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Debatte um Leopoldina : Eine Kurskorrektur ist nötig

  • -Aktualisiert am

Hier wird nicht nur Wissenschaft betrieben, sondern auch Politik gemacht: das Portal der Leopoldina in Halle. Bild: dpa

Über die Aufgaben einer Akademie: Streit ist entbrannt um die These, die Leopoldina betreibe in der Pandemie mehr Politikberatung als Wissenschaft. Eine Antwort an die Kritiker dieser Ansicht.

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          Der Präsident der Leopoldina, Gerald Haug, antwortet auf meinen Artikel in dieser Zeitung mit einem polemischen Überschuss, der vom Problem ablenkt, um das es hier geht. Es hat daher keinen Sinn, auf seine Anwürfe gegen meine Person zu reagieren. Dagegen lohnt es sich, noch einmal genauer auf die Problematik einzugehen, die der Artikel am Beispiel der Leopoldina erläutert. Es geht dabei nicht um die Person Lothar Wielers, sehr wohl aber um seine Rolle als Direktor des Robert-Koch-Instituts. Damit sollte klarwerden, dass sich die Nationale Akademie der Wissenschaften während der Pandemie als Institution der Politikberatung in eine Position manövriert hat, die weder wissenschaftlich noch demokratisch zu legitimieren ist. Die Kritik an dieser Verirrung hat keineswegs zum Ziel, den Ruf der Leopoldina zu beschädigen, sondern ihr eine Kurskorrektur zu ermöglichen, damit sie ihrer Aufgabe künftig besser gerecht werden kann.

          Im Zentrum der Kritik steht die Stellungnahme der Leopoldina vom 8. Dezember letzten Jahres. Haug behauptet in seiner Replik, die Stellungnahme habe den harten Lockdown als „normativ gebotene Handlungsoption“ dargestellt. Abgesehen davon, dass etwas, was normativ geboten ist, keine Option mehr darstellt, ist in der Stellungnahme weder von Normen, von Geboten noch von Optionen die Rede. Vielmehr steht am Anfang der fettgedruckte Satz: „Trotz Aussicht auf einen baldigen Beginn der Impfkampagne ist es aus wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern.“

          Eine Debatte soll verhindert werden

          Das ist die Formulierung eines wissenschaftlichen Sachzwangs, den man nur so verstehen kann, dass sich jede weitere Diskussion um Normen oder Optionen erübrigt. Wenn Haug zu Beginn seiner Replik ausführt, Forschende würden in der Pandemie „mit wenigen Ausnahmen“ dazu beitragen, „die Debatte über angemessene Maßnahmen gegen die Pandemie durch Informationen zum aktuellen Erkenntnisstand zu versachlichen und wissenschaftsbasierte Handlungsempfehlungen zur Diskussion zu stellen“, so müsste er seine eigene Institution zu den wenigen Ausnahmen zählen. In ihrer Stellungnahme wird nicht empfohlen, sondern befohlen, und die Informationen zum aktuellen Erkenntnisstand fallen mit dem alleinigen Vergleichsbeispiel Irlands so einseitig aus, dass sie mehr verunklaren als versachlichen. Mochte es damals noch so viele gute Gründe für einen harten Lockdown gegeben haben, das Totschlagargument des wissenschaftlichen Sachzwangs gehörte nicht dazu.

          Wie versteht er seine eigene Institution? Gerald Haug, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina
          Wie versteht er seine eigene Institution? Gerald Haug, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina : Bild: dpa

          Nun aber zum entscheidenden Punkt, Wielers Unterschrift auf der Stellungnahme. Ihre volle Tragweite wird aus meinem Artikel nur bedingt ersichtlich, weshalb sie hier ausführlicher dargelegt sei. Wieler genießt als Präsident des Robert-Koch-Instituts nicht die wissenschaftliche Freiheit, die anderen Forschenden zuteilwird. Entsprechend kann er auch nicht als unabhängiger „Veterinärmediziner und Mikrobiologe“ in einer Expertengruppe mitwirken, die Politik berät. Als Leiter einer Bundesbehörde ist Wieler dem Gesundheitsminister weisungsunterworfen.

          Lothar Wieler kann sich gar nicht unabhängig äußern

          Äußert er sich öffentlich, tut er dies als Vertreter des Staates. Er hat gegenüber der Öffentlichkeit keine Stimme, die von der Stimme der Bundesregierung getrennt werden könnte, schon gar nicht inmitten einer Pandemie, in der das Robert-Koch-Institut die mit Abstand sichtbarste deutsche Bundesbehörde ist. Was er nach außen sagt, muss mit seinem Dienstherrn Spahn im wörtlichen Sinne „abgestimmt“ werden. Wenn nun also Wieler unter dem alleinigen Titel des „Präsidenten des Robert-Koch-Instituts“ eine Stellungnahme der Leopoldina unterzeichnet, dann signiert die Bundesregierung quasi mit. In letzter Konsequenz müsste man sogar schließen, dass die Leopoldina mit der Unterschrift ihre eigene Unabhängigkeit von der Politik preisgegeben hat.

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