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Krise der Germanistik? : Wir Todgeweihten grüßen euch!

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All das tut sie, mit großem Erfolg. Die Menschen, die sie nach dem Studium in die Berufswelt entlässt, sind dann nicht unbedingt als Germanisten tätig und kenntlich. Aber sie sind doch - und das wäre das eigentliche Lernziel - mit einer höheren Sensibilität für Sprache, menschliche und kulturelle Komplexitäten ausgestattet. Warum sollten so ausgebildete Germanisten also nicht auch in die Werbung gehen, und das nicht einmal mit deprimierenden Berufsaussichten? Freilich gerät eine solche Konstellation zum Stresstest für die Alleinstellung der Kunst, seit der Goethe-Zeit Autonomieästhetik genannt.

Neue Herausforderungen für eine historisch arbeitende Disziplin

Wenn die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Sianne Ngai (keine Germanistin, räumen wir ein) Begriffe wie „zany“, „cute“ oder „curious“, die man vormals als „Kulturindustrie“ abgetan hätte, nicht mehr als zu belächelnde Randphänomene ausstellt, sondern als „our aesthetic categories“ begreift und zu ihrer theoretischen Durchdringung anrät, wenn Pop oder Camp seit den sechziger Jahren maßgeblichen Anteil an der Bildung innovativer literarischer Formen haben, dann erscheint es nicht so seltsam, dass auf Germanistentagen (ja, sie könnten mitunter aufregender sein und das Potential des Faches offensiver abbilden) neben Fontane und Thomas Mann auch „Film, Comic und Computerspiel“ zur Debatte stehen, um nicht zu sagen: auch die Offenheit und Prozesshaftigkeit gegenwärtiger Literatur.

Nimmt hier eine historisch arbeitende Disziplin neue Herausforderungen an, so gilt das ebenso für ihre nationalphilologischen Wurzeln. Wenn die aus Ungarn stammende Autorin Terézia Mora anmerkt: „Ich bin genauso deutsch wie Kafka“ - mag sich in diesem Satz wohl die ganze kulturpolitische Brisanz in aktuellen wie historischen Bezügen verdichten, die mit kulturellen Mehrfachzugehörigkeiten und (gewaltsam erzwungenem) Kulturwechsel zu tun haben.

Rollenprosa eines Romantikers oder einfach Kitsch

In Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, aus dem auch Doerry jene so traurigen wie lustigen Sätze zur ulkigen, sich nur um ihrer selbst willen fortzeugenden Literaturwissenschaft entnimmt, steht an anderer Stelle: „Über Literatur ist vieles, vielleicht zu vieles geschrieben worden (als Literaturwissenschaftler steht mir dieses Urteil mehr als jedem anderen zu).“ Wohl wahr. Dann aber singt der Held (nicht der Autor, so viel Houellebecqmesserei sei hier erlaubt) einen Lobgesang auf die Literatur als „Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist“, und zwar „auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre“.

Das mag Rollenprosa eines Romantikers oder einfach Kitsch sein. Dennoch: „Niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet.“ Vorausgesetzt, man darf das leere Blatt selbst beschreiben.

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