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Krise des Musikunterrichts : Das Recht, zu wissen, was eine Sonate ist

Zu bald 60 Prozent nur noch fachfremd angeleitet: Ein Grundschüler spielt Xylophon nach Noten. Bild: Linda Dreisen

Nicht einmal die Hälfte des Musikunterrichts wird an deutschen Grundschulen fachgerecht erteilt. Bis 2028 wird sich der Musiklehrermangel weiter verschärfen. Steuert die Politik nicht gegen, können Kinder ihr Bildungsrechte nicht mehr wahrnehmen.

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          Jedes Kind in Deutschland hat ein Recht darauf, selbst herauszufinden, ob es sich für Musik interessiert oder nicht. Bevor ein Kind diese Erfahrung des Beglückt- oder Abgestoßenseins nicht machen durfte, kann es diese Entscheidung nicht treffen. Das Recht dazu legt der Auftrag an die allgemeinbildenden Schulen fest: Musik ist in Deutschland Pflichtfach in allen Grundschulen und bleibt es in den meisten Bundesländern bis zur zehnten Klasse. Eine Grundsatzentscheidung: Sie befreit die Persönlichkeitsbildung der Kinder von der Einkommens- und Interessenlage der Herkunftsfamilien. Denn musikalische Bildung und musikalische Aktivität von Kindern und Jugendlichen steigen hierzulande deutlich mit den finanziellen Ressourcen und der Bildungsnähe der Eltern.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Kinder aus bildungsferneren Schichten oder aus armutsgefährdeten Familien werden laut der Bertelsmann-Studie „Jugend und Musik“ von 2017 in ihrer musikalischen Bildung und Betätigung benachteiligt. Für Kinder aus ökonomisch und sozial schlechtergestellten Familien sei der künstlerische Unterricht in den Grundschulen „die mit Abstand größte, in nicht wenigen Fällen sogar einzige Chance, ein eigenes Kulturinteresse zu entwickeln und dieses zu erweitern“, heißt es in der Studie „Eltern/Kinder/Kulturelle Bildung“, die der Rat für Kulturelle Bildung 2017 herausgab. Ohne fachgerecht erteilten Musikunterricht würde also ein Großteil der Kinder gar keinen Zugang zur Musik als Kunst und zur Selbsterfahrung musikalischen Gestaltens haben.

          Doch wie steht es tatsächlich mit den Grundschulen? Leisten sie, wozu sie verpflichtet sind? Wird Musik im vollen Umfang fachgerecht unterrichtet? Die Bertelsmann-Studie „Musikunterricht in der Grundschule“ lieferte 2020 Befunde, deren Brisanz durch die Corona-Pandemie verdeckt wurde; dabei rufen sie zum sofortigen Gegensteuern auf.

          Aktuell sind nur knapp 17.300 von gut 40.400 benötigten Musiklehrkräften an Grundschulen tätig. Es fehlen also etwa 23.000 Musiklehrer für die unteren Klassen, in denen Weichenstellungen fürs Leben vorgenommen werden. Lediglich 42,8 Prozent des Musikunterrichts an Grundschulen werden im Bundesdurchschnitt fachgerecht erteilt. Je nach Land kann dieser Anteil zwischen 11,4 und 72,5 Prozent variieren. In den meisten westdeutschen Ländern machen, so die Studie, Musiklehrer weniger als ein Zehntel der Grundschullehrkräfte aus; „in den ostdeutschen Ländern ist der Anteil – noch als Folge der DDR-Fachschulausbildung für die Grundschule – deutlich höher“, in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern liege er etwa bei einem Fünftel.

          Hohe Hürden in der Ausbildung

          Der Mangel werde sich, so die Autoren Andreas Lehmann-Wermser, Horst Weishaupt und Ute Konrad, bis 2028 verschärfen. In sechs Jahren würden knapp 25.300 Musiklehrer in deutschen Grundschulen fehlen: Der Anteil fachgerecht erteilten Unterrichts werde im Bundesdurchschnitt auf 39 Prozent absinken und im Extremfall nur noch 25,7 Prozent ausmachen.

          Wie kommt das? Will niemand mehr Musiklehrer werden? Sind die Stellenpläne an den Schulen zu knapp bemessen? Genießt das Fach bildungspolitisch kein Ansehen, sodass freie Stellen durch andere Fächer gekapert werden? Die Gründe seien ziemlich kompliziert, sagt der Schulmusiker Carl Parma, Vorsitzender des Bundesverbandes Musikunterricht und Mitglied des Präsidiums des Landesmusikrates Berlin, im Gespräch mit der F.A.Z. Sie haben mit dem Berufsbild zu tun, das Leo Kestenberg vor hundert Jahren im Auftrag des Preußischen Kultusministeriums für die Musiklehrer festlegte: Es fordert die Einheit künstlerischer, akademischer und pädagogischer Arbeit.

          Jeder Musiklehrer müsse daher eine künstlerische Eignungsprüfung an einer Musikhochschule bestehen, seine Lehramtsfächer – bei Grundschullehrern neben Musik auch Deutsch und Mathematik – bis zum Diplom studieren und dann noch die Lehrbefähigung nachweisen. Die Studierbarkeit des Faches lege dem pädagogischen Nachwuchs eine hohe Last auf. Wer die künstlerische Eignungsprüfung an der Hochschule bewältige, scheitere dann vielleicht an den Mathematik-Klausuren im Diplomstudiengang; wer eine hervorragende pädagogische Begabung habe, sei vielleicht nur ein mittelmäßiger Geiger oder Pianist und würde an der Hochschule einbrechen.

