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Krisentheorie : Der Garten Eden ist nicht genug

Der Ökonom Hyman Minsky hat den Plan geschrieben für das, was die Krise auslöste. Wir vergessen Risiken, wenn lange nichts schiefgegangen ist - und fallen dann tiefer. Dabei ist der Zusammenbruch Teil des Systems.

          Die Schlange gehört zum Paradies dazu: Weil Hyman Minsky das sinngemäß beständig behauptete und gegen alle Widerstände verteidigte, ist der 1996 verstorbene Finanzmarktforscher zurzeit gefragt. Er ist der Ökonom, in dessen Büchern und Aufsätzen Angehörige seiner Zunft, aber auch Politiker und Politikberater stöbern - auf der Suche nach einer Lösung dieser so elementar erschütternden Krise. Er ist der Ökonom, der den intelligentesten Plan unter allen verfügbaren vorgelegt hat für das, was sich im Moment an den Kapitalmärkten abspielt oder eben nicht. Die Krise verliert deshalb nichts vom Weltbildzerstörungspotential, das ihr innewohnt - aber sie wird begreifbar.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Weil Minskys Theorie einen Sinnzusammenhang herstellt zwischen „Subprime Mortgages“, „Credit Default Swaps“, „Collateralized Debt Obligations“, Wall Street, Bayern LB, Opel, Island, Irland und Osteuropa. „Bis bessere Ideen auftauchen, sollten wir seine Hypothese als Arbeitsgrundlage dafür nehmen, wie das System funktioniert“, fordert deshalb beispielsweise George Cooper, ein Hedge-Fonds-Manager, der mit dem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „The Origin of Financial Crisis“ eine der jüngsten Minsky-Rezeptionen geschrieben hat.

          Hyman Minsky, Jahrgang 1919, hat mit seiner Theorie die Arbeiten des britischen Ökonomen John Maynard Keynes fortgeschrieben. Dabei interessierte er sich vor allem für die Interaktion zwischen dem Finanzsektor und dem „realen“ Teil einer Ökonomie, die Keynes zwar schon analysiert hatte, die hernach aber sogar gestandene „Keynesianer“ immer wieder ignorierten. Minsky hielt diese Verkürzung von Keynes für einen entscheidenden Fehler. In seinem Standardwerk „Stabilizing an Unstable Economy“ aus dem Jahr 1986 warnte er davor, dass gerade in Wirtschaftssystemen mit hochentwickelten Finanzmärkten Krisen von „innen“ heraus entstehen können - und das auch werden, wenn niemand etwas dagegen unternimmt.

          Die Krise entspringt unserer Natur

          „Instabilität entsteht im System selbst“, postulierte Minsky und fügte hinzu: „Unsere Wirtschaft ist nicht instabil aufgrund von Öl, Kriegen oder monetären Überraschungen, sondern aufgrund ihrer eigenen Natur.“ Das ist der Kern. Dieses letzte, einfach darniedergeschriebene Satzstück: „aufgrund ihrer eigenen Natur“. Damit wird die Krisenanfälligkeit und -möglichkeit zu einer natürlichen Konstante: Die Schlange gehört immer dazu, auch zum Paradies; zu jenem konstruierten konjunkturschwankungsfreien Idealzustand, für den Wirtschaftswissenschaftler einmal das Wort „Vollbeschäftigungsgleichgewicht“ erdacht haben. In diesem paradiesischen Zustand endet die Welterklärung vieler „orthodoxer“ Ökonomen. Weil jeder Arbeitslose, der will, dann eine Stelle gefunden hat. Weil jedes Unternehmen seine Produkte verkaufen kann. Weil die Staatsfinanzen stimmen und Zentralbanken zu Museen geworden sind, da niemand, der in dieser Modellwelt lebt, dann noch versuchen würde, als allmächtiger Lenker die Stabilität zu stören. Genau dann geht Minskys Geschichte los. Denn er war sicher, dass das nicht von selbst so bleibt.

          „Ein genauer Blick auf das Vollbeschäftigungsgleichgewicht zeigt, dass auch daran Kräfte rütteln“, schrieb er. Umso länger die letzte Krise zurückliegt, so Minsky, umso zuversichtlicher schauen besonders die Unternehmensführer in die Zukunft. Sie erwarten, dass ihre Gewinne steigen, und investieren beispielsweise in neue Maschinen oder Gebäude. Dadurch steigen die Gewinne tatsächlich, und der Optimismus nimmt weiter zu. Spiegelbildlich dazu sinkt ihre Angst vor Risiken. Das ist nach Ansicht Minskys auch deswegen so, weil die vielen guten Nachrichten in zunehmend weniger hinterfragte Modelle einfließen, die aus einer rosigen Gegenwart eine rosigere Zukunft „berechnen“. Wenn ein Unternehmer in solch einer Zeit einmal mehr Mittel investieren will, als in der eigenen Kasse liegen, ist er darum eher bereit, sich (höher) zu verschulden. Die Banken leihen ihm gern Geld. Denn „sie befinden sich in demselben aufgehellten Erwartungsklima wie die Industrieunternehmen“, erläutert Bernhard Emunds, der mit einer Arbeit über Minsky promovierte und Direktor des Nell-Breuning-Instituts für Wirtschaftsethik in Frankfurt am Main ist.

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