er entschuldigt sich ohne jede weitere Reflexion für seinen Professor vor aller Öffentlichkeit. Rudimentäre Lektüre der letzten Urteile des Bundesverfassungsgerichts durch eine nur irgendwie dem Sachstand gewachsene Rechtsabteilung hätte ihn vor diesem Fauxpas bewahren können (ich empfehle die Urteilsbegründung zur Sache 1 BvR 2585/06). Die „Übergriffigkeit“ seiner opportunistischen Geste ist jedenfalls schon deutlich schlimmer, als wenn jemand statt „Studierender“ „Student“ sagte. Das Klima, in dem dergleichen die Meinungsfreiheit drangsalierenden Motionen möglich werden, gehört, tritt man einen Schritt zurück, genau ins Bild, das Meyer von der Verwahrlosung der Sitten an deutschen Universitäten malt.

          In dieses passt auch, wenn die Regionalzeitung daraufhin Kollegen ihr Sprachrohr leiht und ein Professor für Maschinenbau, der 2008 den Landes-Lehrpreis für besonders gute Lehre erhalten hat, den unschlagbaren Satz formulieren darf, die Studenten seien keineswegs „schlechter als vor Jahren“: „Sie können heute einfach andere Dinge als früher. Manches können sie besser, wie Präsentationen oder den Umgang mit digitalen Medien, manches schlechter wie Kopfrechnen oder Rechtschreibung.“

          Bildungssystem in der „Kriese“

          Es ist nie gut, wenn Theoreme, die schon in der gesuchten Theorie der Postmoderne dubios waren – hier: die Äquivalenz von allem mit jedem –, ihren Eingang in das Bildungswesen finden. Man kann die Stimme des Lehrpreisempfängers getrost auch noch zu den von Meyer geschilderten Krisensymptomen rechnen. Es ist eben nicht dasselbe, irgendwie unverstanden ein Smartphone zu bedienen, irgendwas in eine Präsentation einzudampfen – oder lesen und rechnen zu können.

          Zu konstatieren, dass Auszubildende Letzteres nicht mehr richtig vermögen, ist eine derartige Bankrotterklärung für ein Bildungssystem, dass man sich in die Völkerwanderungszeit (zumindest vor Karl den Großen) zurückgeworfen glaubt.

          Wenn die Studentenvertreter jetzt – opportunistisch auch sie – Meyer beim Ministerium anschwärzen, passt auch das noch ins Bild. Sie begreifen nicht, dass Kritik durchaus nottut und der Ausfall von Haltung, aber auch von so primitiven Kulturtechniken wie Rechnen und Schreiben ihrer Manipulierbarkeit zuarbeitet. Bäckereiverkäufer, die zur Addition von zwei Brezeln den Taschenrechner brauchen, Studenten, die immer noch glauben, zwischen 7 mal 16 und 6 mal 17 walte das Permutationsgesetz, alle Schreiber von „Kriese“ und „Cicerow“ – man wird alles mit ihnen machen können. Nur kritisieren und bei der Ehre packen, das darf man sie nicht.

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