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WM-Kolumne „Nachgetreten“ : Die vom Kinderhilfswerk

Einmal den Pokal hochhalten: Die beste Mannschaft aus 32 Teilnehmern darf das – oder aus 48 oder 144. Bild: dpa

Die Fifa erweitert die Teilnehmerzahl für die Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Akt der Liebe zu kleinen Ländern, wie es heißt. Doch warum bei 48 Mannschaften aufhören? Die Welt ist doch groß und vielfältig.

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          Er sehe lieber Niederlande gegen England als Dänemark gegen Finnland. Das sagte soeben Adidas-Chef Kasper Rorsted. Für einen in Deutschland arbeitenden Dänen ist das bemerkenswert herkunfts- und standortunabhängig gefühlt. Erkennbar bezog Rorsted sich dabei nicht auf das soeben mit dem Spiel Erdgas gegen Erdöl begonnene Turnier. Hier kann es mangels Beteiligung der Finnen und Holländer allenfalls im Halbfinale zu einer Partie Dänemark gegen England kommen. Beide (!) stehen derzeit auf Fifa-Rang 12.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Rorsted kommentierte vielmehr den Trend zur Weltmeisterschaft mit immer mehr Teilnehmern. Was einst mit dreizehn Teams begann, soll spätestens von 2026 an ein Turnier mit 48 Mannschaften sein. Die offizielle Ideologie dafür ist eine der Liebe zu kleinen Ländern und zum Leuchten in den Augen „der Kinder in Haiti, São Tomé und Ruanda“. Mensch, Infantino, hätten wir wirklich fast vergessen, die Fifa ist ja ein Kinderhilfswerk! Freilich müsste nach derzeitiger Lage das Turnier schon auf 144 Mannschaften ausgedehnt werden – etwa: 24 Sechsergruppen in der Vorrunde und 423 Spiele in rund vier Monaten –, um das Team von Ruanda im Kreis der Besten zu sehen; für São Tomé reichte selbst das wohl nicht.

          Die Zeichnung von Philip Waechter ist dem Buch „Lob des Fussballs“ von Jürgen Kaube (C.H. Beck, 2018) entnommen.
          Die Zeichnung von Philip Waechter ist dem Buch „Lob des Fussballs“ von Jürgen Kaube (C.H. Beck, 2018) entnommen. : Bild: Philip Waechter

          Die WM wird also immer mehr auf „Welt“ und nicht auf „Meisterschaft“ betont. Ebendarum kann sie bald nur noch entweder als kontinentale Anstrengung oder in Diktaturen durchgeführt werden, die durch Sklavenarbeit um Mindestlöhne und durch Polizeistaatlichkeit um Verwaltungsklagen herumkommen. Wer sich dann dermaleinst in China Luxemburg gegen die Kap Verden anschauen soll, ist nur die eine Frage. Die andere Frage ist, welche Spieler an einem solchen Turnier noch teilnehmen möchten. Das Risiko, dass die Spanier, Franzosen, Engländer oder Italiener, von denen viele die Champions League bis fast zum Ende durchspielen und dann erholungsbedürftig sind, irgendwann nur noch B-Teams schicken werden, ist hoch.

          Man denke an die amerikanischen Basketball- und Eishockey-Nationalteams. Das Geld, der Rummel, die Verlogenheit, die Fernsehzeit und die Korruption mögen immer weiter wachsen können und wollen. Aber der Leib ist endlich und darum auch die Leibesübung.

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