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Kritik an Corona-Maßnahmen : Wie sehr sollten wir zweifeln?

Sichere Sache oder Risiko? Ein sich anbahnender Mundschutzkuss auf dem Berliner Alexanderplatz Bild: Pierre Adenis/laif

Sie kritisieren die Corona-Maßnahmen und wedeln mit dem Grundgesetz: Skeptiker erhalten in der Pandemie-Krise viel Aufmerksamkeit. Was steckt hinter der Kultur des Zweifelns und wie kann man sie retten?

          5 Min.

          Der Zweifel, wenn man ihn messen könnte, hat sich in den vergangenen Wochen als sehr lebendig erwiesen. Sicher, Kritik an der Politik der Regierung war nicht die erste Bürgerpflicht, als auch den vorletzten Menschen irgendwann klar wurde, dass diese Pandemie nicht mit einer gewöhnlichen Grippe vergleichbar ist. Aber spätestens als die ersten Kontaktverbote ausgesprochen wurden, wurden auch die Einwände lauter. Die große Koalition der Skeptiker reichte, um nur mal zwei prominente Verleger zu nennen, vom irgendwie linken Jakob Augstein („Zweifel ist mein zweiter Vorname“) bis zum radikalliberalen Mathias Döpfner („Ich habe Zweifel“). Oder war das schon die Querfront?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie warnten vor dem Verlust der Bürgerrechte und der Freiheit, vor dem „Totalitarismus von Seuchenbekämpfung und Gehorsam“ (Augstein) oder dem „demokratischen Selbstmord aus Angst vor dem Sterben“ (Döpfner). Und nun, da das Land wieder auf dem Weg zu einer Art von Normalität ist, treibt es den Zweifel in seiner dümmsten Form auf die Straße: als eher zweifelsfreier Verdacht, das Virus sei wahlweise eine Erfindung oder die Schöpfung eines mächtigen Milliardärs.

          Ihren Ausgangspunkt nahmen die sogenannten Hygienedemos mit der Initiative der „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“, deren raunender Antikapitalismus eine Einladung zum Schulterschluss war, die rechte Systemkritiker dankend annahmen. Auf den samstäglichen Treffen versammelt sich eine derart widersprüchliche Mischung politischer Randpositionen, dass sich die Veranstaltungen eigentlich regelmäßig selbst zerlegen müssten.

          Mit kämpferischem Gestus

          Das bizarrste Element dabei ist allerdings die rebellische Pose, mit der die Initiatoren in der Zeitung „Demokratischer Widerstand“ für demokratische Selbstverständlichkeiten eintreten: Inhaltlich fordern sie etwa „die volle Wiederherstellung der Verfassung“ und eine „Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger bei der Aushandlung der Wirtschaftsgesetzgebung der Zukunft“, in der Krise sehen sie sogar eine „Chance zur Erneuerung unseres demokratischen Miteinanders“. Auf der letzten Seite jeder Ausgabe veröffentlicht die Zeitung die ersten zwanzig Artikel des Grundgesetzes.

          Die „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“, hervorgegangen aus der Theater- und Künstlergruppe „Haus Bartleby“, wirkt fast wie die situationistische Karikatur einer Pegida-Demo, die im kämpferischen Gestus für Positionen eintritt, welche im politischen Mainstream, um es im Kampfbegriff der selbsternannten „Opposition“ auszudrücken, längst unumstrittener Konsens sind. Genauso gut könnten sie für regelmäßige Wahlen und ein Zweikammersystem demonstrieren. Und je lauter und diffuser sich der Protest gegen die vermeintliche „Corona-Diktatur“ artikuliert, desto attraktiver scheint es (wie es Mark Siemons vor drei Wochen in der F.A.S. beschrieben hat) für die beschimpften „herrschenden Eliten“ zu werden, sich ihm anzuschließen und sich als Kritiker der strengen Maßnahmen zu Wort zu melden, die man, weil sie so erfolgreich waren, nun immer als zu streng beurteilen kann.

          Es geht, bei all diesen Formen des Zweifels, nicht mehr um den Inhalt oder die eigene gesellschaftliche Rolle: Im Gestus der Dissidenz lässt sich gegen den Finanzmarkt genauso schimpfen wie vor dem Zusammenbruch der Wirtschaft warnen, Hauptsache, man tut so, als dürfe man nichts mehr sagen. Der fatale Effekt dieser Verschiebung aber ist, dass fast jede Art von politischer Kritik Gefahr läuft, nach den Parolen jener Populisten zu klingen, die die herrschende Ordnung mit den Waffen attackiert, die sie aus den Arsenalen linker Theorieschmieden entwendet haben.

          Ob man gegen die digitale Überwachung oder die Macht großer Konzerne antritt, gegen die Demokratiedefizite der Europäischen Union oder die Selbstgefälligkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, überall muss man mittlerweile mit Applaus von der falschen Seite rechnen. Globalisierungskritik ist längst zur Domäne der Apologeten nationalistischer Abschottung geworden; wer darauf beharrt, dass sogenannte Fakten sozial und medial konstruiert werden, scheint der Produktion von „Fake News“ nichts entgegenzusetzen zu haben; und wer Kritik am Szientismus äußert, betreibt das Geschäft der Klimawandelleugner.

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