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Kritik an Bush-Regierung : Hurrikan Kanye

  • -Aktualisiert am

Zum schärfsten Kritiker der Regierung Bush geworden: Kanye West Bild: AP

Amerika hat eine zweite Trümmerfront: Ein friedfertiger Rapper hat der Regierung Bush Rassismus vorgeworfen. Und hinweggefegt, was in der Debatte über die Rettungsaktionen nach „Katrina“ noch an artigem Einvernehmen übrig war.

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          Nach dem Hurrikan Katrina nun der Hurrikan Kanye. Er fegte in ein paar Sekunden hinweg, was in der amerikanischen Debatte über die skandalös verzögerte Rettung der Katastrophenopfer von New Orleans noch an artigem Einvernehmen übriggeblieben war. Anlaß war ausgerechnet eine jener Fernsehsendungen, wie sie nach Desastern gern improvisiert werden, um mit Hilfe einiger prominenter Gäste Spenden zu sammeln.

          Eine Stunde lang sollten also Richard Gere, Glenn Close und Leonardo DiCaprio, dazu die mit New Orleans eng verknüpften Musiker Wynton Marsalis und Harry Connick Jr. sowie viele andere Stars und Sternchen der Unterhaltungsbranche die von der Fernsehgesellschaft NBC vorgefertigte Betroffenheitslyrik live vom Teleprompter lesen und, bei entsprechendem Talent, zwischendurch ein bißchen Musik machen. So lief denn alles auch planmäßig ab, bis der Komiker Mike Myers und der Rapper Kanye West für die ihnen zugeteilten neunzig Sekunden ans Mikrofon traten. Seitdem hat Amerika eine zweite Trümmerfront.

          Der Sprengstoff einer Fernsehminute

          Myers beginnt das Duett. Er muß so tun, als wüßte das Fernsehpublikum nicht seit fünf Tagen, daß die Stadtlandschaft von New Orleans sich „dramatisch, tragisch und vielleicht unumkehrbar“ verändert hat. Die nächste Teleprompterzeile gehört West. Er trägt weiße Hosen, ein Rugbyhemd, macht so einen geradezu adretten Eindruck und wirkt nervös. Dann der Akt medialen Ungehorsams. West sagt seinen eigenen Text auf: „Ich hasse es, wie sie uns in den Medien porträtieren. Du siehst eine schwarze Familie, und es heißt: Sie plündern. Du siehst eine weiße Familie, und es heißt: Sie suchen nach Nahrungsmitteln.“ Die Nothilfe ist ausgeblieben, fährt er fort, weil die meisten Menschen schwarz sind. Und er nimmt sich selbst nicht von den Vorwürfen aus: „Ich kann eigentlich nicht darüber klagen, ohne zu heucheln, denn ich habe auch versucht, die Fernsehbilder zu vermeiden, es ist einfach zu schwer, das mitanzusehen.“ Darum, sagt er, ginge er erst mal shoppen.

          Keine Verherrlichung von Sex, Drogen und Gewalt: Kanye West
          Keine Verherrlichung von Sex, Drogen und Gewalt: Kanye West : Bild: Universal Music

          Jetzt gleich wird er jedoch seinen Manager beauftragen, den „größten Betrag, den ich geben kann“, zu überweisen: „Dies sind meine Leute dort unten.“ Das Rote Kreuz lobt er, Amerika aber wirft er vor, so organisiert zu sein, daß es den Armen, den Schwarzen, den Bedürftigen möglichst langsam hilft. Darauf die Ausweitung der Anklage: „Wir begreifen schon, daß eine Menge Leute, die helfen könnten, zur Zeit im Krieg sind, anderswo kämpfen - und sie haben ihnen die Erlaubnis gegeben, nach dort unten zu gehen und auf uns zu schießen.“ Die Grammatik war etwas individuell und undurchschaubar, der Sinn der Rede aber hätte nicht deutlicher explodieren können. So viel Sprengstoff hat seit langem keine Fernsehminute mehr enthalten.

          „George Bush sind die Schwarzen egal!“

          Leichenblaß geworden, trägt Myers sein zweites Sprüchlein vor. West kennt nun keine Zurückhaltung mehr: „George Bush sind die Schwarzen egal!“ Zuviel für die geschockte Kamera. Sie wendet sich entrüstet ab und hoffnungsvoll hin zum Komiker Chris Tucker, der tatsächlich weiter im vorgeschriebenen Text fährt, als sei nichts passiert, kein unschönes Wort gefallen, keine Bombe hochgegangen. Drei Stunden später, als die Sendung zeitversetzt an der Westküste übertragen wird, ist die salbungsvolle Festatmosphäre fast wiederhergestellt. Wests Präsidentenbeleidigung kommt nicht länger vor.

          Der Skandal aber ist so nicht aus der Welt zu schaffen. Zum einen gehört West nicht zu den Rappern, die mit Sex, Drogen, Gewalt und Straßenbravado den beträchtlichen Kreis ihrer jugendlichen Fans bei Laune halten und deshalb von einem gesetzten Publikum guten Gewissens zu übersehen sind. Als Hit- und raffinierter Beatmacher im Hintergrund reich geworden, hat er als Hip-Hop-Star eher mit schlauen, witzigen, aber keineswegs frivolen Reimen Karriere gemacht und Grammies gewonnen. Der achtundzwanzig Jahre alte Mann gilt als netter Rapper von nebenan. Um so verstörender ist sein Fernsehauftritt.

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