          „Zudem“, so Parma, „ist die künstlerische Ausbildung an den Hochschulen oft so gut, dass nur die Hälfte bis zwei Drittel aller Lehramtsstudienanfänger das Ende des Studiums auch erreichen. Die anderen sind vorher schon abgebogen und haben eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Es kommt vor, dass eine Lehramtsstudentin zum Hauptfach Gesang wechselt und dann Opernsängerin wird. Später kann es dann sein, dass sie als Quereinsteigerin in den Lehrberuf zurückkehrt.“ Die letzte große Hürde sei das Referendariat, da viele Lehramtsanwärter psychisch schlecht damit zurechtkämen, Schüler zu benoten und gleichzeitig von Seminarleitern benotet zu werden. Das führe auf den letzten Metern der Ausbildung oft noch zur „Schulflucht“ des Nachwuchses.

          Die Pandemie habe, sagt Parma, die Zustände weiter verschärft. Zum einen sei die Ensemble-Arbeit in den Orchestern, Bands und Chören der Schulen fast völlig zum Erliegen gekommen, mit einem massenhaften Ensemblesterben als Folge, das viele Schulmusiker als irreversibel ansähen: „Die Pandemie hat ein soziales Loch gerissen, das man nicht einfach durch Digitalisierung füllen kann.“

          Als nicht wesentlich abqualifiziert

          Zum anderen haben die Äußerungen des Bildungsexperten Olaf Köller vom Institut zur Qualitätsforschung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität, der zugleich als Berater der Bundeskanzlerin arbeitete, verheerend gewirkt. Köller drängte darauf, bei der Beseitigung von Lehrplanrückständen infolge pandemiebedingten Unterrichtsausfalls radikal zwischen wesentlichen und unwesentlichen Fächern zu unterscheiden. Am 30. Januar 2021 ließ er im ZDF-Morgenmagazin verlauten: „Die Kompetenzen in Deutsch und Mathematik sind prägend und zentral für die berufliche Karriere. Und dann muss man in dieser besonderen Zeit auch mal die Kröte schlucken, dass man auf einzelne Fächer verzichtet.“ Welche Fächer er damit meinte, hatte er zuvor in der „Welt“ ausgesprochen: „Auf Fächer wie Musik, Religion oder Sachunterricht müsste man verzichten.“ Politisch war das ein Schlag ins Gesicht der Schulmusik: „Das, was wir uns als Standing des Faches erarbeitet hatten, ging dadurch auch noch verloren“, sagt Parma.

          Nun könnte man vorbringen, was immer vorgebracht wird an dieser Stelle: dass Musik die Kreativität fördere und Kreativität die wichtigste Ressource der Industrieländer sei; dass das Singen von Liedern die Gedächtnisfähigkeit stärke, zu einer sensomotorischen Einverleibung von syntaktischen Strukturen der Sprache, von Versmetren und Reimformen führe; dass Musik als Proportionslehre die mathematische, als Rhetorik und Prosodie die sprachliche Seite unseres Denkens, zugleich aber auch unser Empfinden und als Bewegungskunst die Motorik anspreche, mithin alle Partien des Gehirns gleichermaßen fordere. Aber damit bestätigte man bloß die Hierarchie von Musik als Hilfskunst, die Leistungsträger zu optimieren habe. Um ihrer selbst willen wären damit weder sie noch die Kinder ernst genommen.

          Nun sieht aber unser Schulsystem vor, dass alle Kinder nicht nur wissen, wie man den Durchmesser eines Kreises berechnet oder welche Präpositionen den Dativ, welche den Akkusativ verlangen, sondern ebenso, was eine Fuge, eine Sonate, eine Symphonie ist oder wodurch sich die Tonalität des Blues auszeichnet. Auf die Misere des Musikunterrichts wollte das Land Berlin vor den Ferien reagieren, indem es Mangelfächer durch unbenotete „Projekte“ mit Künstlern ersetzt.

          Dabei wird es Zeit, über einen Wandel in der Musiklehrerausbildung nachzudenken: Müssen die Hürden für eine künstlerische Eignungsprüfung so hoch sein? Ist es nötig, zwei weitere Fächer neben Musik im bislang vorgeschriebenen Umfang zu studieren? Genügt nicht auch eins? Wäre es in der künstlerischen Ausbildung nicht sinnvoll, zugleich Musikvermittlung mit zu unterrichten, um eine pädagogische Befähigung vorzubereiten, falls es mit der künstlerischen Laufbahn nicht klappt? Vor allem aber sollten die wenigen Musikfachlehrer dann auch Musik unterrichten und ihr Stundendeputat nicht zwangsweise mit der Vertretung anderer Fächer, die als „zentral“ gelten, füllen müssen. Ob Musikunterricht aus Kindern bessere, klügere Menschen macht, ist genauso offen wie beim Mathe- oder Deutschunterricht. Aber er könnte ein Weg zu einem Glück sein, das zu entdecken ihnen zusteht. Hier ist der Staat in der Pflicht.

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